Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger & Hanssrennd.

Allgemeiner

Wiesbaden, den 16. Januar

1831»

Zu Abonnements pro Ja». bis März 1851 â 18 fr. bei der Erpcdüion direkt und â 24 fr. mit Bestellgeld bei allen Postan­stalten wird freundlichst cwgeladeu und gebeten schleunigst dieselben zu machen. Znserare im Anzeiger kosten die dreispaltige Pclitzerlc ä 2 fr. Briefe und Gelder werden franko erdeten.

Anhalt:

Erzählung: Der Uebergang Blüchers über den Rhein bei Caub am 1. Januar 1814. Der Hofnarr.

Gemeinnütziges': Behacken und Behäufeln. Begießen. Verschiedene Bemerkungen. Vcrfayrcn, um frühe geiucßbarc

Erbsen zu erhalten.

MannichfaltigeS.

Anzeigen.

Erzählung und Geschichtliches.

Der Uebergang Vlücher's über den Rhein bei Caub, am 1. Januar 1814.

Der Rheinübergang Bl ü cher's bei Caub am 1. Ja­nuar 1814, liebe Leser, ist ein's der allerwichtigsten Ereignisse der neuern Zeit. Er war der erste Schritt in das Gebiet, über welches Napoleon zunächst herrschte und also ein höchst wichtiger zu fehlem Falle; er hat den deutschen Rhein und ein schönes dem deutschen Vaterlande entrissenes Land ihm wieder­gegeben und unsre Brüder auf dem linken User frei gemacht von einer Herrschaft, die allem ächt deutschen Wesen Verderben brachte. So ist er uns int höchsten Grade wichtig; aber die genauen Nachrichten darüber fehlen, weil noch kein Augenzeuge dieser Begebenheit die Fever ergriffen hat, sie zu schildern. Wer darüber schrieb das waren meist Militäre, denen es nicht darum zu thun war, die Einzeluinstände zu beschreiben oder Ge­schichtschreiber, welche kurz darüber hinweg gehen. Viele der Augenzeugen sind schon nicht mehr unter den Lebenden. Da hab' ich wohl daran gedacht, daß ich, der ich auch noch ein Augenzeuge und genau mit der Sache bekannt bin, es unter« nehmen sollte, diesen Uebergang zu beschreiben. Das hab' ich denn in Nachfolgendem gethan.

Ein unabweisbares Geschäft hatte mich in der Zeit nach Mainz gerufen, als eben der Schlachtendonner von Hanau verhallt war. Napoleon hatte seine zerrütteteArmeeverlassen, und war nach Paris geeilt, wohin ihm die größte seiner Lü­gen, das letzte Bülletin (Nachricht) der großen Armee (so nannte er immer sein Herr) vorangegangen war. Ich habe viel Elend im Leben gesehen; aber ein riesenmäßigeres nie, als das war, welches sich in den erschütterndsten Gestalten vor mei­nen Blicken entfaltete, als ich an der Rheinbrücke in Mainz stand, wo sich die sogenannte große Armee, in ihren Gliedern zerrissen und zerstückelt, herüberdrängte, gepeitscht von einem Schrecken, als wären die verfolgenden Deutsche» auf ihren Fersen.

War der Grad dieses Elendes an sich schon furchtbar, so erschien er mir indem schrecklichsten Gegensatze noch viel größer; denn vor einem Jahre war ich auch in Mainz gewesen, um das schönste kriegerische Schauspiel mit anzusehen, welches, ich möchte sagen, jemals ein Auge sah. Die schönste Armee, von der die Geschichte zu sagen weiß, zog damals über den Rhein, die Napoleon's, welche gegen Rußland zu ziehen bestimmt war. Die Adler glänzten im Sonnenschein; die Fahnen flat­terten, als wäre der Sieg an sie gefesselt; die Pracht der Uni­formen und der Bewaffnung setzte Jeden in Bewunderung. Und welche Leute! Alle strotzten von Kraft, alle belebte ein frischer Muth; ihr Ruf: Es lebe der Kaiser! kam aus den in- ernsten Fugen der Seele kurz das Schauspiel bezauberte

und betäubte zugleich. Man hätte sich fragen mögen: Wer kann diesen kriegsgewandten Schaaren widerstehen, wer sie be­siegen? das schienen die Eroberer einer Welt zu fein! Wer hätte bei dem Glücke Napoleo n' s, bei seinem Geiste und Fetdherrntalente daran zu zweifeln gewagt? Aber das waren die Urtheile kurzsichtiger Menschen, denen der Blick in den Rath dessen nicht vergönnt ist, der die Geschicke der Welt lenkt und gesprochen hatte: Vis hierher und nicht weiter!

Wie anders war es jetzt, ein Jahr später, als ich wieder an der Mainzer Brücke stand und die, welche ich damals kriegslustig hinüberziehen gesehen, zurückkehren sah? Bleich, entstellt, zerlumpt, kothbedeckt, krank, verwundet, schleppten sich zerrissene Regimenter einher. Reiter ohne Rosse hinkten barfuß an Stöcken doch ich will das Bild nicht weiter ausmalen; es stand damals vor meinen Augen in all' seinem Jammer und in dem ungeheuern Maaße seines Elendes, und so steht's heute, nach so vielen Jahren, vor meiner Seele.-

Ich floh in die Heimath, die am linken Ufer des Stromes lag, der damals über seinen Rücken die Pracht und jetzt das Elend ziehen ließ und ruhig seine Fluthen dem Meere zu­sandte. Kaum in derHeimath angelangt, trat dies erschütternde Bild zertretener Größe und Macht, dieß herzzerreißende Bild menschlichen Jammers auch hier, in dem stillen, abgelegenen Rheinthale bei Bacharach, vor mein Auge. Ja, klingt es nicht fast wie Uebertreibung ? Bis in eine Entfernung von neun und zwölf Stunden von Mainz kamen Verwundete aus der Schlacht von Hanau, die noch nicht verbunden waren. Gräßliche Flüche über den, der sie hingeopfert, der sie treulos verlassen, der nicht einmal für die Opfer seines Ehr­geizes und seiner Herrschsucht gesorgt, konnte man aus dem Munde von Kriegern hören, deren Narben laut dafür zeugten, daß sie in so vielen Schlachten mit völliger Hingebung für Napoleon gefochten, ihn früher fast vergöttert hatten. Ich verbürge diese Thatsachen. Ich bin Augen- und Ohrenzeuge davon gewesen. In allen Städten, Städtchen und Dörfern des linken Rheinufers lagen R^ste des Heeres, Glieder des großen zerrissenen, bluttriesenden Körpers; aber wo fünfzig Mann lagen, da hatte man die Musterkarte aller Waffengattungen der Armee vor Augen, so bei den Gemeinen, wie bei den Offizieren. In dem Dorfe, in welchem mein Vater als Pfarrer lebte, wurde eine Division zur Einquartirung angesagt, die des Generals Wathier (oder Wathrin, genau erinnere ich mich des NamenS nicht mehr) die armen Bauern geriethen in Angst und Schrecken; denn was eine Division sagen wollte, das hatte man genau genug kennen gelernt, weil man eben berechnen gelernt hatte, wie viel Söhne müßten vom Mutterherzen gerissen und zur Schlachtbank geschleppt werden, bis sie eine Division ausmachten.

Gegen Abend rückte endlich die Division ein; aber wie erstaunte man, als es etwas über hundert Mann waren, zusammengesetzt auS allen Waffengattungen, und fast ein Drit­theil Offiziere jedes Ranges?

Der alte General wandte sich zu meinem Vater, bei dem er Quartier genommen und (ich erinnere mich heute noch der Thräne in seinem Auge und des herzbewegenden Tones in dem er es aussprach!) sagte: «das ist der Ueberrest einer der schönsten Divisionen der Armee! Sie liegt theils in Ruß-