Anzeiger & Hausfreund.
Allgemeiner
^>. 14.
Wiesbaden, den 15 Mai 1851
Zweiter Jahrgang
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Inhalt:
Zur Unterhaltung und Belehrung: „Der Freund in der Noth", eine Erzählung von I. K. Busch. (Schluß.) — Wie einmal in Frankfurt a. M. ein kluger Richter gerichtet hat. — Die alte Wanduhr. Schwank von Dr. Rödiger.— Mannichfaltiges.
Wie einmal in Frankfurt am Main ein kluger Richter gerichtet hat.
Um das Jahr, da man nach Christi Geburt zählte Ein Tausend, vierhundert und sechs, begab sich's, daß ein Kaufmann gen Frankfurt auf die Messe geritten ist und hatte einen Mantelsack von Leder hinter fich, in dein waren, gutgezählt, acht Hundert Gulden. Der Mantelsack war aber entweder schlecht aufgeschnällt oder die Riemen waren locker geworden und der Kaufmann mochte an das Spekulieren mehr denken, als an den Mantelsack (war auch Einer, der an dem Hätt'ich mehr Gefallen fand, alS an dem ehrlichen Hab'ich) — kurz — er ging los, fiel herab und der Gaul konnte nicht reden und der Kaufman» sah's nicht -— und ritt fürbaß. Als er aber an die Warte kam, merkt er's und sah betrübt drein. Der Wächter fragt ihn: Warum macht Ihr ein so brummig Angesicht, Herr? Da sagt's ihm der Kaufmann. Der Wächter rieth ihm, er solle zürückreiten, vielleicht finde er den Ausreißer noch. Das that der Kaufmann; aber er kam nach zwei Stunden brummiger zurück, denn er hatte den Mantelsack nicht gefunden. Rieth ihn, der Thorwächter: er solle eS nächsten Sonntag nach der Liesse von den Geistlichen verkündigen lassen und dem ehrlichen Finder ein Tüchtiges geben.
Das gefiel dem Kaufmann und als die Pfarrer und Frühmesser ani nächsten Sonntag mit der Messe fertig waren, sagten sie, es sei ein Mantelsack, so und so, verloren worden, und seien acht Hundert Gulden drinnen; wer ihn mit dem Geld» ehrlich zurückbringe, der solle Hundert Gulden als Belohnung haben. Ein Zimmermann von einem nahen Dorfe war selbigen Morgen nicht in der Kirche gewesen; als aber seine Frau heim- kam, erzählt sie'S ihm, was der Frühmesser gesagt vom A bis Tz und meinte: Ach hätten wir dock den Fund gethan , da könnten wir ehrlich zu großem Reichthume, zu Hundert Gulden, kommen!
Der Mann sagte: Als ich vorgestern von der Arbeit heimging nach der Feierabendglocke, da hab' ich den Sack funden, hab' das Geld gezählt und richtig, es waren acht Hundert Gulden drin. Dacht' ich, der das verloren, geht Morgen auch nicht zum Tanz, und kratzt fich hinter den Ohren, und es heißt: Finden, finden, wiedergeben. Da macht ich ihn wieder zu und legte ihn droben in die Kammer unter die Bank beim Tisch auf den Absatz der Mauer und dachte, wer ihn verloren hat, wird nicht stillschweigen. Geh' hin und hol' ihn, daß ich ihn gen Frankfurt trage zu seinem Herrn.
Da hat die Frau mit dem ganzen Gesichte gelacht und ist schier in der Eile die Treppe hinauf gefallen, wo dann die Elle drei Batzen kostet.
Der ehrliche Zimmermann nimmt den Sack auf die Schulter geht gen Frankfurt und findet seinen Mann.
Jst's wahr, sagte er zu ihm, daß Ihr einen Sack verloren habt, ist von Leder und find acht Hundert Gulden drin?
Ja; sagte der Kaufmann froh.
Jst's auch wahr, daß Ihr dem ehrlichen Finder, der ihn Euch unverkürzt zurückbringt, Hundert Gulden zu Lohn gebet?
Ja, sagte der Kaufmann langsam.
Nun, fährt der Zimmermann fort: Hier ist Euer Sack, zählet das Geld und gebt mir meinen Lohn!
Zur UnterhaltuD^und Belehrung.
Der Freund tit der Noth.
(Erzählung von I. K. Busch.) (Schluß.)
Zum Schlüsse muß ich noch Etwas bringen, an das der liebe Leser unterdessen vielleicht schon oft gedacht hat. Er erinnert sich wenigstens, daß Karl ein Märchen Namens Lisbeth kennen lernte, und daß er dem manches Brieflein geschrieben hat. »Wie fleht es mit der? wird er fragen. Gut! Du brauchst nicht bang zu haben. Obgleich Karl ein reicher Mann wurde, so war und blieb er doch ferne von Geiz. Und nur Letzterer hätte Karl und Lisbeth scheiden können. Der liebe Leser freut sich für Lisbeth und denkt: »Nun, die kann einmal von Glück sagen. Von einer Dienstmagd zu einer reichen Bürgermeistersfrau gemacht zu werden, will viel sagen.» Und ich, lieber Leser, freue mich für Karl. Ein solcher wie er, braucht eine tüchtige Hausfrau, die im Gutesthun sowohl, als im Haufen und Sparen so eigentlich zu Hause ist. Auf die Bürgermeistersfrau sehen die Weiber auf dem Lande gar viel. Weiß die ordentlich mit Allem fertig zu werden, so daß sie bei den andern Frauen in gutem Rufe steht, so ist für den Mann schon viel gewonnen. Und das war bei Lisbeth der Fall. Wer kennt nicht den Einfluß, den die Weiber auf ihre Männer ausüben? Ich erinnere mich, erlebt zu haben, daß einmal ein tüchtiger Mann deßwegen nicht Bürgermeister wurde, weil seine Frau nichts taugte. Die Weiber ruhten nicht bis sie einen Andern wählten. Man kann ihnen in diesem Punkt nicht so ganz Unrecht geben. — Aber Karl hatte auch im engern Sinn eine Gehülfin an Lisbeth. Wenn der Mann müde von der Last des Tages nach Hause kommt und findet da Alles gereinigt und gescheuert, so hat er schon halb ausgeruht. Kommt ihm vollends seine Frau entgegen , heißt sie ihn willkommen, trocknet sie ihm den Schweiß von der Stirne und sucht sie ihn zu bewirthen mit dem, was die Küche bietet — so vergißt er die Leiden der Zeit und die Mühseligkeiten des Tages. Es ist ihm, als umschwebe ihn ein tröstender Engel. Stets in der Nähe eines solchen Weibes zu sein, ist dem Manne sein größtes Vergnügen. Er liebt und wird geliebt, oder besser gesagt: weil er geliebt wird, liebt er wieder. In diesem Punkte glaube ick nicht, daß es der Lisbeth Eine zuvor gethan hätte. Und wer ist denn im Stande die Freude zu beschreiben, die Karl zu Theil wurde, als ihn Lisbeth mit einem wackern Buben beschenkte? Diese Freude muß erlebt werden. Karl erfuhr die Wahrheit der Worte: »Sie (eine brave Frau) thut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang.»
Item: Wenn der Herr einen jungen Mann segnet, läßt er ihn ein tüchtiges Weib finden, wie z. E. Karl seine Lisbeth gefunden hat. Und wenn Er einen Menschen von seinem Unglück befreien will, führt Er ihm einen Freund zu, der auch in der Noth treu bleibt, wie z. E. Karl den Distelhäusern zuge- sührt wurde. —