AUgemilltl IhflanisdKi Astiger & ^wfhiiM.
H'. O. Wiesbaden, den 10. April 1851* Zweiter Jahrgang.
Der „Allgemeine Nassauische Anzeiger und Hausfreund" wird im Interesse der Gemeinden dem , Allgemeinen Nassauischen Schulblatt" als Gratis-Beilage zugegeben. — Besondere Abonnements auf den „Anzeiger und Hausfreund können quartaliter â 84 kr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten gcma.kt werden.
Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dors- Novelle vom Westerwald (Fortsetzung).—
Die Christen von heute und sonst.
Zur Unterhaltung und Belehrung.
5 Marilian.
Eine Dorf-Novelle vom Westerwald. (Fortsetzung.)
Der Amtmann munterte ihn auf, Alles ohne Sckeu anzuführen was zu der Sache gehöre, und damit in Zusammenhang stehe, und Philipp erzählte demnach:
«Die Marilian hatte einen Bruder, der nun todt ist, der war mit mir in gleichem Alter und ein Spiel - und Schul- kammerad von mir. Von Kind auf kam ich fast jeden Tag zu ihm in sein elterliches Haus und demnach auch zu der Marilian, die ein Jahr jünger war, als wir Beide. Ich war «in wilder und ausgelassener Bube, Marilian dagegen war sanft, still und schwächlich. Ich war ihr sehr zugethan und »eckte sie deßhalb oft, sie aber konnte mich nicht leiden. Als wir aus der Schule waren, und bei mir die Zeit kam, wo die Bursche anfangen, nach den Mädchen zu schauen, gab ich ihr oft zu verstehen, daß ich ihr gut sei, und daß ich sie lieber hätte, als sonst Jemanden auf der Welt. Sie wollte aber nichts von mir wissen, und doch war ich bei andern Mädchen des Dorfs wegen der tollen Streiche, die ich manchmal trieb, und wegen der spaßhaften Einfälle, die ich zuweilen halte, wohl gelitten. So blieb es zwischen uns bis sie 16 und ich 17 Jahr alt war. Da wurde Marilians Bruder krank; ich kam nun täglich in das Haus, half den Kranken pflegen und wachte bei ihm so oft es nöthig war. Ich weiß nicht, ob meine Sorge um den kranken Bruder Marilian günstig für mich stimmte, aber sie war von da an gut gegen mich; sie ließ mich nicht mehr, wie früher ohne Antwort, wenn ich zu ihr sprach, und freute sich oft herzlich über die Spässe, die ich ihr zu Gefallen und dem kranken Bruder zur Unterhaltuug machte. Es war dies vor zwei Jahren im Winter. Am Tage vor Neujahr war ich wieder in Weißer's Haus. Es war des Nachmittags — ich erinnere mich noch so deutlich dran, als ob es Gestern gewesen wär' —■ Marilian, der kranke Bruder, der aber ein wenig das Bett verlassen hatte, und ich waren allein in der Stube, Mari- lianS ältere Schwester Kathrin war in ein Nachbarshaus Spinnen gegangen, und der alte Weißer war hinaus in's Feld, um junge Obstbäume mit Stroh zu umbinden, daß sie vom Wild nicht verschädigt würden. Da wurde durch das Dorf ausgeschellt, daß das Schießen in der kommenden Neujahrsnacht bei schwerer Strafe verboten sei. Ich lachte darüber und sagte das Ausschellen und Verbieten sei für nichts, es werde doch geschossen, wie es denn in den Dörfern von jeher üblich ist, daß die Bursche ihren Mädchen in der Neujahrsnacht vor den Fenstern das Neujahr anschießen, und sich davon durch kein Verbot und keine Strafe abhalten lassen. Marilian sagte darauf zu mir, ja ich sei auch einer von denen, die sich erst immer groß machten, und hintenher keine Kurage hätten; wenn ich's denn so groß im Sack habe, dann solle ich ihr einmal in der Nacht
das Neujahr anschießen, ohne mich erwischen zu lassen. Ich entgegnete, ich hätte das ohnehin schon thun wollen, und sie erwiderte darauf, nun wenn ich's fertig bringe, und nicht dabei erwischt werde, dann wolle sie bei der Musik, die am Neujahrs- tagabend im großen Wirthshaus unsers Dorfs sein sollte, den ganzen Abend über mit mir tanzen.«
«Ist nicht Alles so wahr, wie ich gesagt hab', Marilian?» unterbrach hier Philipp seine Erzählung, sich zu dem Mädchen wendend, dieses aber blickte ohne zu antworten vor sich nieder, während sein blasses Gesicht nur flüchtig von leiser Glut überflogen wurde.
Der Amtmann machte Philipp den Vorhalt, daß das von ihm Erzählte mit dem Vergehen, dessen er beschuldigt sei, in keinem Zusammenhang zu stehen scheine, und daß er sich deßhalb kürzer fassen und zur Sache komnien müsse. «Lassen sie mich nur gewähren, Herr Amimann," sagte Philipp, «Sie werden bald sehen, daß Alles wohl mit einander zusammenhängt, und daß ich nichts verschweigen darf!"
Dann fuhr er, von dem Richter dazu aufgefordert, zu erzählen fort:
«Ich war ganz glücklich, daß die Marilian gesagt hatte, sie wolle mit mir tanzen, und würde gern in der Nacht eine Kanone vor ihrem Fenster losgeschossen haben, wenn ich sie hätte bekommen sönnen. — Mein. Vater, der damals schon nicht mehr lebte, war ein Zunmermann gewesen, und auf dem Speicher unsers kleinen Hauses, das meine Mutter und ich allein bewohnen , lag noch einiges Zimmerhandwerksgeräth durcheinander. Ich hatte darunter oft eine alte Pistole gesehen, die zuweilen beim festlichen Aufschlagen neu gebauter Häuser zu Freuden- schüssen benutzt worden war. Diese Pistole suchte ich hervor. Sie war lange nicht mehr gebraucht worden, und sehr verrostet. Ich putzte sie so gut ich's verstand, kaufte mir dann Pulver und lud sie damit. Nach 12 Uhr in der Nacht, als bereits allenthalben im Dorf die Neujahrsschüsse fielen, schlich ich mich an das Haus Weißers unter das Fenster des Kämmerchens, in rem, wie ich wußte, Marilian und ihre Schwester schliefen. Ich hob die Pistole in die Höhe, rief zum Kammerfeuster hinauf: «Prost Neujahr, Marilian, vergiß nicht, was du mir versprochen hast!" — und drückte los. Ich hörte einen ungewöhnlich heftigen Knall, empfand zugleich einen furchtbaren Schmerz am Kopf und am rechten Auge, und stürzte kefin- »ungslos nieder. Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Kopfe blutend, und krank daheim im Bett, und meine alte Mutter stand weinend bei mir. Die Pistole war mir bei dem Schuß in der Hand zersprungen, ein Stück davon war mir an den Kopf gefahren und hatte mir das rechte Auge getroffen.— Ich lag fast ein Jahr lang an meinen Verletzungen darnieder. Alle Leute im Dorf nahmen Theil an meinem Unglück, nur Weißer und seine Familie kümmerten sich nicht um mich. Auch Marilian fragte nichr nach mir, und doch war sie im Grund ric Ursache meines traurigen Schicksals. Endlich war ich wieder hergestellt, aber ich hatte nur noch ein Auge, mein rechtes war verloren gegangen, und als ich wieder hinaus in's Dorf kam, nannten sie mich den scheelen Philipp und nennen mich so bis auf diese Stunde.
Durch mein langes Darniererliegen hatte es Stele Kosten