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7». ^e Wiesbaden, den 27. März 1831.

Zweiter Jahrgang.

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Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dorf- Novelle vom Westerwald (Fortsetzung). Der Eremite und der Apfcldicb.

Mannichfaltiges.

Anzeigen.

5 Marrliaa.

Eine Dorf-Novelle vom Westerwald. (Sortierung.)

IV.

Fast im Mittelpunkt des Dorfes stand die Kirche mit hohem schlankem Thurm. Daneben, wie eine ewig lebendige Schwester, eine alte umfangreiche Linde, deren hohe, weitastige Blâttcrräume, gleich der Kirche, ein Gotteshaus schienen, in welchem Sonn­tags , wenn drüben die Orgel ihre erhebenden Akkorde auf die versammelte Dorfgemeinde niederwogte, eine andere Gemeinde, aus hundert kleinen andächtigen Vögeln bestehend, in vielstim­migen Liedern ihre Gebete absang. Der alte Kirchhof, der die Kirche und Linde umschloß, nahm keinen Entschlafenen mehr in seinen Schooß auf, seitdem draußen vor dem Dit ein neuer Friedhof angelegt worden war. Er war theilweise zu Garten­stücken verkauft, theilweise als Spielplatz für die Schulkinder liegen gelassen worden, denn die Schule, die dritte Schwester im Bunde mit der Kirche und Linde, stand nicht weit von diesen beiden entfernt.

Da wo die größtentheils zerfallene frühere Kirchhofsmaucr den Schulspiclplatz nach der Dorf'straße hin abgrenzte , lehnte sich mißet dieselbe ein kleines einstöckiges Häuschen. Der ver­storbene Zimmermann Konrad Eich hatte sich dasselbe aus sei­nem Verdienste erbaut, und es bei seinem Tode mir ein paar schlecht gelegenen Aeckern seiner Wittwe Marimmer *) als sein gesummtes Vermögen hinterlassen. Die Wittwe bewohnte es nun mit ihrem einzigen Sohne.

An dem Abend des Sonntags, an welchem sich der vorher beschriebene Vorfall am Katzenstein zugetragen hatte, war Ma- rimmcr in der kleinen Küche ihres Häuschens am Kochen der Abendsuppe beschäftigt. Es war gewiß ein einfaches, dürftiges Mahl, das sie auf der Platte des HerdeS über flackerndem Reisig feuer zubereitete, denn alles Geräth , was man in der Küche sah, und die ganze Einrichtung derselben trugen das Gepräge der Armuth. Kein Zinnwerk, kein Porzellan, wie es sich auf den Schüsselbänken wohlhabender Bauersleute so gerne breit macht. Irdene Töpfe, irdene Schüsseln und Teller, hölzerne und blecherne Löffel, sowie diese und andere unentbehrliche Ge- räthe von gleichen schlechten' Stoffen, nur in dürftiger Zahl, aber Alles sauber gescheuert und wohl geordnet. Marimmer selbst, soweit man dieselbe bei dem Dämmerlichte des Abends, das durch die geöffnete Hausthüre, welche unmittelbar auf die Gasse führte, hereindrang , und bei dem Schimmer des Herd­feuers erkennen konnte, eine ärmlich, aber sauber gekleidete Bauernfrau von hagerer Gestalt, mit Runzeln im Gesicht und guten stillen Augen.

Wähernd sie am Herde beschäftigt war, ging sie zuweilen an die. halboffene Haustbüre, und lugte ungeduldig zu derselben hinaus, die Dorfgasse entlang.

*} Marie Margarethe.

»Wo er nur heut' so lange bleibt," sprach sie dabei zu sich selbst, »heut' an dem Sonntag. Der Flecken ist doch nur eine gute halbe Stunde entfernt, und er wollte gleich von dort zu­rückkehren, wenn sein Geschäft beendigt wäre. Es war Mittag, alv er ging, und jetzt ist's schon spät am Abend. Wenn ihm nur nichts Böses zugestoßen ist! O Gott, du hast mich so sehr schon mit ihm heimgesucht, du hast mir ihn als Kind ge­zeichnet, weil er ein übermüthiges Kind war. Aber du hast mir ihn mehr gezeichnet, alS er verdient hatte. Strafe mich nun nicht weiter in ihm; lass' mir ihn und schütze mir ihn, da er jetzt ein braver Sohn ist, der seine alre Mutter ehrt und nährt und ohne den sie keine Stütze hat!«

So sprach und betete Marimmer heimlich. Da kam der, den sie erwartet, von dem sie gesprochen und für den sie gebetet hatte, hastig zur Thüre herein. Es mar jener Bursch», den wir von demKatzenhein her kennen, Philipp mit dem einen Auge.

Es ist nicht üblich unter den Bauersleuten, daß man die Seinigen, wenn man von draußen heimkehrt, mit Händedrücken oder gar mit Küssen begrüßt, aber in dem Gruße, den Marimmer und ihr Sohn in den einfachen Worten: »Guten Abend, Phi­lipp !» vguten Abend, Mutter!» sich gleichzeitig zuriefen, trafen die Herzen der Mutter und des Kindes inniger zusammen, als in manchem Händedruck, als in manchem Kusse.

»Du bist lang geblieben, Philipp, ich hab' mit der Nacht­suppe auf dich gewartet,» sagte die Mutter.

»Es ist mir auch nicht gut gegangen, Mutter, aus dem Heimweg vom Flecken hierher,» entgegnete der Sohn.

»DaS wolle Gott nicht!» sagte die Mutter wieder, und fuhr besorgt näher tretend fort: «was ist dir denn widerfahren, Philipp?»

»Siehst du, Mutter,« erzählte dieser nun,als ich wie dir andern Bergleute unserer Kohlengrube meine Wochenlöhnung bei dem Schachtmeister im Flecken ausbezahlt erhalten hatte, und es noch so früh am Tag war, beredeten mich Einige, mit ihnen in ein Wirthshaus zu gehen. Dort vertranken Viele gleich die Hälfte ihrer Löhnung, und auch ich ließ mich ver­leiten , ein paar Gläser Branntwein zu trinken. Du weißst, Mutter, ich bin das Trinken nicht gewöhnt, und so stieg mir das Getränk gleich in den Kopf. Wie ich daS merkte, machte ich mich fort. Ich dachte, in der Luft draußen würde mir der Kopf leichter werden, aber es war heiß und schwül und wurde mir nicht besser. Ich nahm, um kühler zu gehen, den Weg, der durch den Wald führt, am Katzenstein her. Im Gehen treiben sich mir allerlei Gedanken im Kopfe herum, ich dachte an das Unglück, das wir haben erdulden müssen, und das be­sonders mich getroffen hat, und mir noch immer die Welt und das Leben verleidet. Als ich so an den Katzenstein kam, hörte ich neben in den Büschen etwas rauschen. Ich schaute hin, Mutter, und sah die Marilian dort stehen, mit einem Körbchen, in das sie Erdbeeren pflückte. Du weißst, was für Leid mir durch sie geschehen ist all' daS kam mir in den Sinn die Luft war so schwül und es war mir so wirr und wüst im Kopf ich konnte mich nicht halten, ich stürzte auf sie zu, unß--doch daS Ende, Mutter, will ich dir nachher er­zählen; ich will uns die Abendsuppe nicht verderben, komm', bring das Essen herein in die Stube, ich bin hungrig.»