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Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hausfreund.

iVi*. 12. Wiesbaden, den 1. Nkar 1831. Zweiter Jahrgang.

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Inhalt:

Zur Unterhaltung und Belehrung!Der Freund in der Noth", eine Erzählurg von I. K. Busch. (Fortsetzung.) Ansicht von Pera, der Vorstadt von Konstantinopel. Zustand der Religion in China. Die zwei Herren. Rundschau.

Zur UuterhultuDlud Belehrung.

Der Freund in der Noth.

(Erzählung von I. K. Busch.) (Fortsetzung.)

2.

Alle diejenigen, welche das 18. Lebensjahr zurückgelegt haben, sollen, wenn zwei Zeichen gegeben werden, auf dem Rathhaus erscheinen"- so machte der Ortsdiener in Karls Geburtsorte am Ostermontag 1848 in allen Gassen bekannt. Es gab eine große Aufregung. Nicht nur schwätzige Frauen und nasenweise Kinder ließen sich auf den Gassen und vor dem Rathhause sehen, sondern auch kräftige Bursche und junge, starke Männer. Man wußte schon vorher was es geben solle. Und der Leser kennt das Jahr 48 und denkt gewiß: »Gib Acht, ob die sich nicht einem Freischaarenzuge anschließen wollen.» Und wenn er so denkt, denkt er auch recht. Es war so. Noch ehe die Zeichen gegeben wurden, füllte sich der Rathhaussaal schon so an, daß ein beleihter Mann, ohne die Gefahr ervrückt zu werden, nicht mehr hinein kommen konnte. Zur bestimmten Stunde erschien der Ortsvorstand, bestehend aus 3 Gemeinde- räthen und dem Rathschreiber.Und dem Schultheisen oder Bürgermeister wird der Leser im Stillen zufügen, oder hat es am Ende schon gethan. Ist dieß der Fall, so muß er es wie­der zurücknehmen. Denn man hatte in jenen Tagen gar keinen Bürgermeister dort. Dem Alien haben sie es in Folge der Märzerrungenschaften so gemacht, daß er es für ein großes Glück ansah, als ihm der Bezirksbeamte nach langem Bitten und Betteln den Abschied gab. Das Amt sollte einstweilen der älteste Gemeinderath verwalten. Der wollte es aber mit den »regsamen" Bürgern nicht verderben.Halte ich mich gut, dachte er, so kann am Ende ja auch ich Bürgermeister werden."

Obgleich er sonst, wie man sagt, »nicht weit her war,» so Wußte er doch so viel, daß zu einer guten Haltung gehört, den Willen der Mehrzahl zu erfüllen. Als daher am Oster­sonntage einige Stimmführer der Gemeinde zu ihm kamen und ihm sagten: wenn er für einen Mann des Fortschritts gelten wolle, müsse er morgen Mittag die Gemeinde versammeln, fand er kein Bedenken diesen Wunsch zu erfüllen. Ehe ich jedoch mit dir leber Leser ein Wenig auf das Rathhaus gehe, muß ich vorerst kurz sagen, warum Altbürgermeister um seine Ent­lassung bat. Er war, man darf es sagen, der Tüchtigste im ganzen Ort und wußte den Worten: »Hat Jemand ein Amt, so warte er des Amtes,« besser nachzukommen, als mancher seiner Vorgesetzten. Viel Worte macht er nicht; aber Kraft und Nachdruck wußte er jedem derselben zu geben. Kam er in xin Wirthshaus, so nahmen die Unordentlichen,. die Spieler und Branntweintrinker sicher den Reißaus, oder verbargen sich in die hinterste Ecke. Wer nicht entkommen konnte erhielt seinen Werweiß, und der war scharf. Zumal wenn ein solcher seiner Schulden wegen oft verklagt wurde; was bei solchen gewöhnlich

der Fall war. Es gibt auf dem Lande viele Leute, welche er­schrecken, wenn sie einen Polizeidiener auf ihre Wohnung znge» hen sehen. Besonders sind die Frauen in diesem Punkte sehr ängstlich. Machte aber unser Bürgermeister in dem Hause eines Lüderlichen einen Besuch und dieß geschah oft so kam eine wahre Todesangst über dessen Bewohner.Nun ja, der Bürgermeister kommt wieder« hieß es, wenn man ihn nur von Ferne kommen sah. Und diese Furcht war sehr heilsam. Wo die Liebe nicht mehr ausreicht, muß Strenge eintreten, wenn nicht Alles verkehrt werden soll. Wenn die Bürger in einer Gemeinde keinen Respekt mehr haben vor dem Bürgermeister, steht es schon schlimm. So schlimm als es in einer Haushal­tung steht, in welcher man nicht weiß, wer Kellner over Koch ist. Doch muß ein gewisses Zutrauen vorhanden sein gegen denjenigen, welcher ein Amt bekleidet, wenn seine Strenge etwa? nützen soll. Sobald Mißtrauen überhand nimmt, nützt auch seine Strenge bei der größten Weisheit nimmer viel. Dieses Zutrauen verlor der Bürgermeister, oder besser gesagt: es wurde ihm geraubt, und zwar nicht unmittelbar aber doch mittelbar durch die Herren in Frankfurt, welche beiläufig gesagt: etwas Neues schaffen wollten, dabei aber manches Bestehende zernich­teten , ohne daß sie etwas Besseres an dessen Stelle gebracht hätten. Unkraut wuchert viel schneller als Waizen. Kaum halten sie augefaugen von Volksfouveräuität zu sprechen, so fühlten sich schon die Meisten frei und selbstständig und am Ersten die­jenigen , welche nie Herr über sich selbst werden konnten. Eine große Herrschaft übt bekanntlich das Fleisch über den eigentlichen Menschen aus. Diese wird um so stärker gefühlt, wenn man nimmer im Stande ist, all' die Ansprüche desselben zu befriedi­gen. Anfangs will man sich noch durch Allerlei helfen, wodurch man aber gewöhnlich nur noch mehr geknechtet wird. So fühlt z. B. Einer, daß er nimmer im Stande ist allen Bedürfnissen seines Fleisches, die er nach und nach sich angewöhnt hat, auch fernerhin Genüge zu leisten. Anstatt nun Herr über sich selbst zu werden und diesen kostspieligen GästenLebewohl" zu sagen, geht er hin und hängt sich mit Leib und Seel an einen Juden. Dadurch bleibt er nicht nur Sklave seiner selbst, sondern er macht sich selbst auch noch zum Knecht eines Andern. Hören nun solche Menschen, sie seien souverän, seien frei und ledig, so klingt dieß gar wohl in ihren Ohren. Sie sehen diese Lehre als ihr Evangelium an, und diejenigen, welche sie ver­kündigen, als ihre Heilande. So ging es auch gar vielen in der Gemeinde, von der wir bisher redeten und der wir den Namen Distelhausen geben wollen. Was ist natürlicher, als daß sie ihre Thätigkeit zuerst dahin richteten , sich von dem Erzdränger,» wie sie den Bürgermeister nannten, frei zu machen. Und dazu gab ihnen der Winkeladvokat N. ein ehemaliger Ver­walter die beste Anleitung. Derselbe hatte schon lange einge­sehen, daß, so lange der umsichtige Bürgermeister am Ruder ist, ihm sein Spiel nie gelingen kann. Deßhalb arbeitete er im Stillen schon lange darauf hin, das Zutrauen, welches der Bürgermeister bei den meisten Bürgern hatte zu untergraben. Die heilsame Strenge desselben nannte er Herrschsucht. Der weisen Sparsamkeit legte er Eigennutz zu Grunde. Obgleich dem Bürgermeister nicht die Hälfte seiner Mühe belohnt wurde, so wußte er doch die Leute glauben zu machen, derselbe werde