Allgemeiner
Anzeiger & Daussrenn-.
â*. 4. Wiesbaden, den « März 1831.
Zweiter Jahrgang.
Der „Allgemeine Nassauische Anzeiger und Hausfreund" wird im Interesse der Gemeinden dem , Allgemeinen Nassauischen Schulblatt" alS GratiS-Beilage zugegeben. — Besondere Abonnements auf den „Anzeiger und Hausfreund können quartaliter é SL kr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten gemalt werden.
Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dors- Novelle vom Westerwald. — Der edle Boussard. —
Rundschau: Eine Warnungstafel für Raucher in sechs Sprachen. — Curiosa, welche zur Londoner Industrie-Ausstellung eingesendet werden. —
Mannichfaltiges.
Anzeigen.
3 Marilian.
Eine Dorf-Novelle vom Westerwald.
I.
Ein saftiger Wiesengrund, auf der Nordseite eines großen Dorfs am Südabhang des WesterwaldS gelegen, durchschnitten von einem ziemlich wasserarmen Bächlein und besäumt von frischlaubigem Buchenwald, strömte den erquickenden Duft frischer Heumahden in den herrlichen Sommerabend hinein. Dazu erklang das in seiner Eintönigkeit doch so mannigfache, tausendstimmige Zirpen der Grillen, welches nur zuweilen von einzelnen Drosseltönen aus dem Walde her unterbrochen wurde. Der sinkende Sonnenschein hielt sich zitternd noch an den obersten Zweigen und Blättchen der Waldbuchen fest, und lichtweiße Schaswolkeu schwammen hier und da am tiefblauen Himmel. Eine Stimmung unsäglichen Friedens war über die Natur gekommen.
Gruppenweise zogen Mäher und Mäherinnen von der Wiese heimwärts dem Dorfe zu, um dessen hohe Kirchthurmspitze man in der letzten Abendsonne Schwalben in weißauftauchenden Punkten sich iviegen sah. Die letzte Gruppe der Mäher brach eben vom Saume des Waldes auf.
«He, Christ, willst Du noch nicht mitgehen? — Feierabend gemacht! — s'ist Zeit zur Heimkehr!" riefen sie einem Bursche» zu, der in geringer Entfernung allein noch eifrig die Sense schwang.
«Geht nur voran,» rief dieser fortwährend zurück, «ich komme gleich nach, und will nur noch die letzten Grashalmen hier abhauen.»
Das Häuflein entfernte sich. Christ wetzte noch einmal seine Sense, daß der klingende Ton, sich mälig verlierend, in den Wald hineindrang, that dann einige tüchtige Hiebe damit, und die letzten Grashalme lagen niedergestreckt bei den anvern. Wohlgefällig überschaute der Bursche sein Tagewerk, indem er seine kurze Pfeife aus der Westentasche zog, sie neu stopfte und anzündete. Dann schnallte er den ledernen Riemen, an welchem her dem Mäher unentbehrliche Wetzstein in einem kleinen hölzernen, mit etwas Wasser gefüllten Fäßchen hing, fester um seine Hüften, warf die Sense auf die rechte Schulter, hing die der Hitze wegen abgelegte. Jacke auf den linken Arm, und ging. Anstatt aber dem Fußpfad zu folgen, der sich mitten durch den Wiesengrund, längs des Bächleins, in gerader Richtung nach dem Dorfe zog, wie es die Andern gethan hatten, schritt Christ seitwärts, dem Walde entlang, einen ziemlich steil anstrebenden Hügel hinauf. — Es war eine jugendlich-kräftig schlanke Gestalt, und wer den Burschen nach der mühevollen Tagesarbeit in der Hitze des Sommers nun so leicht und rüstig den Berg hinaufsteigen sah, der mußte unwillkührlich denken, daß für tint solche stets frische Kraft jede Arbeit nur ein Spielwerk
sei. Die Gesichtszüge Christs zeigten nichts Außergewöhnliches, mit Ausnahme zweier großen grauen Augen unter dunkeln Braunen, aus welchen ein tiefeS Gemüth zu sprechen schien. Bräunlich-blondes Haar legte sich schlicht über die etwas breite Stirn, und ging an den Schläfen in dünnen blonden Bart- Wüm über, welcher weich die sonngebrâunte Wange besäumte. Christ mochte ungefähr 23 Jahre alt sein. — Jetzt hatte er die Höhe des Hügels erreicht, wo ein breiter, grün bewachsener Waldweg aus den Buchen sich herauswand, an der andern, sanft niedersteigenden Seite des Hügels hinablief, und sich unten mit der zum Dorfe führenden Fahrstraße vereinigte. Da wo der Waldweg auf den Hügel hervor in's Freie trat, stand eine herrliche weitastige Kernbuche. FrifcheS GraS wuchs unter derselben. Hier MW6 Christ stehen, hing seine Sense an einen sich weit herabneigcnren Ast der Buche und setzte sich in's Gras, so daß er mit den Schultern an den weißmoosigen Buchenstamm sich anlehnte. Dicht unter ihm am Saume deS Hügels lag ras Dorf mit seinen grünen Strohdächern und weißen Schornsteinen, aus denen bläulicher Ranch kangfam grüßend emporstieg. Rechts vom Dorfe, nach Süden zu, zog sich ein anderer Wiesengrund, von demselben Bächlein, wie der auf der Nordseite des Dorfs gelegene, durchschnitten, weit hinab, und wurde in der Ferne von den Gebäuden eines Eisenhammers begränzt, an welchem zwei von verschiedenen Seiten kommende größere Bäche sich einigten, mit denen dann auch der erwähnte kleine Bach, nachdem er die Wiesen bewässert, hier zusammeusioß. Hunderte von kleinen, kegelförmig aufgeschichteten Heukocken standen auf dieser Wiese. Der starke Duft davon drang bis zum Hügel herauf. Hier und da waren einzelne Arbeiterinnen noch mit dem Aufschichten des Heus beschäftigt. Die Sonne war noch nicht ganz hinabgesunken und die stille Luft schwamm so durchsichtig und klar über der Erde, daß man die fernsten Gegenstände deutlich zu unterscheiden vermochte. Christ schaute unverwandt hinab nach einem nicht sehr weit entfernten Punkt der Wiese, wo zwei weibliche Gestalten, von denen die eine ein erwachsenes Mädchen, die andere halb noch den Kinderschuhen anzugehören schien, eifrig bemüht waren, mit ihren Rechen di« letzten Heukocken aufzuwerfen. Regungslos saß der Bursche .unter der hohen Buche und schaute hinab. Seine ganze Thätigkeit schien in die großen grauen Augen getreten zu fern. Er hatte seine Pfeife ausgehen lassen und sie mechanisch wieder in die Westentasche geschoben; ebenso mechanisch riß er zuweilen ein paar Grashalme neben sich aus der Erde und zerpflückt« sie, indem er dabei kein Auge von den beiven Gestalten unten in der Wiese verwendete. Jetzt schienen diese mit ihrer Arbeit zu Ende zu sein. Das erwachsene Mädchen band eine ziemliche Quantität des frisch gemähten Heus in ein großes Linnentuch zusammen und hob sich diese Last mit Hülfe ihrer Begleiterin auf den Kopf, um sie als Abendfutter für die Kühe mit nach Hause zu nehmen. Beide legten dann ihre Rechen auf die Schultern und näherten sich dem Dorfe. Und je näher sie kamen und je deutlicher sie der Bursche von seinem Sitz unter der Buche auf dem Hügel erkennen konnte, um so heller wurde allmälig sein Blick. Er hörte erst auf, hinabzuschauen, als die beiden Mädchen hinter den ersten Gartenbäumen des Dorfs verschwunden waren.