Allgemeiner
Anzeiger & Haug freund.
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JVr. //. Wiesbaden, den 2L. April 1851» Zweiter Jahrgang.
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Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: „Der Freund in der Noth." Erzählung von J. K. Busch. — Die Einheit des menkchlicheu Geschlechts. — Der Freidenker und das kleine Mädchen. — Wie bringt man Staatsverfassungen zu Stande? — Folgen des Spiels. — Rundschau.
Der Freund in der Noth.
(Erzählung von Z. K. Busch.)
1.
«Aber Mutter! wie froh bin ich, daß ich jetzt ausgelernt habe. Ich will nun bei einem Meister als Gesell Arbeit nehmen; will recht fleißig und sparsam sein, um dick liebe Mutter so viel wie möglich zu erfreuen. Ach! du hast mir schon so viel Gutes erwiese», daß ich cs dir nie vergelten kann.» So redete Karl seine Mutter an, als er von seinem Lehrmeister frei gesprochen und als Wagnergesell ausgenommen war. Und es ist wahr, er hatte viel Ursache sich zu freuen. Seine Mutter, «ine Wittwe, arm, schon längere Zeit krank, hatte sonst keine Kinder. Es hatte Karl oft betrübt, nicht mehr nach seiner Mutter sehen zu können. Sein Meister, bei dem er lernte, wohnte in S., zwei Stunden von seiner Heimarh entfernt. Nur weil er so brav war, durfte er alle 14 Tage einen Sonntag bei seiner Mutter zubringen. Und ein solcher. Tag, ach! er wog alle Leiden und Mühseligkeiten der 13 übrigen Tage auf. Karl hatte während sei er Lehrzeit viel zu leiden. Seine Meistersfrau war ein schlimmes Weib. Jedermann glaubte, es werde mit ihm ebenso gehen, wie es mit den vielen andern Lehrjungen, die sie hatte, auch gegangen ist: er werde seine Lehrzeit nicht aushalten und unter der Zeit weglaufen. Aber an Karl hatte man sich geirrt. Er blieb, wie sauer es ihm auch ankam. »Der liebe Gott, sagte er, hat es gewiß so haben wollen. Er hätte es ja auch anders fügen können. Es ist sehr gut für mich. Hier werde ich geübt, Kreuz und Leiden zu tragen; was eine Kunst ist, die nicht Jeder kann, aber doch heilsam. Wie es auch heißt: ««Es ist dem Manne gut, daß er das Joch in seiner Jugend trage.»» Karl hat Recht. Ich denke immer, wenn so ein junger Mensch in den ersten Tagen gleich anfängt über seine Meisterleute zu klagen: es steht schlimm mit dem Knaben; er will zu bald ein Herr werden. Und ich habe mich selten getäuscht. Um so weniger nehme ich es jetzt dem Karl übel, wenn er sich recht freut. Kommt die Freude nach dem Leiden, ist sie viel süßer. Aber Karl hatte noch eine andere Ursache zur Freude. Er meinte nun im Orte zu bleiben und bei seinem Vetter Arbeit zu nehmen. Einmal wollte er dieß, um mehr um seine Mutter zu sein, sodann aber auch, um mehr mit seiner Lisbeth reden zu können. Es war dieß eine weitläufige Verwandtin , versah schon seit längerer Zeit seiner Mutter die Haushaltung und verpflegte fle. Und das nehme ich ihm wieder nicht übel. Das Mädchen war zwar arm an irdischen Gütern, aber es hatte einen Reichthum in sich selbst, und den wußte Karl hinlänglich zu schätzen. Es war, mit einem Wort, nicht nur reizend seiner Schönheit, sondern auch seiner Tugend wegen. Mit der Tugend umzugehen schadet nie, aber — fliehe das Laster! Die Mutter war cs auch zufrieden, und gönnte ihrem Sohne gern die paar frohen Tage; denn
sie wußte, daß bald wieder solche kommen werde», von denen er sagen wird, sie gefallen mir nicht. So arbeitete Karl nun auf unbestimmte Zeit bei seinem Vetter, und auch der, so wie seine Kunden waren mit ihm zufrieden. «Der Karl versteht sein Geschäft gut,» sagten die Bauern oft zu einander! Und so war's auch. Den Spruch, der schon manchem jungen Blut geholfen hat: »Was du lernst, das lerne recht » hatte er immer vor Augen. Er stand unter seinen Lebensregeln, bei welchen auch der stand: „Wer Etwas kann, den hält man werth" und ich setze hinzu: dieß hat sich auch an Kart bewährt. Denn man hat ihn überall werlh gehalten und die reichste Bauerntochter hat sich Etwas darauf eingebildet, wenn Karl einige Worte mit ihr plauderte oder sie gar zu einem Spaziergange einlud. — Einige Monate ging es so, ohne daß etwaS Merkliches vorfiel. Regelmäßig alle Sonntagabend sah man Karl bei seiner Mutter und seiner Lisbeth. Erlaubte es die Witterung, so machten sie zusammen einen Ausflug in's Freie; wo nicht, so blieben sie zu Hause, lasen entweder in einem schönen Buche, am Meisten in der heiligen Schrift, oder redeten sonst miteinander etwas Liebliches und Wohllautendes.
Einetz Sonntagabends saß Karl auch wieder bei seiner Mutter. Lisbeth war gerade nicht gegenwärtig. Dießmal war die Mutter nicht so gesprächig. Still und nachdenkeuvsaß sie längere Zeit da. Ihre Gesichtszügc verriethen etwas Ernstes und Wehmüthiges. Karl ward es unheimlich. Er unterbrach das Stillschweigen mit der Frage: »Mutter, fühlst du dich unwohl? du bist heute gar nicht wie sonst?« »Du hast wahr geredet lieber Karl,« antwortete ihm die Mutter. Es ist mir heute nicht wie sonst. Ganz andere Gedanken erfüllen mein Innerstes. Erschrick nicht, wenn ich dir sage, daß es Todesgedanken sind. Gilt die Diahnung: „„Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben ,"" jedem Menschen, so gilt sie vor allen mir. Vor 14 Tage feierte ich, wie du weißt, meinen TOften ; Geburtstag, die Zahl meiner Jahre ist voll. Des Menschen Leben währt 70 und wenn's hoch kommt, 80 Jahre. So hat der Psalmist schon gesungen. Bald, vielleicht bälder als wir glauben, werde ich von Hinnen gerufen werden. Deßhalb setze dich etwas näher zu mir lieber Karl, und höre meine letzten Worte. „Du hast mir, mit Dank gegen Gott kann ich es aus- sprechcn, von jeher gefolgt, und bist ein braver Sohn gewesen. Du wirst auch meine letzten Worte nicht verschmähen, sondern sie zu erfüllen suchen." Karl traten bei diesen Worten Thränen in die Augen. Ohne ein Wort zu rede», nahm er seinen Stuhl, setzte sich an die andere Seite des Ofens. Wie er so da saß, konnte er sich nimmer halten. Er ließ seinen Thränen i freien Lauf und schluchzte laut. „Mußt nicht weinen lieber !Karl," sagte jetzt seine Mutter. Ich mache die Worte: ««Ich -sterbe, aber Gott wird mit euch sein,»» zu den meinigen. Wenn du zu Gott dich halst wird er dich nicht verlassen. Ich bin jung gewesen und bin alt geworden, habe frohe und trübe Tage erlebt, aber ich kann nicht sagen, daß mich Gott, jemals verlassen hätte. Er hat sich immer zu mir bekannt und meine Gebete erhört. Man hält mich überall für arm, das bin ich auch. Aber ich bin auch reicher, als du lieber Karl selber weißt. Der Herr hat mein Herz erfüllt mit Trost und Freude.
Ja »och mehr! Er hat mich auch leiblich gesegnet. Ich habe