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Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Haussreun).

2Vr. 6*. Wiesbaden, den 20. März L83I. Zweiter Jahrgang.

DerAllgemeine Nassauische Anzeiger und Hausfreund" wird im Interesse der Gemeinden demAllgemeinen Nassauischen Schulblatt" als GratiS-Beilage zugegeben. Besondere Abonnements auf denAnzeiger und Hausfreund können quartaliter n 84 kr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten gemacht werden.

Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dorf- Novelle vom Westerwald (Fortsetzung). Untreue schlägt ihren eigenen Herrn.

Gemeinnütziges: Ueber die Benutzung natürlicher und künstlicher Erdharze zu mancherlei Zwecken.

5 Marilian.

Eine Dorf-Novelle vom Westerwald.

(Fortsetzung.)

III.

Mitten im Zauber des herrlichen Buchenhochwalds, an dessen Saum nach dem Dorfe zu die mächtige weitastige Kernbuche stand, erhob sich ein riesiger Basaltblock. Rings von saftigem Buchen- und anderem Laubwerk umschlossen, ragte nur die Spitze desselben über die hohen Baumwipfel empor. Dieser Felsblock wurde der Katzenstein genannt, weil ehedem, als die Wälder noch reicher an Bewohnern waren, wilde Katzen in seinem zerrissenen Geklüft gehaust haben sollten. Unten, am Fuße des Felsen, führte ein vom Dorfe kommender grünbe­wachsener Waldweg vorüber, auf dem man, wenn man im Walde kundig war, den eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt jenseits gelegenen Marktflecken erreichen konnte. Rechts ab von dem Waldwege gelangte man auf einem um den Felsen herum­biegenden Fußpfad durch dichtes Gebüsch an eine mäßige Wald­blöße im Rücken des Katzensteins. Ein großer Kohlenweiler sandte hier seinen dünnen blauen Rauch durch das frische Laub empor. Neben dem Weiler stand eine kleine, aus Rasen, M os und schräg gegen einander gestemmten Baumstämmen gefügte Hütte. Dieß war das Revier des alten Köhlers Zipp, mit dessen Sohne Franz wir bereits bekannt geworden sind. Schon seit einigen Monaten wohnte er hier. Der Eigenthümer des Eisenhammers hatte ihn von drüben über der Lahn her, wo er noch andere Eisenwerke besaß, hierhin geschickt, um durch ihn die Holzmassen, welche in den reichen Wäldern um unser Dorf billig angekauft worden waren, theils für den Hammer, theils für die Hüttenwerke an der Lahn verkohlen zu lassen. Das Kohlenbrennen ist ein Geschäft, das wie jedes andere gelernt und verstanden sein will. Zipp verstand dasselbe aus dem Fun­dament heraus, und aus diesem Grunde war ihm von dem Eisenwerkbesitzer der angeführte Auftrag geworden.

Es war Sonntagnachmittag, als Vater und Sohn mit einander aus der Köhlerhütte heraustraten.

«Nun Franz," sagte Zipp im Heraustreten zu seinem Sohne, e3 hat mich gefreut, dich die guten Nachrichten von daheim erzählen zu hören, daß Alles dort gut geht, daß meine Alte noch gesund und unsre Ammi brav und fleißig ist. Du kannst jetzt hinunter in's Dorf gehen und dir ein bischen Spaß machen, wie's dem jungen Volk Noth thut. Ich will derweil hier bleiben bei den Kohlen, daß nichts verfehlt wird."

«Gut," erwiderte Franz, «ich hab' auch schon einen Be­kannten im Ort, den will ich aufsuchen. Gestern, als ich nach dem Hammer ging, hab' ich ihn draußen vor dem Wald ge­troffen und ihm versprochen, heut' einmal hinunter zu kommen. Guten Tag denn, Vater, bis auf den Abend."

Während der alte Zipp seinem Sohne wohlgefällig nach­schaute und dann nach dem Kohlenwciler zurückschritt, ging dieser durch's Gebüsch den um den Katzenstein herumbiegenden Fußpfad hinunter. Als er jedoch hier den Basaltblock so mäch­tig neben sich über die stattlichen Buchen emporragen und oben in dem Hellen Sonnenlicht, daS nicht in den Wald herunter­drang, sich vergolden sah, da konnte er sich nicht enthalten, zur Seite umzubiegen und den Felsen zu erklimmen.

Es wird ost gesagt, der Dorfbewohner habe keinen Sinn für die Natur, er verstehe dieselbe nicht. Diese Behauptung ist jedoch nur in sofern richtig, als dem Dorfbewohner das Eigen­thümliche und Schöne der Natur, in welcher er lebt, nicht zum Bewußtsein und zur Anschauung kommen kann, weil er selbst zu ihr gehört, weil er selbst innig mit ihr verwachsen ist, und sich nicht außer sie, um sich so ein Bild von ihr zu verschaffen, zu stellen vermag. U.n so wärmer aber empfindet er die Stim­mung, die in seinem heimathlichen Stück Erde wohnt, um so mehr ist das Wesen und der Charakter seiner Heimathlandschaft sein eigenes Wesen und sein eigener Charakter.

Auf dem hohen Westerwald und auf seinen östlichen und südlichen Abhängen, wo die Natur hügelig und bergig ist, liegt fast jedes Dorf in seinem als Ganzes abgegrenzten Thale. Ueberall findet hier das Auge ringsum an den Bergen und Hügeln, die meist mit Wald bewachsen sind, willkommne Ruhe­punkte, und kein Bltck kann ziellos hinausschweifen in die Ferne. Nur wenn man hinaufsteigt auf die Berge und Hügel, die das Thal begrenzen, wird der Blick weiter, verliert jedoch auch hier an den entfernteren Bergen die Ruhepunkte nicht, und kehrt, nachdem er jeden derselben berührt hat, gerne zurück, um sich wieder hinunter auf das Dorf im Thale zu senken. Deßhalb tragen diese Dörfer den Charakter der Ruhe, des Friedens und der Abgeschlossenheit, und ebenso ist der Charakter ihrer Be­wohner. Friede und Genügsamkeit; die Neigung, stets im hei­mathlichen Dorf zu bleiben; kein Wunsch, hinauszuwandern in die Welt; und in der Ferne das heiße Verlangen der Wieder­heimkehr das Heimweh. Auf der westlichen und südwest­lichen Abdachung des Westerwalds dagegen, wo die Landschaft ebener und flacher ist, liegen auch die Dörfer meist ohne Ab­grenzung und ohne Schirm. Das Auge schweift von einem Dorf zum andern, ohne einen Ruhepunkt zu finden; es wendet sich darüber weg weit hinaus nach West und Süvwest, und hält nur fern an den blauen Streifen der Rheinberge kurze Rast^ um sich dann in das Endlose zu verlieren. Etwas Un­befriedigtes, ein endloses Fort- und Hinausziehen ist das Eigen­thümliche dieser Gegend; und dasselbe findet sich wieder in dem Charakter ihrer Bewohner. Sie werden nicht heimisch in ihren Dörfern, bis sie das Alter dazu zwingt. Wie umgekehrte Zug­vögel wandern sie im Lenze hinaus mit Weib und Kind, nach­dem sie ihr HäuSchen im Dorf verschlossen oder ein Familien­glied, das nicht mitwandern kann, zum Hüter darüber gesetzt haben. Sie gehen als Händler mit Porzellan, irdenen Waaren und anderen Hausirhandelsartikeln nach allen Gegenden Deutsch­lands, nach Holland, Belgien und Frankreich; und wenn sie auch im späten Herbst oder mit beginnendem Winter in ihr Heimathsdorf zurückgekehrt sind, so läßt s ihnen doch nur wenige Monate dort Ruhe, und sobald die Erde neu zu grüne» und