Taunusblâtter.
Zeitung für das Serzogthum Nassau.
Wr. 13 Samstag den 3. Juni 1818.
Verhandlungen der Nassauischen Stande- versammlnng. -
Die ersten Sitzungen der vorhergehenden Ständeversammlungen, auSgefüllt mit der Beantwortung der Thronrede, der Prüfung der Wahlgültigkeit der Deputirten, der Wahl eines Präsidenten, der Secre- târe und der Bildung der Ausschüsse, konnten von keinem allgemeinen Interesse seyn, einfach aus dem Grunde, weil man manchmal im, Voraus^ wußte, wer als Präsident die Bestätigung erhalte, ehe noch zur Wahl der drei Kandidaten geschritten war. Zn den ersten Sitzungen der jetzigen Kammer wurden die nämlichen Gegenstände verhandelt, doch erweckten sie Interesse, weil in diesen Verhandlungen der Geist der Zeit wehte, und daraus ersichtlich war, wie die Zahl der Mitglieder, welche dem Fortschritt im Wege der ruhigen Reform huldigen, im Gegensatz einer entstehenden festen Opposition sich bilden werde. Daraus find die Resultate der künftigen Verhandlungen in einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit voraus zu sehen.
Vor der Eröffnung der Versammlung war bereits ein Widerspruch gegen die Fassung der bisher üblichen Formel der Eidesleistung erhoben, welcher durch Weglassung des Huldigungseides — auf den man verwies — beseitigt wurde. Dieser Wortstreit ohne alle Bedeutung könnte für die Zukunft einfach dadurch vermieden werden, wenn der Eid nicht mehr
gefordert, sondern jedes Ständemitgltcd von dem Präsidenten der Versammlung vorgestellt und nach der Prüfung seines „Wahlaktes an die Verpflichtung erinnert würde, die turch die freie Wahl übertragenen Rechte und Befugnisses gewissenhaft auszuüben und nur allein den wahren Vortheil des Landes und seiner Einwohner aus frei geschöpfter Ueberzeugung ohne alle Nebenabsichten oder andern Rücksichten vor Augen zu haben." Vergeude man nicht die Zeit mit Unnöchigem und durch Mißbrauch des Eides. §& nämlichen Tag wurde die erste Sitzung von dem Alterspräsidenten mit einer kurzen Anrede eröffnet, welche durch Einfachheit und Herzlichkeit den verdienten Beifall fand. Der selig verschiedenen zweiten Ständekammer wurde zugleich von ihm ein Leichen- sermon gehalten, welcher derselben kein Lob, wohl aber Tadel spendete, daher von. dem alten Gebrauch der Pfarrherrn abwciche, welche dem Verstorbenen nach Maßgabe der von den lachenden Erben bezahlten Tare (vulgo Stolgebühr) das verhältnißmäßiae Lob ertheilten, worin mehr Dichtung als Wahrheit lag.
Eine neue Schwierigkeit ergab sich bei der Wahl des Präsidenten, indem verlangt wurde, daß der von der Kammer Gewählte der Herzoglichen Bestätigung nicht bedürfe, statt daß bisher drei, auf welche die meisten Stimmen gefallen, dem Herzog zur Auswahl Eines vorgeschlagen wurde. Dem ersten Einwurf, „man wisse noch nicht, ob alle zur Kammer gehörten, daher könne Einer zum Präsidenten gewählt werden,