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Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hausfrenn).

JTr. ©. Wiesbaden, den 6. Februar 1831.

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Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Treue Hand geht durch's ganze Land. Ein schauerlicher Kampf auf Leben und Tod.

Gemeinnütziges: Nutzbarmachung gefrorener Kartoffeln. Seife von der Asche des Farrenkrauts zu bereiten.

Maunichfaltiges.

Anzeigen.

Treue Hand geht durchs ganze Land.

In einem Dorfe der fruchtbaren Wetterau hatte man im Herbste die Hände voll zu thun gehabt, um den reichen Erndte- segen unter Dach und Fach zu bringen. Man braucht nicht zu sorgen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn Scheuer und Speicher waren voll. Im Keller lagen Obst und Kartoffeln hoch aufgc- schichtet, und eine Reihe Fässer, voll süßen Aepfel- und Birn- weineS, sagten denen, die nicht gern Wasser trinken, daß sie dennoch keinen Durst zu leiden brauchten. Auch lag für die Frauen und Mädchen der Flachs, sauber und fein bearbeitet, in der Kiste bereit und wartete nur auf daS Spinnrad. Hier und da hatten bereits die Spinnstuben begonnen und namentlich in einem Hause des Dorfes bot sich das freundliche Bild ge­müthlichen Winterlebens dar. Es war an einem recht rauhen Novemberabend, als sie so recht behaglich da saßen; denn draußen stritten Schnee und Regen vom Sturme gepeitscht um die Herr­schaft. Es war schon spät, da klopfte es plötzlich stark wider den Laden. Wer mag das sein? sprach der Hausvater, indem er nach dem Fenster ging. Wer klopft so spät? fragt er.

Ein müder reisender Handwerksbursch, der eine Nachther- bcrge sucht, war die Antwort.

Der Hausvater übte noch die fromme Sitte, keinen Her­bergesuchenden abzuweisen. Er sagte: Tretet in Gottes Namen herein!

So kam denn bescheiden und grüßend der müde, nasse Wan­derer herein und der Hausvater sagte: Landsmann, legt Euer Felleisen ab und macht Euch in die Ofenecke, daß Ihr warm und trocken werdet. Frau, sagte er zur Hausmutter, die aber bereis aufgestanden war, hol' dem Burschen etwas unter die Zähne. Ich weiß aus meiner Jugend her, daß man in der Jugend alle zehn Minuten Appetit und alle fünfzehn einen Bärenhunger hat.

Als es der Handwerksbursche sich schmecken ließ, betrachteten ihn die Frauen und die Mädchen. Man sah's ihm an, daß er's lange so gut und behaglich nicht gehabt hatte, aber auch, daß er ein wohlgearteter, manierlicher Mensch war. Als nun nach dem Essen, das er hübsch mit stillem Gebete begonnen und geschlossen hatte, sich die Männer mit ihm in ein Gespräch einliehen, da erkannten sie auch, daß er auf seiner Wanderschaft durchs deutsche Land offene Augen und einen offenen Kops ge­habt, denn er hatte ganz erschrecklich Vieles gesehen und er­fahren. Bei ihm hieß cs nicht mit dem alten Sprüchwort: «Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gigack wieder heim.» Er erzählte mit Verstand und man hörte es wieder ganz deutlich, daß es Wahrheit war, was er sagte, denn er windbeutelte nicht und mit dem weltbekannten Münchhausen hatte er keine Ader gemein. Zuletzt zog er die Aufmerksamkeit rer ganzen Spinnstube auf sich.

Er hatte längere Zeit in Prag, der Hauptstadt von Böh­men, gearbeitet, und wußte von dieser Stadt gar viel Merk­würdiges zu erzählen. Mitten in der Rede aber unterbrach ihn Einer, der sagte: Landsmann, im vorigen Frühjahr kamen böhmische Musikanten hier durch, die zur Frankfurter Ostermesst zogen, die wußten viel zu reden vom heiligen Nepomuk und vom Johannisfeste. Könnt Ihr uns darüber nicht nähere Aus­kunft geben?

Ja wohl, antwortete der Geselle. Ich kam gerade am Vor­abend des Johannisfestes in Prag an, und Schaaren von Men­schen aus allen Gegenden des Böhmerlandes zogen mit mir in die prächtige Hauptstadt ein. Ich war erstaunt über die schöne Stadt; denn eine herrlichere hab' ich auf meiner ganzen Wan­derschaft nicht gesehen. Sie liegt wie in einem blühenden Gar­ten, rings umgeben von schönen Landhäusern. Ihre neunzig Kirchen, einhundert sieben und zwanzig Thürme und sechzig Pa­läste geben Einem Etwas zu schauen, der übrigen, zahlreichen, schönen Gebäude gar nicht zu gedenken. Ser kleinere Theil der Stadt, die «Kleinscite« genannt,, zieht sich einen Hügel hinauf, auf dem das Schloß mit der Dvmkircbe steht. Wie ein sil­berner Gürtel schmiegt sich der Moldausiuß an die Stadt und grüne Inseln heben sich wie Edelsteine aus dem Wasserspiegel empor. Ueber den Fluß führt eine uralte steinerne Brücke, welche die «Kleinseite« mit der -Altstadt" verbindet. Diese Brücke hat sechzehn Bogen und trägt auf ihrem Rücken acht und zwanzig Bildsäulen.

Die mittelste derselben stellt den heiligen Johannes von Ne­pomuk dar, le;; ehemaligen Erzbischof von Prag, der am 16. Mai 1383 auf Befehl des unholdigen Königs Wenzel von dieser Stelle herab in die Moldau gestürzt wurde, weil er das, was ihm die fromme Königin in der Beichte anvertraut hatte, nicht verrathen wollte.

Die Böhmen haben ihn zu ihrem Schutzpatron gemacht, und wandern jährlich zu Tausenden nach Prag, das Gedächtniß des heiligen Nepomuk zu feiern. Wer in den Häusern und Ställen kein Unterkommen finden kann, der sucht cs auf der Straße unter freiem Himmel. Das ist namentlich denn für die zahllosen Bettler, Landstreicher und Krüppel gemünzt, die aber an solchen Tagen gute Geschäfte machen.

Wer ant Johannisfest unter das Gedränge auf der Straße oder auf der Brücke sich mischen will, der mag nur die Säckel fein zuhalten, denn cs gibt da Leute genug, die nicht blöde sind, in fremde Säckel zu fahren und mitzunebmen, was sich nicht wehrt und der Leute gibt's überall zu solchen Festzeiten viel; in Prag aber mehr, als gut ist. Weit kommen jreilich die Schel­men mit dem gestohlenen Gute nicht, weil es nicht gedeiht. Sie kommen etwa bis in eine heimliche Winkelkneipe, wo sie es vertrinken oder verspielen und sind dann so arm, wie zuvor; oft aber kommen sie nicht weiter, als vor's Wiener Thor, rechts, eine Anhöhe hinauf, wo der Galgen steht. Dort hab' ich mit meinen Augen Manchen hängen sehen, unter Andern auch ein Dienstmädchen mit Kreuzbändern an den Schuhen, weßhalb seitdem kein ehrlich Mädchen oder Frau in Prag mehr Kreuz­bänder an den Schuhen tragen mag.

Doch will ich nicht bloß von Spitzbuben erzählen, sondern ein Exempel bringen, daß es noch ehrliche Menschen in der Welt gibt und Gottlob, noch Viele,