Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Haussteun-
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Wiesbaden, den L7. April 1851
Zweiter Jahrgang
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Inhalt:
Erzäblung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dorf- Novelle vom Westerwald (Fortsetzung und Schluß.).
Der Haupt-Eur zweck unseres Lebens.
Anzeigen.
5 Marilian.
Eine Dorf-Novelle vom Westerwald.
(Forts. u. Schluß.)
Der Schmerz, welcher mit dem todten Philipp in das kleine i(ßf kann wohl nicht in Abrede geste t werden. Kürzung der Haus Marimmers, auf das die Bergleute mit der Bahre zu- langen Winterabende durch das Zusammensein und gemeinsame schritten, und in das große Herz der armen Mutter hineinge- iUrbeit, gleichzeitige Benutzung des Lichtes einer Lampe und tragen wurde, ist nicht zu beschreiben, und wir wollen ten fBer Wärme eines Ofens, und Demnach Ersparung des Oels vergeblichen Versuch einer Schilderung desselben nicht wagen.— i „nd Holzes für viele Einzelne, und schließlich Austausch der
In Weißers Haus war durch den Vorfall zwar eine Störung Gedanken und Empfindungen, die auch in einem Bauernkops
des Festes, denn in jeder Brust gibt es eine stumme Pause, ^„p einem Bauernhcrzen nickt fehlen, durch gesellige Unterhal- wenn der Tod plötzlich an die Freude und Lust herantritt, aber > jung — ras sind die gewiß nicht verwers icken Zwecke, die durch keine Unterbrechung desselben entstanden. Der alte Weißer hatte Bie Spinustuben erreicht und verwirklicht werden sollen und vielmehr, nachdem der leise Schauder, der auch ihn nickt un6e= sönnen. Um aber dem Einreihen von Mißbräuchen und der rührt gelassen, vorüber war, gesagt: „es ist gut, daß es seinen hjlugartung der Spinnstuben vorzubeugen oder solche Mißbräuche, von uns betroffen hat; wir leben ja noch Alle, und drum
wollen wir auch noch lustig sein!» Der alte Köhler Zipp hatte ihm laut beigestimmt, und mit den Worten: „es lebe hoch Alles, was noch lebendig ist!" fein Glas leer getrunken, und so war die Fröhlichkeit wieder in den Gang gesetzt worden. :— Nur Marilian blieb still und schweigsam den ganzen Abend über, und als spät in der Nacht die Abschiedsstunde kam, und Franz ihr den Abschiedskuß gab, da hielt sie ihn zwar fest umschlungen, als ob sie ihn nimmer lassen wollte, aber ihre Lippen, die sich auf seinen Munde preßten, waren kalt wie der Tod. —
VII.
Der Winter war diesmal hartnäckiger Natur. Dem Kalender «ach ging’â schon auf den Frühling los, und noch lag das Dorf bereits seit mehreren Wochen fast ganz in Schnee vergraben. Schnee bedeckte auch den Forst und den Katzenstein und die leere Köhlerhütte des alten Zipp und seines Sohnes Franz. Schnee bedeckte die Fluren des Dorfs und den inmitten derselben liegenden Kirchhof, und das noch frische Grab des Philipp Eich.
Im Dorfe selbst war das Wimerleben in vollem Gauge. Des Morgens in aller Frühe, oft schon um 1 oder 2 Uhr in der Nacht vernahm man das rastlose Kleppklippklapp der Drescher in den Scheuern, und Abends sah man die steißigen Frauen und Mädchen, das Spinnrad auf dem Arm, in die Spinnstuben wandern, und die dann freilich unthätigen Männer und Bursche, die Pfeife im Mund ihnen nachschlendern.
Die Spinnstuben — es wird gegen dieses aus dem Dorfleben erwachsene Institut, gegen diese bäuerlichen Kasino's geeifert und geschrieen. In der That läßt es sich nicht leugnen, daß in einzelnen Dörfern, namentlich auch des Westerwaldes, zu welchen indessen das Dorf, in dem unsre Novelle spielt, nicht gerechnet werden darf, mit dieser äckt volksthümlicheu Einrichtung Mißbrauch getrieben wird, und daß die trübe Oehllampe mancher Spinnstube anstatt einem Kreise fleißiger, emsiger Weiber und Mädchen, und gesitteter in geselliger Unterredung
von der Tagesarbeit ausruhender Männer und Bursche zu leuchten, häufigen Scenen der Rohheit und dcs Unfugs ihr Licht borgen muß. Aber eine Einrichtung , deren Veranlassung und ursprünglicher Zweck schön und gut waren, sollte nicht gleich verdammt werden, wenn sie hier und da gemißbraucht wird,
und auf auf
ausgearbeitet ist; man so te sich vielmehr bestreben, dieselbe den Standpunkt, auf den sie geführt, zurückzuführen, oder einen noch höheren emporzuheben. Daß aber der Grund
und Zweck der Spiuustuben ihrem Wesen nach gut und schön
wo sie bestehen, wieder abzuschassen, müßten dieselben in gewisser Beziehung vrganisirl werden. Nicht in jedem Hause eines Dorfs dürfte eine Spinnstube abgehallen werden; es sollte dazu die vorheiige Einholung der Erlaubniß bei der Orlèbchörde für jeden neuen Winter nothwendig sein, und diese dürfte nur solchen Hausvätern ertheilt werden, welche der Gemeindebehörde als gesittete, achtbare Männer bekannt wären. Die Dauer der Spinnstuben dürfte eine bestimmte Stunde des Abends nicht überschreiten, und der Verkauf von geistigen Getränken besonders von Branntwein für dieselben und der Genuß solcher Getränke in denselben müßten streng verboten sein. Es sollten, was auch für unsre Gegend bereits von anderer Seite mit rühmlichstem Eifer angeregt worden ist, Mittel Mv Wege gesucht und gefunden werden, auch die Männer und Bursche für die Winterabende in der Spinnstube durch nützliche und nicht sehr anstrengende aber den Schönheitssinn veredelnde Are- beit n, wie Holzschnitzereien , Stroh- und Korbflechtereien, zu beschäftigen; und es dürfte nicht versäumt werden — eine Aufgabe für die Geistlichen und Lehrer in den Dörfern — guten, unterhaltenden und zugleich belehrenden Büchern, zu deren Vorlesung sich gewiß an jedem Abend ein Surf die oder ein Mädchen bereit finden würde, sowie schönen volksthümlichen Liedern Eingang in die Spinnstuben zu verschaffen. So sollte man für Hebung der Spinnstubèn zu arbeiten und zu wirken suchen, anstatt, wozu im Grunde nicht viel gehört, in den Tag hinein dagegen zu eifern und zu schreien. Würden die Spiuustuben vertilgt, so würde damit eins der hellsten Fünkchen der in dem Dorfleben noch glimmenden Poesie zertreten.
Auch in Weißers Haus war eine Spinnstube. Es kamen dort indessen nur einige junge Weiber und Männer aus dem Dorf zusammen, Altersgenossen von Christ und Kathrin, welche Letztere seit Anfang Winters Mann und Frau waren, und im Hause des alten Weißer wohnten. Hier waren eines Abends wieder die Spinnerinnen um die Hängelampe versammelt, während die Männer um den warmen Ofen herum saßen und ihre Pfeifen rauchten. Marilian saß auch an der Lampe und spann