Allgemeiner Nassauischer Geiger &
2». ^» Wiesbaden, den 23 Januar 1831.
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Anhalt:
Erzählung: Der Uebergang Blüchers über den Rhein bei Caub am 1. Januar 1814. (Schluß.) — Alles nach der Ordnung.
Naturgeschichtliches.
Mannichfaltiges.
Der Uebergang Blücher's über den Rhein bei Caub, am 1. Januar 1814.
(Fortsetzung und Schluß.)
Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, kam uns endlich eine Freudenbotschaft zu, die Proclamation der Verbündeten und die Blüchers. Sie fanden heimliche Wege zu den Be- ängsteten. Nun wurde die Last vom Herzen gewälzt, und man sah dem früher oft gefürchteten Augenblicke mit froher Hoffnung und Sehnsucht entgegen. Wie wurden diese wichtigen Dokumente von Haus zu Hause getragen! Wie verschlang man sie mit den Augen! Nirgends in unsrer Nähe waren in diesen letzten Tagen mehr Soldaten, als in Bacharach und Simmern auf dem Hunsrücken; deren waren aber so wenige, daß man versucht war zu glauben, man habe sie vergessen; denn einen Uebergang mit ihnen streitig machen zu wollen, wäre wahnsinnig gewesen.
So stand e8 auf dem linken Rheinufer in der nächsten Umgebung deS Ortes, wo der Uebergang nicht mehr bezweifelt werden konnte. Wer die Lage von Caub kennt, wird zugestehen müssen, daß mit geringen Streitkräften leicht der Uebergang an dieser, von hohen Gebirgen umschlossenen Stelle, hätte mögen streitig gemacht werden; allein es geschah nicht das Geringste zudiesem Zwecke.'
Blüchern konnte das Entblößtskin der Gegend von französischen Truppen kein Geheimniß sein. Auf dem Wege, auf welchem die Proklamationen herüber kamen, drang auch die nöthige Kunde hinüber. In Bacharach standen n icht ganz zwei hundert Mann Infanterie, und in S i m m e r n etwa ein Bataillon — vielleicht nicht einmal so viel.
In und bei Caub konnte man auch nicht die leiseste Spur entdecken, daß man hier einen Uebergang beabsichtigte. Die Gebirge und die sie krönenden Wälder verdeckten, was dort vorging, wo sich die Schaaren der Befreier langsam zusammen zogen. Dieß sand besonders bei dem, oberhalb Caub, hinter Waldesschutz liegenden Dörfern, namentlich bei Weisel, Statt. Dort arbeiteten Russische Brückenbauer schon ziemlich lange an dem Holzgerippe der Brückenschiffe, welche, mit vielfach getheertcm Segeltuche benagelt, bestimmt waren, das Befreiungs- Heer auf daS linke Rheinufer zu tragen. Am Tage vor Neujahr war die Brücke fertig, und jetzt rückte die Vorbuth des Blücher'scheu Armeekorps, unter dem Befehle des Generals von Hühnerbein dort ein.
Eine Heerstraße führt von Weisel herab nach Caub in einem vom Städtchen landeinwärts ziehenden Thale. Sie war in fatalem Zustande, und mußte noch in jener ewig denkwürdigen Nacht in so weit hergestellt werden, als es möglich war.
Kaum senkte sich der letzte Abend des an den-wichtigsten Ereignissen so reichen Jahres 1813 herab auf das Rheinthal, so zogen Kopf an Kopf, in fast lautloser Stille die Truppen den steilen, Gebirgsweg hinunter nach Caub, und in dem Orte füllte sich bald der beschränkte Raum so an, daß Niemand durchkommen konnte. Und kein Licht durfte die Dunkelheit erhellen. Auf der Seite gegen den Rhein, wo ein breiter, an
sehnlicher Raum ist, .bemerkte man nichts. Es herrschte eine Stille, daß man die leichtbewegten Welle» des Rheines am jenseitigen Ufer konnte in ihrem Geplätscher branden hören. In den Häusern, deren Fronte dem Rheine zugewendet ist, schien nicht einmal ein Licht. Nur wollte man später in Einem Hause dann und wann ein schnelles Lichtausblitzen grgen das jenseitige User bemerkt haben — Lichtsignale eines dort wohnenden Schneiders, französischer Herkunft, Namens War- r o guter; allein diese Thatsache ist mit Grund in Abrede gestellt worden. Der Mann hatte Feinde und die Verlâumdung fehlt nie. Ich, meines Ortes, habe genaue Erkundigungen darüber angestellt, habe aber niemals Gewißheit erlangen können.
Mit der erbrechenden Dämmerung traf der Feldmarschall Blücher mit seinem Staabe in Caub ein und nahm sein Quartier bei der Wittwe Külb in der Stadt. Kaum angelangt, begab er sich, begleitet von seinem Staabe, in das Haus des protestantischen Pfarrers Ah les, und ersuchte diesen, Die Kirche öffnen zu lassen, weil er alle Schiffer der Stadt dorthin habe bescheiden lassen. Er selbst (der Pfarrer) fuhr der alte Held fort, möge seinen Ornat anlegen und mit ihm gehen, wo er eine Anrede an die Schiffer halten und sie in Eid und Pflicht nehmen solle. Der Geistliche beeilte sich, dem Befehle des Feldmarsch alls zu entsprechen. Nach kurzer Frist traten sie in die Kirche, wo dichtgedrängt die Schiffer des Ortes standen, nicht ohne ängstliche Erwartung dessen, was da kommen sollte.
Der alte Blücher redete sie in kräftiger soldatischer Weise an, indem er ihnen eröffnete, daß er bei der Pfalz' über den Rhein gehen und dabei ihrer thätigen Mitwirkung" bedürfen würde, da das Schlagen der Brücke mit solcher Schnelligkeit nicht vor sich gehen könne. Schlag zwölf Uhr würde er den Vortrab übersetzen lassen in ihren Kähnen; dabei zähle er unbedingt auf ihre Treue und Hingebung an die gute Sacke. Darauf sollten sic ihm jetzt den Eid der Treue leisten. Er wandte sich nun an den Pfarrer Ah les, und bat ihn, die Eidesleistung anzunehmen. Tief ergriffen von der hohen Bedeutung des Augenblicks, sprach nun dieser aus der Fülle seines Herzens. Heraus unD recht in die Herzen der Männer' hinein und in der vollen Begeisterung leisteten sie den Eid. Auf den Befehl des greisen Feld Herrn blieben sie alle in der Kirche bis zur Stunde der Entscheidung.
Wie genau Blücher von allen Einzelnheiten unterrichtet war, gebt daraus hervor, daß er den Odin eiter Warro d» guier als einen Franzosen kannte. Er hielt ihn für einen Spion. Er mußte vor ihm erscheinen und er ließ ihn sehr hart an, nannte ihn einen Spion, und kündigte ihm bündig sein Urtheil an, wenn irgend eine Zweideutigkeit wahrgenommen : werde. Ich habe Dich ansersehen, sagte er zu ihm, daß Du meineVorhuth hinüber führen sollst. Sie muß über Henschhausen (dies Dèrfcken liegt auf der Höhe des Gebirges gegen Caub überi) nach Bacharach geführt werden, damit sie die dort stehenden Franzosen aufheben kann. Du, bleibst hier, sagte er zu ihm, bis zu dem Augenblicke des UebergangS. Ist Ursache da, Dir zu mißtrauen, so grüßt Dich eine Kugel! »
Der Schneider erschrack nicht wenig über diese Anrede, welche ihm nur zu deutlich bewies, er stehe nicht im besten Gerüche; allein er gelobte Mes zu thun, was man von ihm ver-