Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Havssrennd.
H -. #. Wiesbaden, den 9. Januar 1851*
Zu LbonuememS pro Zan. dis März 1851 u — 18 fr. bei der Erpediiion direkt und a — 24 fr. mit Bestellgeld bei allen Poftau- stallen wird freunelidiif eingeladen und gebeten schleunigst dieselben zu mache». Znseraie iin Anzeiger kosten vic drciipâll.gc Pelitzcile â 2 fr. Briefe und Gelder werden franko erbeten.
Inhalt:
Erzählung: Der alte Binck. — Das Paternoster des Wucherers.
— Der Pfuscher.
©emein nüpiges: Bedüngung der Gartenbeete. — Bearbeitung der Gartenbeete. — Säen. — Aussehen der > stanzen.
Mannichfaltiges.
Anzeigen.
Erzählung und Geschichtliches.
Der alte Hindu
Die preußische Provinz Westphalen hat im Laufe des Jahres 1844 einen Mann verloren, an dem sie mit voller Liebe hing, Preußens König einen seiner treuesten und tüchtigsten Diener, Deutschland einen seiner Ehrenmänner — ich meine den Ober- Präsidenten Freiherrn von Vincke. Das war einer von ächtem Schrot und Korn, der den Kopf und das Herz an der rechten Stelle hatte. Sein König hatte ihn hochgestellt, und, meiner Treu! er hatte es verdient. Mild und leutselig gegen Jedermann, zugänglich dem Aermsten im Volke, bereitwillig zu helfen, wo er konnte, geduldig im Anhören auch der langweiligsten Klagegeschichten (und dazu gehört etwas; denn manche Leute fangen, wenn sie von heute erzählen wollen, allemal von Anno 1 an); bieder, kräftig, streng für das Recht) thätig von Morgens früh bis Abends spät: so war der Manu, der der großen Provinz vorstand, deren Wohl er im Herzen trug. Dabei trat er so anspruchlos und bescheiden auf, daß Niemand in dem unscheinbaren Männchen den Ober-Präsidenten vermuthete. Er liebte eS, in seiner Provinz überall selber nachzusehen. Dann machte er meist, wie es jeder in Westphalen weiß, die Reisen zu Fuß, trug seinen blauen Staubkittel und seinen Stock und rauchte sein Pfeifchen, daß es eine Art hatte. Faule Beamte waren ihm ein Dorn im Auge. Denen rückte er unversehens vor die Schmiede und rieb ihnen den Kümmel, daß es eine Pläsir war. Er fing manchmal den Vogel aus dem Neste, wenn er so einen auf der Mucke hatte.
So kam einmal Vincke zur Kenntniß, daß ein adeliger Landrath nicht des Landes Rath war, sondern des Landes Fa al- pelz und Langschläfer, auch wohl des Landes Erzpflegel, denn der hundzte die Bauern ab, als seyen sie seine Sklaven. Nun hatte der Landrath wohl schon dem Ober-Präsidenten seine Trägheit in Geschäften wohl bewiesen, aber so arg hatte er sich das doch nicht gedacht. Es blieb also nichts übrig, als einmal selber nachzuschen an Ort und Stelle.
Da der alte Herr viel auf Fußreisen hielt, machte er sich auf die Beine, hing seinen Kittel um, legte Gamaschen an, nahm Stock und Pfeife und ging. So sah er einem alten, wohlstehenden, westphälischen Bürger oder Bauer äußerlich nicht unähnlich.
So trat er denn zur Herbstzeit Morgens sehr frühe an den Hof des Schlosses, wo der gnädige Herr Landrath hinter Läden und Vorhängen gar fest schlief.
Einen vorübergehenden Bauern fragte er, wann man den gnädigen Herrn Landrath sprechen könne.
Ei, sagte der Bauer, guter Freund, da könnt ihr wohl noch ein Pfeifchen oder sechse rauchen, und dann muß es ein Glück seyn, wenn er nicht mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette steigt.
Was heißt das? fragte Vincke.
Das heißt, sagte der Bauer, daß er nicht übelgelaunt ist, sonst jagt er Euch zur Thüre hinaus und wenn Ihr dreiste mal das Recht in Euerer Hand habt, und flucht Euch noch Alles über den Hals, was schlimm ist.
Vincke setzte sich auf eine Bank und wartete geduldig; aber es war kühl da außen. Daher er denn auch froh war, als ei endlich Leben im Hause gab. Er klopfte und wurde eingelassen von einem Bedienten.
Mich friert so, sagte Vincke, und ich muß wohl auf den gnädigen Herrn Landrath noch lange warten?
Der Bediente lachte. Ihr müßt viel Geduld haben, guter Freund, wenn Ihr bis zur Auvicnzstunde aushalten wollt. Die ist um eilf Uhr. Ihr seyd wohl weit her?
Ja sagte Vincke.
Jetzt ist es sieben, sprach der Bediente »ach seiner Uhr sehend. Um neun steht der gnädige Herr auf — nun setzt Euch so lange in die Küche.
Auf dem Heerde brannte ein lustiges Feuer. Vincke wählte den Holzeck neben dem Heerde, wo ein Schemel stand. Hier setzte er sich nieder, schmauzte seine Pfeife und sah und hörte dem Treiben zu.
Da wurden denn des gnädigen Herrn Tugenden und die der gnädigen Fraudurch die scharfe Hechel gezogen, also, daß wenig übrig blieb. Da vernahm der Ober-Präsident Geschichten, die nichts weniger als vvrtheilhaft für den Landrath waren, sah in eine Wirthschaft hinein, die auch die größten Einnahmen erschöpfen mußte — kurz er kam weiter' in der Erkenntniß dieser Zustände, als er cs sich gedacht hatte. Endlich trat die Dienerschaft zusammen.
Laßt uns den Kaffe abtrinfen, sagte die Köchin, das, waS nachlauft, ist immer noch gut für die droben.
Gebt auch dem Alten dort eine Taffe, dem ist's schon kalt genug geworden, sagte der Bediente.
Vincke schlug's nicht aus. Da es ihm kalt geworden war, that ihm der vortreffliche Kaffee sehr wohl.
Darauf that Vincke die Augen zu und that, als schliefe er, und nun erst vernahm er die unerquicklichsten Geschichten, besonders sah er ein, wie die Herrschaft himmelschreiend betröge» wurde.
Als er endlich müde dieses Hörens war, fragte er den Bedienten, ob er seinem Herrn den Kaffee bald trüge?
Nein, sagte dieser; cs ist heute kühl. Er wird länger schlafen als sonst.
Als es aber zehn Uhr geschlagen, stand Vincke auf und sagte dem Bedienten, er solle seinen Herren wecken und ihn melden.
Das werd' ich fein bleiben lassen! rief lachcnd der Bediente. Soll ich mir den Buckel voll holen, oder gar meinen Ahschied.
So zeige mir das Schlafzimmer, sagte Vincke.
Juckt's Euch, guter Freund? fragte der Bediente.
Jetzt war Vincke's Geduld zu Ende. Mit einem nachdrücklichen Wesen sagte Vincke. Auf der Stelle wecke Deinen Herrn und sage ihm, der Ober-Prâsident von Vincke aus Münster warte nun schon seit vielen Stunden auf sein Erwachen.
Wie versteinert stand die Dienerschaft. Der Bediente flog die Treppe hinauf und Vincke folgte ihm auf dem Fuße.
Da die Thüre aufblieb, so vernahm der Ober-Präsident die Fluth von Schimpfreden, welche sich über den Bedienten