Allgemeiner Nassnnischer Anzeiger &
Wir. 1. Wiesbaden, den 13. $ycbriiat 1831. Zweiter Jahrgang.
Der „Allgemeine Nassauische Anzeiger und Hausfreund" wird im Interesse der Gemeinden dem „Allgemeinen Nassauischen Schulblatt" als Gratis-Beilage zugegeben. — Besondere Abonnements auf den „Anzeiger und Hausfreund können quartaliter a 8* kr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten gemacht werden.
Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Bon dem guten Deutschen in Lyon. — Regentenpflicht. — Wie Kaiser Maximilian die Gelehrten würdigte.
Gemeinnütziges.
Mannichfaltiges.
Anzeigen.
Don dem guten Deutschen in Lyon.
Es ist eine Herzensfreude für jedes ehrliche deutsche Gemüth, wenn es sieht, daß man in fremden Ländern das Gute, was ein Deutscher gethan hat, ehrt und in dankbarem Andenken hält und es sich so auf's Neue bewährt, was die Schrift sagt: Das Gedächtniß des Gerechten bleibr im Segen, aber das Andenken der Gottlosen vergeht. Wir Demsche müssen uns als Ein Ganzes fühlen und erkennen. Darum muß es uns inniglich freuen, wenn einem unsrer Brüder und Landsleute die Ehre widerfährt, die ihm von Gott und Rechtswegen gebührt, zumal von den Franzosen die wegen der Liebe zu uns Deutschen von Gott nicht gestraft werden.
In der Ueberschrift heißt's: Von dem guten Deutschen in Lyon. Da muß ich zuerst Euch sagen, daß dies Lyon die zweitgrößte Stadt in Frankreich ist, wo.....cs schon schwer werden muß, daß ein Deutscher bekannt wird; zu geschweige«, daß ihm eine Bildsäule, als einem großen Wohlthäter der Stadt, errichtet wird, und man ihn nur den „ guten Deutschen" nennt. Diese Bildsäule war ursprünglich von Holz, wurde aber, so groß war die Liebe und Dankbarkeit für den guten Deutschen, wenn sie abgängig war, immer wieder erneuert, bis endlich die Lyoner nach dreihundert Jahren freunddankbarlichen Andenkens, ihm ein kostbares und dauerndes Denkmal, aus Erz gegossen, errichteten. Daß die leichtsinnigen und leichtfertigen Franzosen dreihundert Jahre eines Mannes gedenken, der noch dazu ein Deutscher war, das muß denn doch'etwas auf sich haben!
Wie hieß denn der Mann? Woher war er? Was war er und was hat er denn den Lyonern Großes gethan? So fragt Ihr jetzt billig, und ich will antworten, so viel ich kann. Er hieß Johannes Kleeberger oder auch Kleberger, und war iht Jahre 1485 in Nürnberg geboren. Seine Familie war ursprünglich bürgerlichen Standes und beschäftigte sich mit der Kaufmannschaft oder dem Handel. Durch Fleiß und Rechtschaffenheit erwarben seine Voreltern schon sich einen großen Reichthum und, wahrscheinlich, weil sie dem Kaiser mit Geld in der Noth aushalfen, erhob sie der Kai-er Maximilian I. in mn Adelstand. Sein Bruder blieb in Nürnberg wohnen, er aber zog nach Bern und kam etwa um das Jahr 1520 oder 1525, genau ist es nicht bekannt, nach Lyon, wo er große Fabriken einrichtete und Handel trieb. Durch die Leutseligkeit, mit der er sich gegen seine Arbeiter betrug, durch die Barmherzigkeit, mit der er für sie in Krankheits- und Alterstagen sorgte, und durch seine außerordentliche Wohlthätigkeit gegen die Armen erwarb er sich die Liebe und Achtung aller Leute in der Stadt Lyon und den Namen: »der gute Deutsche;" ja sein Ruf.war durch ganz Frankreich verbreitet, und selbst der König, dem er auch große Dienste leistete, ehrte ihn sehr. Durch seine klugen Unternehmungen wuchs sein Reichthum ungemein, indessen diente
er ihm auch dazu, immer reichere Wohlthaten auszuspenden und seinen Namen zu bewähren. Er war ein sehr gottesfürchtiger Mann und wandelte fürsichtiglich und dem Herrn zu einem Wohlgefallen.
Von ihm ging die Gründung einer Anstalt in der Stadt Lyon aus, die noch heute im Segen fortwirkt. Er gründete nämlich ein Versorgungshaus für alte, arme und kränkliche Bürger und Bürgersfrauen. Die wurden in der Anstalt bis an ihr seliges Ende wohlgehalten und wohlverpflegt, und werden es heute noch. Er gab dazu nach heutigem Geldwerthe die Summe von siebenzig Tausend Franken. Ich will hier die Stelle aus dem Verzeichniß der Geschenke für diese Anstalt hersetzen, die von Kleberger's Wohlthätigkeitssinn so rührend schön und einfach redet. Es heißt darin also: „Und um mit diesem Almosen zu beginnen, war da ein guter Mann , ein deurscher Kaufherr, der 500 Livres gab, was ein sehr guter und gö tli- cher Anfang war; und es befindet sich in den Re .nungen, daß in vierthalb Jahren er gegeben hat 2,344 Livres 10 Sous- Tournois, welches ein großes und bemerkenswerthes Almosen ist. Und er hat sich immer gutwillig gezeigt, diese wohlthätige Anstalt zu unterstützen. Der Name dieses guten Mannes soll hier nicht stehen, sondern in dem Buch unseres Herrgotts, wo die Gottseligen ausgeschrieben und verzeichnet sind durch die Hand der Bamherzigkeit.»
Obgleich er nicht wollte, daß sein Name genannt werde, weil er nicht strunzen und prunken wollte, so hat man doch nachher eine Marmortäfel am Eingänge des Versorgungshauses aufstellen lassen, darauf in goldenen Buchstaben sein Name, als des ersten Wohlthäters der Anstalt, zu lesen war.
Damit war indeß seiner Wohlthätigkeit noch nicht genug gethan.
Für unbescholtene, brave Mädchen in der von armen Leuten bewohnten Vorstadt von Lyon, welche „neue Vorstadt" oder auf französisch Boirgneif heißt, stiftete er eine schöne Ausstattung, wenn sie sich ehrlich verheiratheten und ohne Vorwurf in die chnstliwe Ehe traten und ohne Schande.
Als sein letztes Stündlein nahte, war groß Herzeleid in Lyon; aber er sorgte auch, daß nach seinem Tode die armen L.ute nicht verlassen würden. Er vermachte in seinem Testamente den Armen das berentende Kapital von 11,000 LivreS und noch ein anderes von 4000 Livres. Für alle seine treuen Diener setzte er ansehnliche Vermächtnisse aus; aber wie feind der fromme Mann allem Prunke war, zeigte er dadurch, daß er festsetzte, er wolle bei Nacht, ganz stille beerdigt werden; und wie er von ganzer Seele ein Deutscher war und blieb, that er dadurch kund, daß er sich sein Grab (wie es damals Sitte war) in der Kirche bestellte, wo meist die Deutschen in Lyon begraben lagen. „ .
Nicht bloß in Lyon beschenkte er Arme und wohlthätige Anstalten, sondern auch in der schweizerischen Stadt Genf', wo er auch Fabriken und Güter hatte.
Man sieht, dieser Mann Gottes trug in feiner Seele das heilige Wort: »Wohlzuthnn und mitzutheilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl.» Dafür galt ihm, dem „guten Deutsch»» auch die Verheißung: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."