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Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hausfreund.

2». FG. Wiesbaden, den 29. Mac 1S31» Zweiter Jahrgang.

Der ,,9lUgemcinc Nassauische Anzeiger und Hausfreund" wird im Interesse der Gemeinden dem , Allgemeinen Nassauischen Schulblatt" als Gratis-Beilage zugegeben. Besondere Atwnncmeutö auf denAnzeiger uu» Hausfreund können <juartaläter â 84 kr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalte« gema - t werden.

Inhalt:

Zur Unterhaltung und Belehrung:Maria Tschiganeka." Der Ver bäcMige. Rundschau.

Zur MerhMuW und Delehrung.

Maria Tschiganeka.

(Schluß.)

An jenem Abende, wo unsere Erzählung beginnt, gab man zum ersten Male eine Mozart'scke Oper, die in's Russische über­setzt war, und Maria sang die Hauptrolle. Alle Logen waren besetzt, in allen horchten Damen in glänzenden Anzügen, und Herren in goldgesticktem Hofkleide, oder in reicher Uniform, begierig der noch unbekannten Musik, während sich im Parterre Leute aus dem Mittelstände und alte Kaufleute, noch mit langen Bärten, drängten. Als der Vorhang fiel, ward Maria begei­stert gerufen; nie hatte sie aber auch schöner gesungen; der alte Pugatschin schwamm in einem Meere von Wonne, und Feodor, in einer Eckloge, dem Proscenium ganz nahe, verwandte kein Auge von ihr. Als sic vortrat, um dem Publikum zu danken, suchte er ihre Blicke; sie bemerkte ihn, und sah ihn eine Secunde durchdringend an, aber es lag so viel Verachtendes, so viel Zorn in ihrem Blicke, daß er ihn nicht zu ertragen vermochte. Es lag die ganze Rache einer Sklavin darin, die, für einen Moment Königin, von ihres Thrones Höhe herab den nieder­blitzte, den sie für ihren Unterdrücker hielt.

Nach dem Theater sah Maria, als sie in ihren Schlitten stieg, um nach Hause zu fahren, am Portale des Opernhauses einen Mann stehen, der die eine Hand aufs Herz drückte, die andere wie flehend gegen sie erhob. Es war Feodor.

Noch in derselben Nackt wurde er plötzlich aufgeweckt; sein Oheim, der alte Fürst, war schnell einem Schlaganfalle erlegen und befand sich int Sterben. Feodor eilte an sein Lager, aber zu spät, er hatte schon aufgehört zu leben. Vom Tode über­rascht, hatte er kein Testament gemacht, und so war Feodor sein einziger Erbe.

Nach einigen Tagen, die ganz der Trauer um seinen väter­lichen Freund geweiht waren, eilte Feodor zu Maria. Sie war kalt gewesen gegen ihn, wie sie es immer gewesen. Das neue Verhältniß, in dem sie zu Feodor stand, der nun, kraft seiner Erbschaft, ihr Herr geworden war, hatte nichts in ihrem Ge­fühle gegen ihn geändert? er war ihr verhaßt, wie zuvor. Der junge Offizier wollte ihr von Liebe reden, sie schloß ihm den Mund mit den Worten: »Ich bin Ihre Leibeigene, Herr, aber niemals werde ich Ihre . . .

Maria!" rief Feodor in vorwurfsvollem Tone.

»Böten Sie mir selbst die Ehre an, Ihren erlauchten Namen zu tragen," sprach sie weiter, »ick würde mich dessen weigern. Es würde also vergeblich sein, wollten Sie noch weiter in mich dringen.»

Das sagte sie so ruhig, so kalt, und in so entschlossenem Tone, daß Feodor fast wahnsinnig darüber geworden wäre. Er weinte, er wälzte sich auf dem Boden umher, er küßte die Füße der Sängerin. Maria ergriff Mitleid mit ihm; sie faßte seine Hand und sagte ihm sanft:Ermannen Sie sich, Herr, weß-

halb sich so betrüben? ich hasse Sie ja nicht, ich gestehe Ihnen nm vffn, daß ich Sie nicht liebe, Sie nie lieben werde . . ."

Mariens sanfte Worte verletz en ihn noch mehr, als ihre Härte. Er sah ein, sie werde sich nie und nimmermehr seinen Wünschen ergeben; er schäinte sich seines unnützen Strebens um ihre Gunst, und floh ihre Nähe.

Von da an kam eine andere Krise der Leidenschaft bei Feo­dor zum Ausbruche. Seine Verzweiflung wandte sich in Wuth, und er dürstete nach Rache.

Eines Morgens hieß es in ganz Petersburg, die schöne Maria, die Zauberin, die Fee sei verschwunden; zugleich erfuhr man, Feodor Pugatschin habe beini Kaiser um Urlaub zu einer Reise nach Frankreich nachge ucht und ihn erhalten. Diese beiden Nachrichten machten nicht geringes Aufsehen, man er­schöpfte sich in allerlei Vermuthungen , und fand es zuletzt sehr natürlich, daß Maria, in Feodor verliebt, mit ihm nach Frank­reich gereist sei, um ihre Schwäche vor den Augen Derer zu verbergen, welche ihre Tugend so sehr bewundert hatten. Die Geschichte von Mariews Flucht und Feodor's Urlaubsreise machr« vierzehn Tage lang die Runde durch alle Abendgesellschaften in St. Petersburg. Doch, man vergißt Alles, selbst Entführun­gen; Übervieß kam bald nachher eine französische Tänzerin an, die allen jungen Männern die Köpfe verrückte. WaS war natürlicher, als daß man über der Tänzerin die Sängerin vergaß?

Doch war Feodor nickt nach Paris gereißt, und Mariens Entfernung aus der Hauptstadt nicht freiwillig gewesen. Eines Abends, als sie aus der Oper nach Hause kehrte, hatte sie den V.rwalter des jungen Fürsten in ihrem Zimmer gefunden, der auf Befehl seines Herrn, und kraft der Rechte, welche dieser über sie besaß, ihr befahl, in einen bereit stehenden Wagen zu steigen, sich neben sie setzte und mit ihr, so schnell die Pferde eilen konnten, einem entlegenen Landgute zufuhr. Maria hatte, ohne ein Wort des Widerspruchs, gehorcht, sie kannte zu gut die Hilflosigkeit ihrer Lage.

Dem Willen seines Herrn nach, führte sie der Verwalter in das Dorf, wo sie geboren worden. Es lag tief in der Krimm, mehr als siebenhundert Werste von der Hauptstadt entfernt, selbst weit von jeder Stadt entlegen, worin der Sitz einer höhe­ren Behörde. Auch wußte Feodor recht wohl, wie gering dir Verbindung zwischen der Hauptstadt des Reichs und diesen fernen Gegenden sei, und so sollte das Dorf Vianza ein wahre? Grab für Maria werden. Er selbst begab sich dorthin, seine Anwesenheit konnten sich die Bewohner jener Gegend sehr leicht erklären; was war auch natürlicher, als daß der Erb» Die Güter bereiste, welche ihm erst kürzlich zugefallen waren. Und so war alles schlau genug berechnet.

Das e.fte menschliche Wesen, bas Maria sah, als sie in Vianza auS dem Wagen stieg, war der Fürst Feodor. Er grüßte sie ehererbietig und bot ihr den Arm; sie wandte sich von ihm ab und ließ sich von dem Verwalter führen. Feodors Wuth war gränzenlos.

Die hölzerne Hütte, welche einst ihre Eltern bewohnt hatten, wurde jetzt wieder Maria zur Wohnung angewiesen; sie mußte ihre schönen, reichen Kleider mit einem groben, wollenen Kittel vertauschen, und ihre üppigen Locken in zwei Flechten zwängen,