Allgemeiner Nassavischer Anzeiger & HansfrennL.
A>. /. Wiesbaden, den 2. Januar 1831.
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Inhalt:
Erzählung: Zwei harte Steine mahlen selten reine. (Schluß.)
— Wunderbare Lebensrettung. Gemeinnütziges: Ursprüngliche Heimath der Tabakspflanze. Allerlei Mittel für Haus- und Landwirthschaft. Mannichfaltiges.
Erzählung und Geschichtliches.
Zwei harte Steine mahlen selten reine.
(Schluß.)
Je größer die Noth, je näher Gott! Dies herrliche Sprüch- Wort sollte sich an Walther's Familie aufs Neue bestätigen.
Es war an einem schönen Abende, als Walther mit schwerem Herzen bei seiner Frau saß. Es war eine theuere Zeit damals. Ihre sechs Kinder wollten ernährt, gekleidet, unterrichtet sein. Das kostete mehr, als sie bei allem Fleiße, bei aller Sparsamkeit erübrigen konnten. Nun waren zwei Vierteljahre Hauszins zu zahlen rückständig, und es fehlte an Geld dazu. Der harte Eigenthümer des Häuschens und Gartens drohte, sie herauszuwerfen, wenn sie nicht zahlten. Und das war unmöglich! —
Der Vater saß da mit gefalteten Händen; blickte mit feuchtem Auge betend hinauf zum blauen Himmel, von wannen allein Hülfe und Rettung kommen konnte. Die tiefergriffene Mutter lehnte ihr Haupt an seine Schulter und ihre Thränen rannen leise in's Gras. Die älteste Tochter stand am Stamme des Baumes, unter dem sie saßen, und drückte ein Tuch an ihre Augen, das ihre Thränen aufsing. Die jüngeren Kinder, die das Weh ihrer Eltern noch nicht begriffen, spielten harmlos umher.
Da kam Einer der Knaben gelaufen und sagte, es sei eben ein Wagen daher gekommen, aus dem ein Herr gestiegen sei, der nach dem Vater frage.
Großer Gott, rief voll freudigen Schreckens die Mutter aus, vielleicht sendet uns Gottes Gnade rettende Hülfe! — Der Fremde nahte schon. Es war Leonhard! Als er seine Eltern so kummervoll erblickte, versagten ihm die Kräfte. Er taumelte, laut weinend, gegen einen Baum. Niemand erkannte ihn. Nur das Auge der Mutterliebe sah schärfer, als Alle. Sie rief: Mein Sohn! und sank ohnmächtig zur Erve. —
Die Tochter eilte zu der Mutter, denn sie hatte in ihrem Schmerz auf den Ausruf der Mutter gar nicht geachtet. Der Vater aber stürzte auf seinen Sohn zu, umfaßte ihn, sah ihm in daS Gesicht und rief dann: Leonhard! Mein Leonhard, hab' ich dich denn wieder? —
Vater, seufzte der erschütterte Sohn, vergiebst du mir denn ?—
O mein Kind, rief da der Vater aus, frage so nicht! Hast du nicht mir meine unnatürliche Härte zu vergeben? —
Und nun fielen sie einander in die Arme und der Bund der heiligen kindlichen und väterlichen Liebe wurde aufs Neue für ewig geschlossen. Die harten Steine waren mürbe geworden, und Gott im Himmel hatte seine Freude dran, und wußte eS, daß sie nun fortab rein mahlen würden.
Erst jetzt sahen sie, daß die Mutter, wie eine Todte, auf der Erde lag, hörten das Jammern der Kinder: Die Mutter ist gestorben!
Seid ruhig, shrach der glückliche Vater. Die Mutterfreude bricht kein Mutterherz. Gott schenkt sie unS wieder!
Sie trugen sie nun in das Haus; aber nur mit vieler Mühe brachten sie die fromme Dulderin wieder in das Leben. Nun lag lange in seliger Freude der Sohn wieder am Mutterherzen, und erst dann konnte er die Geschwister bewillkommen, die so schön herangewachsen waren daß er sie kaum kannte.
Im Hause des Kummers war die Freude eingekehrt. Je größer die Noth, je näher Gott!
Nach und nach sammelten sie sich, und Leonhard, der den Brief, den der Vater noch immer in seiner Hand gehalten, aber am Bette der Mutter doch fallen gelassen, aufhob und flüchtig hineinblickte, erkannte die Quelle des tiefen Leides, in den er sie versenkt gesehen, als er kam.
Gott sei Preis! rief er aus, daß ich zur rechten Stunde kam, ehe größeres Weh Euch Lieben heimsuchte! Nun ist alle Sorge vorüber! Gott hat mich, ohne daß ich es verdiente, reich gesegnet; aber Alles, was ich habe, ist nicht mein, es ist Euer, und die Tage der Noth sollen nun in Tage des Glückes sich umwandeln!
Der erste Sturm der Freude ging vorüber. Als sie ruhiger bei einander saßen, konnte Leonhard ihnen seine Schicksale erzählen, die sie aufs Neue zum Lobe Gottes führten, der die Seinen, zwar oft wunderlich, aber immer zu ihrem Heile führt.
Leonhard zahlte nun schnell die rückständige Miethe; aber damit nicht zufrieden, ruhte er nicht, bis er ihr altes, theures, väterliches Wohnhaus in der Stadt wieder erkauft hatte. Und nun begannen Vater und Sohn wieder mit neuer Thätigkeit Handelsgeschäfte, die Gott fichtbarlich segnete, denn nun mahlten keine harten Steine mehr dabei, sondern Liebe, Sanftmuth, Friede und Milde. Treuer Fleiß und unbestechliche Redlichkeit Herschten im Hause und im Geschäfte. Die Mutter lebte neu auf. ES war, als Habe der so tiefgebeugte Vater neue Jugendkraft gewonuen. Die Kinder wuchsen auf in Gottesfurcht und blühender Gesundheit — kurz, Glück und Segen begleitete die Familie auf allen Wegen, ihr Wohlstanv wuchs zur früheren Blüthe und ihr Familienglück trübte kein inneres Leid mehr.
Wohl begegnete Leonhard später einmal dem Schiffsliente- nant, der ihn so mißhandelt hatte; er war kränklich und eS ging ihm übel. Statt Rache an ihm zu nehmen, that er ihm Gutes und sammelte die feurigen Kohlen der Erkenntniß und Reue auf sein Haupt.
Was ich noch zusetzen möchte, ist das: Wenn daS Sprüch- wort so wahr sagt, daß zwei harte Steine nicht rein mahlen, und diese Begebenheit zeigt, daß erst das Unglück sie mürbe machen muß, so will mir's doch scheinen, es sei besser, sich im rechten Aufschauen zu Gott selber mürbe zu machen, wenn man ein harter Stein ist; die Hitzköpfigkeit zu beherrschen, den Siarr- kopf zu bändigen und milde und sanft zu werden. DaS gelingt Dem, der thut, was Christus sagt: Wachet und betet, daß Ihr nicht in Anfechtung fallet!
Wunderbare Lebensrettung.
AIS daS unglückliche Städtchen Cerreto bei einem Ausbruche deS Vesuvs, im Jahr 1688, unter seinen eigenen Trümmern begraben ward, ereignete sich ein merkwürdiger Vorfall. Ein dreizehn- oder vierzehnjähriger Schüler, welcher mit mehreren seiner Kameraden auf der Straße spielte, ward zugleich mit ihnen von den Trümmern der nächsten Häuser bedeckt, und