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Allgemeiner

Anzeiger & Sanssrenns.

2». S. Wiesbaden, den 27. Februar 1831. Zweiter Jahrgang.

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Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Der gedemüthigte Sänger.

Der geizige Major. Der todte Jude.

Gemeinnütziges: Wie betreiben die Bewobner des Großderzogl.

Badischen Dorfes St. Ilgen bei Heidelberg die Sewenzucht?

Rundschau.

Mannichfaltiges.

Anzeigen.

Der gedemüthigte Sänger.

Der Stolz und die Freude Italiens unter allen, die durch Gesang entzückten war in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts der Kastrat Gaetano Guadagni, Ritter vom St. Markuskreuze. Wer ihn hörte, ward durch den Zauber seiner Stimme dahingeriffen. Die Natur hatte ihm nicht nur die reinsten Töne, sondern auch ein vortheilhaftes Aeußere, ein seltenes Gedächiniß und dabei in Allem, was er unternahm, eine bewundernswürdige Fertigkeit zugetheilt. Das gesammte kunstliebende Europa strebte nach dem seltenen Genusse, diesen damals hochberühmten Sänger zu hören, wie bedeutend auch seine Forderungen waren, wenn es darauf ankam, sich hören zu lassen. Wenige Künstler vereinigten in so hoher Vollkommen­heit so verschiedenartige Talente, denn Guadagni war Sänger, Schauspieler und Deklamator. Seinetwegen, oder vielmehr um seiner Stimme willen, komponirte Glück seinen Orpheus, und oft soll sich dieser große Komponist geäußert haben, Gu ada gn i mache durch seinen himmlischen Gesang die Musik zur Stüm­perin, da er eine solche Täuschung hervorzubringen wisse, daß man kaum entscheiden könne, ob Orpheus in der That oder ein Mensch diese wirklich himmlischen Töne böten lasse. Er redete mehrere Sprachen mit seltener Fertigkeit, hatte sich geraume Zeit in England aufgehalten und war der englischen Sprache so mächtig geworden, Laß Engländer, die ihn nicht kannten, ihn in Italien als ihren Landsmann begrüßten.

Alle diese Vorzüge vereinigte Guadagni in seiner Perlon. Erwähnen wir nun auch seiner Untugenden, die ihm so manche Unannehmlichkeiten zugezogen haben, und ohne welche er höchst wahrscheinlich ein eben so wohlhabender Mann geworden wäre, als er ein ausgezeichneter, ja der erste Kunstsänger seiner Zeit war.

Guadagni besaß einen unerträglichen Hochmuth, eine un­begrenzte und leckerhafte Eßbegierve, eine Prachtliebe, die nur einem regierenden Fürsten zukommt. Der Herzog Philipp von Parma, obgleich von den Talenten des Künstlers in hohem Grade begeistert, war doch einmal genöthigt, ihn auf eine recht empfindliche Art zu demüthigen. Nachdem Guadagni, als Opernsänger in herzoglichen Diensten, lange Zeit das Pnblikum durch seinen herrlichen Gesang begeistert hatte, fing er auf ein­mal an, unter dem Vorwande des Uèbelbefindens, in Gesang und Spiel so nachlässig zu werden, daß der plötzliche Wechsel dem Hofe und dem Publikum in hohem Grade ansfiel. Der Herzog ließ ihn zu sich kommen und machte dem theuer be­zahlten Sänger um so ernstere Vorstellungen, da gerade damals am Hofe sich zwei französische Prinzen aufhielten, denen der Herzog die ausserordentlichen Talente des Sängers angepriesen hatte. Guadagni entschuldigte sich, indem er Halsschmerzen verschätzte, die ihn seit kurzer Zeit im Singen hinderten; er

versprach jevoch, nach einigen Tagen, während welcher er Ruhe und Pflege wünsche, Besseres zu leisten.

Philipp bewilligte f<t>6 Tage Zeit und sandte ihm seinen Leibarzt. Allein nach Verlauf der gegebenen Frist sang Gun­da gni um nichts besser, denn er hatte sich vorgenommcn, jenen beiden Großen des französischen Hofes den Genuß feiner Ta­lente durchaus, und zwar darum zu entziehen, weil sie sich über seinen Kastratenstand und über seine Prachtliebe einige beißende Anmerkungen erlaubt hatten. Der Herzog drang noch einmal in ihn und forderte Kunstanstrengung und das, was man von ihm zu erwarten berechtigt sei. Guadagni nahm nun die zur Zeit herrschende Kälte zum Vorwande, welche ihn, wie er sagte, seiner Stimme beraube, so wie er die Bühne betrete; eS sei ihm daher unmöglich, den Wünschen des Herzogs Genüge zu leisten, so lange dieses Hinderniß bestehe.

Unter diesen Uniständen blieb der Langmuth des getäuschten Fürsten nichts übrig, als in einem geheizten Saale seines Pa­lastes ein Konzert zu veranstalten, in welchem Guadagni singen sollte. Als dieser aber erfahren hatte, daß die fremden Gäste des Herzogs zugegen sein würden, ging er am Tage des Konzerts auf die Jagd und kehrte erst am folgenden Morgen zurück. Ja, er ging in seiner Keckheit so weit, sich bei dem Herzoge mit dem Vorwande entschuldigen zu wollen, er habe am Abend des vorigen Tages nicht mehr zur Stadt hereinge- konnt und die Thore derselben geschloffen gefunden.

Der Herzog, höchst entrüstet, ließ Guadagni iws.Gefängniß bringen, und befahl, ihm acht Tage lang keine andere Nah­rung, als Brod und Wasser zu reichen. Das hatte der wider­spenstige Sänger nicht erwartet, und sein gekränkter Hochmuth brachte ihn fast zur Verzweiflung. In seinem Unmuth bat er Alle, die ihn besuchten, um ihre Fürsprache bei dem Herzog, dem er durch seine Freunde vorstellen ließ, wie er durch die Folgen dieser erschöpfenden Enthaltsamkeit und des ungewohnten Fastens leicht in den Fall gerathen könnte, seine Stimme völlig zu verlieren. Er würde sich dann aber gemüßigt sehen, den Herzog selbst dafür verantwortlich und sein Verfahren in ganz Italien bekannt zu machen.

Immerhin!" antwortete Philipp, der Guadâgni's Unarten eine weit empfindlichere Ahndung vorbehalten hatte, während er den Fürbitten seiner Freunde nachzugeben schien. Am sechsten Tage seiner Gefangenschaft öffnete sich ganz uner­wartet die Thüre seines Gefängnisses, und mehrere Bediente, mit den köstlichsten Speisen und Weinen beladen, erschienen in Be­gleitung eines Offiziers, angeblich bestimmt, bei dem Mahle Guadagni Gesellschaft zu leisten. »Aha," dachte dieser froh­lockend,nun will mich der Herzog versöhnen!» Fast außer sich vor Freude, wollte er ungesäumt über die lockenden Speisen herfallen. Wie groß war aber sein Erstaunen und sein Aerger, als der fremde Gast mit der Erklärung ihn davon abhielt, deS Herzogs Befehl sey, daß er ihn bedienen solle, doch jedesmal nur, nachdem Guadagni zuvor eine Arie würde gesungen haben.

Wie in aller Welt," rief dieser ärgerlich aus, »wie soll ich jetzt singen können,. da ich seit sechs Tagen nichts als Brod und Wasser genossen habe.»

Da kann ich nicht helfen,» antwortete der Offizier,ich bi»