Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Saussreuu).
Ar. 4>. Wiesbaden, den 13 März 1831. Zweiter Jahrgang.
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Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Marilian. Eine Dorf- Novelle vom Westerwald. — Kindesliebe.
Rundschau.
Man nichfaltigcs.
Anzeigen.
5 Marilian.
Eine Dorf-Novelle vom Westerwald. (Fortsetzung.)
II.
Wir haben vorhin von der Höhe des Hügels zwei Mädchen, denen Christ eine so gespannte Aufmerksamkeit schenkte, bei ihrer Heimkehr von der Wiese beobachtet, und wollen dieselben nun vollständig nach Hause begleiten. Wir treffen sie, als sie eben den kleinen Hof eines wohlhabend aussehenden Bauernhauses int Dorfe betreten. Die ältere war ein blühend schönes Mädchen in der Fülle und Frische der Jugend, um dessen volle Formen sich die landesübliche reinliche Bauerntracht zierlich anschmiegte. Sie trug eine schwere Last frischen Heu's auf dem Kopfe, und ließ deßhalb ihr Kommodchen , am Halse mit den Bändern zusammengebunden, über den Nacken herabhängen und das fessel- lose, dichte, glänzend braune Haar darüber hinunterrollen. Ihre jüngere Schwester dagegen, denn beide waren Schwestern, hatte einen zarteren, schmächtigeren Wuchs) und ein dem der älteren zwar sehr ähnliches, aber blaß und kränklich aussehendes Gesicht.
Bei der Ankunft Beider im Hofe trat ihnen ihr Vater, ein bejahrter, aber noch sehr kräftiger Mann, auf der Schwelle des Hauses entgegen.
„Ihr seid heut' länger geblieben, als sonst, ihr Mädchen," redete sie der alte Weißer, so hieß der Vater der Mädchen, an, und fuhr dann, allein zu der älteren Tochter gewendet, fort, „geh' nur gleich in den Stall, Kathrin **), die Kühe müssen gemolken werden, ich hab' ihnen bereits einen Theil ihres Futters aufgeschüttet.«
„Wir konnten nicht früher heimkommen, Vater, wir hatten viel Arbeit; es ist eine große Wiese und wir wollten doch gern das Heu all auf Kocken bringen,» erwiderte Kathrin und schritt dann mit ihrer Graslast dem Stalle zu.
„Und du, Marlian ***,n wandte sich jetzt der Alte zu der jüngeren Tochter, „du kannst zuerst die Abendsuppe über das Feuer thun und dann im Garten deine Blumen und die jungen Pflanzen noch ein wenig begießen, die Erde ist von der Hitze ganz ausgetrocknct.»
Marilian eilte in die Küche und hatte im Nu dort am Herde Feuer angezün^et. Sie wusch dann schnell eine ziemliche Quantität Kartoffeln in der Schale ab und brachte dieselben in einen Topf zum Quellen über das Herdfeuer. Gequellte Kartoffeln mit saurer Milch, und in den wohlhabenderen Bauernhäusern wohl noch Butterbrot und Käst, ist fast auf dem ganzen Westerwald das tägliche Abendessen im Sommer. Darauf eilte sie mit einer Gießkanne an den nahe vorbeifließenden Vach,
*) Zur Volkstracht gehörende haubenähnliche Kappe.
^) Katharine.
Maria Sultane.
schöpfte dort Wasser und ging damit in den Garten neben dem Hause. Und wie sie nun so begießend unter den blühenden Grasblumen, Rosen und gelben Violen im Garten dahin schritt, schien sie mit ihrem blassen Gesichte selbst mehr einer heilenden Erfrischung bedürftig, als die duftenden Blumen.
Bald waren die Mädchen mit ihren Abendverrichtungen zu Ende und ließen sich nun das von beiden rasch hergerichtete Abendessen, nach der anstrengenden Tagesarbeit, drin in der Stube mit dem Vater wohlschmecken. Nach dem Essen ging der alte Weißer hinaus und setzte sich auf eine neben der Hausthüre befindliche Steinbank, um dort eine Pfeife zu rauchen und sich an der lauen Abendluft zu erfreuen. Die Mädchen hatten, da der folgende Tag ein Sonntag war, im Hause noch zu scheuern und zu putzen. Als sie aber mit allem fertig waren, folgten sie dem Vater nach und setzten sich neben ihn auf die Steinbank. Marilian, welche am nächsten bei dem Vater saß, erzählte demselben in halb kindischer Freude, wie sie heut beim Heumachen ein Nest mit zwölf jungen Feldhühnern gefunden hätte, wie aber alle, als sie dieselben habe fangen wollen, fortgelaufen seien, so daß sie kein einziges davon bekommen habe. Kathrin war unterdessen still und sah oft nach dem Nachbarhause über den Hof hinüber, als wenn sie Jemanden von dort erwartete. Bald öffnete sich denn auch die Thüre des Nachbarhauses, und in der Gestalt des uns bereits bekannten Christ Schwarz trat der Erwartete daraus hervor. Mit einem freundlichen Gruß kam er auf die kleine Familiengruppe zu und ließ sich neben Kathrin aus die Steinbank nieder. Ein Blick der Freude und des Verständnisses, welcher zwischen Christ und Kathriu gewechselt wurde, während Jener sich niedersetzte und Diese näher an ihre Schwester Marilian rückte, um ihm Platz aus der Bank zu verschaffen, konnte selbst der oberflächlichsten Beobachtung nicht entgehen.
Christ und Kathrin liebten sich schon seit lange, aber es war ihnen noch kein Wort von ihrer Neigung über die Lippen gekommen. Sie hatten als Nachbarskinder täglich mit einander gespielt, waren mit einander in die Schule gegangen, hatten sich auch, nachdem sie der Schule entwachsen, jeden Tag gesehen und mitsammen gesprochen — und auf diese Weise war ihnen der Umgang mit einander so zum Bedürfniß geworden, daß sie glaubten, es könne gar nicht anders sein. Die tiefere Herzens- neigulig aber, welche in diesem Bedürfniß des gegenseitigen Umgangs lag, war ihnen selbst erst ganz vor Kurzem zum Bewußtsein gekommen. Sie waren nämlich vor mehreren Wochen eines Abends, von der-Feldarbeit heimkehrend, unten in der Wiese unweit deS Eisenhammers zusammengetroffen. Sie hatten sich gegrüßt wie immer und waren eine Weile stumm neben ienander hcrgeschrittcn. Die Dämmerung hatte sich bereits tief herabgesenkt, es war so still und einsam um sie her, als ob außer ihnen keine Menschen mehr auf der Welt seien. Die einzigen Laute des Lebens, welche zu ihnen drangen, waren das Murmeln des Bachs, an dem sie hinschritten, und die Drossel- töne, welche drüben im Walde erstarben. Da hatte Christ- plötzlich die Hand der Kathrin ergriffen und sie leise gedrückt, und sie hatte den Druck eben so leise erwidert. Darauf hatte er seinen Arm um ihren Leib geschlungen und einen warmen Kuß auf ihre Wange gepreßt, und sie hatte seinen Kuß unter