Allgemeiner Nassauischer Artiger & Haussteuu-.
2». FA. Wiesbaden, den 8. Mai 1831. Zweiter Jahrgang.
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Inhalt:
Zur Unterhaltung und Belehrung: „Der Freund in der Noth", eine Erzählung von J. K. Busch. (Fortsetzung.) — Rundschau. — Litterarische Anzeigen.
wirst du ant Ende dieser Erzählung besser sehen, als jetzt. Ja arm zog er aus und reich kehrte er heim, nachdem er 3 Jahre bei seinen Verwandten zugebracht hatte.
Er wollte Weihnachten wieder in seiner Heimath feiern. „Da wird er nicht viel Freude erlebt haben," werden Manche denken. Wer so denkt, der irrt sich. Wo hätte er mehr Gutes wirken können, als eben gerade in seiner Heimath. Und Gutes thun zu können ist auch eine Freude; — eine Freude, welche über Tod und Grab hinaus dauert. Dieß hatte Karl bereits erfahren. Er war so ziemlich unterrichtet über den Zustand seines Geburtsortes. Und der Leser will zum Voraus wissen, wer ihn davon in Kenntniß gesetzt hat. Es mag sein. Weil er vorher Alles wußte, so zog es ihn um so mehr nach Hause. Es nahm ihn nicht Wunder, daß es so wurde. Seine Mutter- stlig hat es ihm ja vorausgesagt. Nur Etwas wollte er gern noch wissen, ob die Leute durch diese bittern Erfahrungen klug geworden seien oder nicht. Und darüber konnte ihm Niemand mehr sagen, als seines seligen Vaters Busenfreund, der Altbürgermeister. So kam es, daß er diesen zuerst aufsuckte. Wie erstaunte dieser, als er den Verstand und die Männlichkeit Karl's sah. Noch ehe Karl in die Fremde ging, hatt er schon seine Freude an ihm. Aber jetzt wurde diese Freude zur Lust. Karl mußte versprechen, über Weihnachten bei ihm zu bleiben. Dieß ât- ^ Wh, mi^4c^ Unterredung Karl näher kennen lernen wollen. Es so8 geschehen. Du wirst finden, daß die Distelhäuser in ihrer großen Noth einen treuen Freund an ihm erhielten.
»Du meinst also Karl,» sing nach dem Essen Altbürgermeister an, "Unserm Orte sei noch aufzuhelfen?. Es würde mich freuen; aber Karl, ich muß dir gesteheu, daß ich wenig Hoffnung habe.» Karl: «Ein Christ muß auch da hoffen, wo scheinbar nichts mehr zu hoffen ist. Denn er weiß, daß eS ! nicht seine Sache ist, ob etwas gelinge, sondern des Herrn Sache. Und bei Gott sind alle Dinge möglich. So haben unsre Altväter fest geglaubt."
A. Bg.: «Du hast allerdings recht. Es fallen mir soeben die Worte ein: "Wenn Hoffnung nicht wär, so lebt ich nicht mehr.» Doch weiß ich nicht, lieber Karl, ob du auch noch so reden würdest, wenn du schon so viel erfahren hättest, wie ich. Man hat eben auch Beispiele, wo die Hoffnutig vergeblich war.»
Karl: Sie denken an die Worte: «Erfahrung bringt Hoffnung.» —
A. Bg. : »Ich habe zwar im Augenblick nicht daran gedacht, aber es ist gut, daß du mich daran erinnerst. Es ist hier in kurzen Worten ausgesprochen, was ick meine.«
Kar! : »Sonderbar! Auch meiner Meinung liegen diese Worte zu Grunde, und doch ist diese von der ihrigen sehr verschieden. Sie hoffen! der Ort gehe zu Grunde und ich hoffe: es könne ihm noch aufgeholfen werden. Weil aber unsere Hoffnung verschieden ist, so muß auch unsere Erfahrung verschieden sein; sonst wären ja obige Worte keine Wahrheit. Und das werden sie doch nicht bestreiten?!»
A. Bg.: »Ich sehe schon, bei dir muß man sich in Acht nehmen, wenn man sich nicht fangen lassen will. Du willst sagen: Es ist Erfahrungssache, daß die Hoffnung desjenigen, der etwas Gutes thun wollte, noch nie zu Schanden wurde.
Zur Anterhaltung^und Belehrung.
Der Freund in der Noth.
(Erzählung von I. K. Busch.) (Fortsetzung.)
3.
Wenn du lieber Leser am zweiten Weihnachtsfeiertage 1848 beim Altbürgermeister in Distel hausen zu Nackt gegessen hättest, wäre dir ein Glück zu Theil geworden um welches man dich mit Reckt beneiden könnte. Du hättest nämlich eine wichtige Unterredung zwischen Karl und Altbürgermeister mit anhören dürfen. Und das wäre dir gewiß lieb gewesen. Mich wenigstens hätte ein stundenlanger Weg, bei der ungünstigsten Witterung zu machen, nicht abgeschreckt. Aber ick habe leider die ganze Geschickte erst einige Monate später erfahren und da war natürlich alles Wünschen umsonst. Doch hatte mich mein guter Freund, der mir diese Geschichte erzählt hat, und der dabei gewesen ist, dadurch einigermaßen zu entschädigen gewußt, daß er mir das Wichtigste der Unterredung mittheilte. Bevor iAâr dir lieber Leser einiges Wenige von derselben wiedergebe, muß ich zuerst deine Neugier befriedigen und dir kurz berichten, wie es Karl ergangen ist, und wie es kam, daß er bei Altbürgermeister zu Nacht essen mußte. Auf der Landstraße zwischen R. und H. haben wir unsern Karl verlassen, dort wollen wir ihn wieder aufsuchen. Er zog fröhlich seine Siraße dahin , und kam nach drei Tagen gesund und wohl bei seinem Vetter an. Dieser empfing ihn auf8 Freundschaftlichste. Hatte Karl das Unglück bei einer schlimmen Frau seine Lehrzeit zuzubringen, so hatte er jetzt das Glück an seiner Baase eine tüchtige Hausfrau gefunden zu haben. Sie ersetzte einigermaßen seine Mutter. Karl aber wußte sich auch zu betragen, wie es einem jungen Menschen zusteht. Er war nicht mißtrauisch, deßhalb konnte man auch ihm Zutrauen schenken. Er war aufrichtig, deßhalb konnte man auch gegen ihn aufrichtig sein. Er war in der That ein Freund des Hauses; als ein solcher wurde er angesehen, als ein solcher führte er sich auch auf. Alle, die ihn kennen lernten, liebten und achteten ihn. Besonders lieb aber hatte ihn seine Tante, und das war für ihn kein Unglück. Denn sie war, wie man sagt, reich, und hatte keine Kinder. Er bekam nicht nur manchen Batzen so lange sie lebte, sondern als nach ihrem Tode ihr Testament eröffnet wurde, war er auch da mit 30,000 Thalern bedacht, der Hälfte des ganzen Vermögens. Du freust dich selber, lieber Leser, denn du weißt, daß er arm war und nebst seinem Häuschen nur noch 50 Thaler Vermögen hatte. Du weißt aber auch, daß er brav war, und mit Geld umzugehen wußte, daß er mit einem Wort «Haushalten» gelernt hat und deßhalb gönnst du es ihm um so mehr. Ja Gott segne es ihm! So war nun auf einmal Karl ein grundreicher Mann. Er wurde bei seinen Verwandten doppelt reich: reich an irdischen Gütern und reich an Kennt- riissen und Erfahrungen. Und daß er auch reich in Gott war,