Allgemeiner Nassauischer Anzeiger ör Hauösreund.
Jsr. S. Wiesbaden, den 20. Februar 1831. Zweiter Jahrgang.
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Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Betrügereien eines französischen Glücksritters. — Nasche Entschließung. — Charles Rappe und seine Hunde.
Rundschau.
Gemeinnütziges: Seidene Zeuge und Tücher. — Mücken aus den Häusern zu vertreiben. — Schönes Carmoisin-Roth als Waschfarbe.
Mannichfaltiges.
Anzeigen.
Betrügereien eines französischen Glücksritters.
Unter der Menge von Glücksrittern, welche in den Jahren 1790 und 1791, unter dem Vorwande der Auswanderung, Frankreich verließen, um ehrliche Leute zu betrüge», befand sich auch ein vorgeblicher Graf von Estill« c, der sich für einen gebornen Languedocer ausgab. Er besaß wirklich den Accent dieser Provinz, und schien mit allen Oertlichkeiten derselben gut bekannt zu sein. In Gesellschaft seiner Gattin wandte er sich nach Nizza, und da er hier einige Zeit zu verweilen gedachte, so richtete er sich ein sehr artiges Haus ein, und schien einen anständigen, aber klug berechneten Aufwand zu machen. Vorzüglich ließ er sich angelegen sein, genaue Nachrichten von den Fremden einzuziehen, die in dieser Stadt ankamen. Er erkundigte sich nach ihren Namen, Familien und allen ihren Angelegenheiten.
Eines Tages erfuhr der Herr Graf, daß ein junger Militär, Namens von St. Mollien, aus einer angesehenen Familie zu Toulouse abstammend, in einem Wirthshnuse wohne und sich einige Zeit daselbst aufzuhalten gedenke, ob er schon in diesem Lande keine besondere Bekanntschaft hatte. Er folgte ihm auf ullen Tritten und Schritten nach; und als er ihn eines Tages in einer Bude bemerkte, trat er sogleich hinein, und gab vor, er wolle etwas kaufen. Auf einmal wandte er sich seithalb, blickte den jungen Mann voll Ueberraschung an, und fragte ihn: ob er nicht von Toulouse sei? indem er ihn in dieser Stadt gesehen zu haben glaube. Auf eine bejahende Antwort nannte er mehrere Häuser, worin man ihn sehr freundschaftlich ausgenommen habe, unter andern in dem der Frau von £ * *, der er viele Verbindlichkeiten schuldig sei.
»Ich freue mich sehr, wein Herr, erwiederte St. Mollien, daß sie Ihnen Ihren Aufenthalt hat angenehm machen können; eS war meine Tante. Ich hing ! ausserordentlich an ihr, aber vor drei Monaten hat mich das Unglück betroffen, sie zu verlieren.»
»Wie, sie ist todt! fiel der Graf bestürzt ein. Ach, wie sehr bedaur' ich sie! Wenigstens hab' ich das Glück, den Neffen meiner besten Freundin anzutreffen. Diesen Namen wag' ich ihr nach den Gefälligkeiten zu geben, die sie mir erwiesen hat, und die ich ihr ewig Dank wissen werde. Vierzehn Tage lang hat sie mich bei sich versteckt gehalten, zu einer Zeit, wo der Aufstand vorzüglich gegen die Officiere des Generalftabes gerichtet war, und ich hab' ihr wirklich mein Leben zu verdanken." Unter solchen Gesprächen entfernten sie sich von der Bude, und der Graf erzählte mit einer geheimnißvollen Miene die wohlausgedackke Geschichte, die er durch Ausrufungen endigte: »Wie glücklich schätz' ich mich, den geliebten Neffen der Dame
anzutreffen, der ich so viele Verbindlichkeiten schuldig bin. Sie können sich leicht denken, wie sehr ich wünsche, Ihnen dafür meine volle Erkenntlichkeit zu bezeugen. Erweisen Sie mir daS Vergnügen, morgen zu Mittag bei mir zu speisen; meine Frau wird sich freuen, mein Glück mit mir zu theilen.»
Der Officier konnte so dringenden Einladungen nicht widrr« stehen, und wurde den andern Tag von Mann und Frau mit aller möglichen Artigkeit empfangen. Einige Zeit nach Tische schien er wieder fortgehen zu wollen, aber der Graf hielt ihn zurück und sagte: »Wenn Sie wieder nach Hause gehen wollen so ist dieß unnöthig; Ihre Wohnung ist hier. Ich habe nicht zugeben können, daß der Neffe Derjenigen, deren Andenkm mir auf immer theuer ist, in einem Wirthshaufe wohne, während ich im Flügel dieses Hauses ein möblirtes 3immer habe, das ich gar nicht brauche, und das erst dadurch einen Werth für mich bekommt, wenn Sie es annehmen. Während des Essens hab' ich Ihre Sachen holen lassen; sie befinden sich wirklich schon im Zimmer, und ich und meine Frau schmeicheln uns, daß Sie uns diese Bitte nicht abschlagen werden."
Unmöglich konnte der Officier einem so verbindlichen An- erbieten widerstehen. Man kam mit einander überein, die Ko« sten der Wirthschaft gemeinschaftlich zu bestreiten, und sich von einem Tracteur beköstigen zu lassen. Der junge St. Mollien befand sich also in diesem Hause auf die angenehmste Art eiu- gerichtet, wo man sich bloß mit ihm zu beschäftigen schien. Drei Wochen waren auf diese Art in größter Eintracht verstossen. Eines Morgens aber kam der Graf voll Verzweiflung nach Hause, ohne daß man von ihm im ersten Augenblicke erfahren konnte, was ihm fehle und warum er in so große Angst versetzt worden sei. Man bat ihn, sich zu erklären: endlich entrissen ihm die Bitten der Freundschaft dieses Geheimniß. Er zieht aus seiner Schreibtafel einen Wechsel von hundert Luis- d'or, den er nach seiner Versicherung schon lange erhallen habe und der heute fällig sei. Er habe die Bezahlung mehrerer Schulden, die er gemacht, bis auf diesen Zeitpunkt verschoben. Heute sei er zu dem Banquier gegangen, der ihm den Wechsel habe auszahlen sollen; aber dieser habe zur 9lnttoort gegeben, er könne dieß nicht, da er von seinem Korrespondenten noch keinen Benachrichtigungsbrief erhalten habe. Seine Gläubiger müßten nun noch zwölf Tage warten, damit er nach Paris schreiben, und wieder von daher Antwort erhalten könnte. Es schmerzte ihn aber dabei nichts mehr, als daß diese fatale Zögerung dazu beitragen werde, das Zutrauen zu den Franzosen überhaupt immer mehr zu schwächen, und er selber mache sich Vorwürfe darüber, daß er das Unglück seiner Landsleille noch vermehren müsse.
Der Graf äusserte seinen Schmerz so natürlich, daß es ganz das Ansehen hatte, als ob ihn bloß ein Gefühl von Ehre leite. Der Officier setzte keinen Zweifel in die Wahrheit dieser Aeusserungen, und da er überhaupt den Grafen für einen Mann von redlicher Gesinnung hielt, so sagte er ihm, daß er noch zweihundert Louisd'or habe; .wovon er ihm die Hälfte geben wolle.
»Ich nehme sie an, Freund, entgegnete der Graf, weniger meinetwegen, alS wegen unsrer chreuwerchen Landsleute, damit ihr Kredit und ihre Ruhe nicht leiun .möge. In zwölf Sagen