Allgemeiner Nassanischer Avieiger &
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Wiesbaden, den 22. Mkar 1851»
Zweiter Jahrgang.
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Inhalt:
Zur Unterhaltung und Belebrung: „Maria Tschiganeka."— Rundschau.
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Zur Unterhaltung und Mehrung.
Maria Tschiganeka.
ES ist erst sechs Uhr Abends, und schon hält eine lange Reihe von Equipagen an dem Thore des großen kaiserlichen Theaters zu St. Petersburg. Die Kutscher, mit ihren langen Bärten, klatschten, um das große Feuer, Las inmitten Les Theaterplatzcs brennt, gelagert von Zeit zu Zeit in die Hände, um sich zu erwärmen. Zwei junge Offiziere, von des Kaisers Garde, springen aus einer leichten Droschke, werfen ihren Bedienten Lie warmen Mäntel zu, und gehen raschen Schrittes durch Las Peristyl.
In den Zügen deS einen herrscht der AuSdruck heftiger Bewegung.
»Weßhalb, Feodor," fragte ihn sein Begleiter, »bist Du denn so bald vom Tische aufgestanden, und hast mich hierhergeschleppt? Wahrhaftig, wäre meine Liebe zu Dir nicht so groß ...»
«Wir werden keinen Platz mehr bekommen.»
«Nun, was liegt uns daran?" .
„Aber mir liegt daran!"
„Ah so! jetzt wird mirs klar, die schöne Maria singt diesen Abend . . ."
Die beiden, die so redeten, waren der Fürst Feodor Puga^ schin und der Graf Iwan Sbrogoff; beide Hauptleute in demselben Garderegiment, und durch innige Freundschaftsbande aus ihrer Jugendzeit her, wo beide Schulkameraden gewesen, verbunden. Lange hatten Pugatschin und Sbrogoff für die beiden heitersten und liebenswürdigsten Männer in den höhern Cirkeln zu St. Petersburg gegolten. Aber Feodoras Charakter änderte sich mit einem Male; er warb ernst und tiefsinnig, und diese Veränderung seines Wesens war auch auf seinen Freund Sbrogoff nicht ohne Einfluß geblieben. Die eigentliche Ursache derselben war ein Geheimniß, um das nur sie beide allein wußten. Feodor liebte die Sängerin Maria leidenschaftlich.
Maria war keine jener Künstlerinnen, die Frankreich oder Italien gesendet, und Leren Triller unb Koloraturen der Direktor des kaiserlichen Theaters schwer mit Golde aufwiegt. Maria hatte ihren ersten Unterricht in dem musikalischen Konservatorium von St. Petersburg erhalten; gewöhnlich brachten es zu ihrer Zeit die Schülerinnen jener Anstaltt nur bis zu Choristinnen, während die größeren Rollen ausschließlich von frenider Sängerinnen gegeben wurden; Maria Tschiganeka war die erste russische Prima Donna. Ihre Geschichte war wirklich sonderbar.
Der alte Fürst Pugatschin , Oheim des Fürsten Feodors, war lange Gesandter seines Souverains zu Florenz gewesen. Er lebte und webte nur für Musik. Als er einst eines seiner Güter bereiste, das im südlichen Theile Rußlands gelegen, bemerkte er unter den Bäuerinnen, die AbendS auf dem freien Platze des Dorfes tanzten, ein noch sehr junges Mädchen, dessen frische, liebliche Züge, so wie die Anmuth, mit welcher es tanzte, ihm ausfielen. .
DaS junge Mädchen begann zu singen, unb Ler alte feine Dilettant, der alle großen Sängerinnen Italiens gehört hatte, erkannte gleich, welche herrliche Stimme es besaß. Außer sich vor Freude ob des Schatzes, den er so unvermuthet gefunden hatte, nahm der alte Pugatschin seine junge Leibeigene mit nach der Residenz des Czars, und stellte sie dort den Direktoren deS kaiserlichen Konservatoriums vor. Sie wurde unter die Zahl der Schülerinnen ausgenommen, doch willigte Pugatschin nur unter der Bedingung darein, daß sie nicht, wie alle ihre Gefährtinnen , die gleich ihr, Töchter von Leibeigenen waren, Eigenthum des Kaisers werden, sondern nach wie vor ihm gehören solle. Der Direktor Les Konservatoriums gestand das Lem Fürsten zu, nachLem er zuvor Lie Befehle seines gnävigsten Herrn, Kaiser Pauls I., darüber eingeholt hatte.
Zwei Jahre später trat Maria in den schwierigsten Rollen auf. Sie erregte Enthusiasmus, und der alte Pugatschin schwamm im höchsten Entzücken. Maria ward vom Publikum um so freudiger begrüßt, als sie eine Tochter deö eigenen Landes, und die erste war, die es den Russen erlaubte, ein Joch abzuschütteln, Las ihnen schon lange lästig, LaS Joch fremder Talente. Maria würbe Ler Abgott aller, der Vornehmsten, wie Ler Geringsten. Die Leute der unteren Volkskiassen drückten ihre Bewunderung Ler Sängerin auf ziemlich kräftige Weise aus; sie nannten sie nämlich Daria ^Tschiganeka, Maria Lie Zigeunerin, was ihnen mit Zauberin gleichbedeutend war.
Maria war schön, und so fehlte es ihr nicht an Anbetern) sie Wieâ alle zurück. Die Verleumdung selbst wagte es nicht, ihren guten Ruf anzutasten. Sie lebte sehr eingczogen, studirte fleißig, und empfing nur die Besuche ihres Herrn, des alten Pugautchin. Mehre Male hatte sie ihn auf das Schonendst» gebeten, er möge ihr gestatten, sich von der Leibeigenschaft los- zukaufen, doch wollte er nie darein willigen, daß sie aufhöre, sein eigen zu sein, obgleich er sie wie eine Tochter liebte, nicht, als ob er von ihrem Talent, wie er durch das Gesetz dazu berechtigt war, den geringsten pekuniären Vortheil gezogen hätt», im Gegentheil, er ließ ihr nicht allein Alles, was sie durch ihre Kunst erwarb, sondern beschenkte sie auch noch oft sehr reichlich, sondern weil er, wäre Maria frei gewesen, sich ihr gegenüber minder ungezwungen hätte benehmen müssen, und nicht zu jeder ihm beliebigen Zeit sie hätte besuchen können. So lange Maria, Liese Maria, welche Jeder bewunderte, ihm eigen war, im vollsten Sinne des Wortes, so lange gehörte ihm ihre herrlich» Stimme, ihm ihre ganze Kunst. Er durfte ihr sagen: „singe," und sie sang: «spiele mir ein Lied auf dem Piano,« und sie gehorchte. Er war nicht so thöricht, freiwillig solch' köstlichen Schatz aufzugeben! Die Einen schaffen sich um unermeßlich» Summen die schönsten Pferde an, Andere Kostbarkeiten, wieder Andere marmorverzirte, goldstrahlende Palläste; ihm hatte es nun gefallen, sich eine Sängerin anzuschaffen ! Doch hatte er ihr versprochen, ihr in seinem Testamente die Freiheit zu schenken.
Das Verhältniß, in dem Pugatschin zu seiner Leibeigenen stand, gab bösen Zungen keinen Stoff, denn alle Welt saunte es genau, unb wußte, woher es sich datire. Maria lebte nur für ihre Kunst, fand an nichts anderm Vergnügen. Und doch war sie nicht so geartet, daß sie nicht der heftigsten Leidenschaft