Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hanssreun-.
A». J^. Wiesbaden, den 27. Dezember 18SV.
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Inhalt:
Erzählung: Zwei harte Steine mahlen selten reine. (Fort- setzung.)
Volker- und Länderkunde: Einige «eenen des gräuelhaften Menschenhandels an der holländischen Küste von Guinea.
Allerlei Mittel für Haus- und Landwirthschaft.
Mannichfaltigcs.
Erzählung und Geschichtliches.
Zwei harte Steine mahlen selten reine.
(Fortsetzung.)
Der Schiffmann, mit dem er an'8 Land gekommen war, selbst ein blutarmer Mensch, fühlte Mitleid mit ihm. Er nahm ihn mit in seine Hütte, stillte seinen Hunger, gab ihm Nadel und Garn, daß er die Lappen seiner Kleidung flicken konnte und ließ ihn die Nacht in seiner Hütte schlafen. Morgens aber sagte er zu ihm: Nun geh' und steh', daß du Brod verdienst. Ich habe selber nichts, als meine Hütte und mein Boot und was ich mühsam verdiene. Leonhard dankte ihm mit Thränen für seine Wohlthat und ging nun hin, sich Unterkunft zu suchen. Er hoffte, das sollte ihm wohl nicht schwer fallen, da er gerne arbeiten wollte; darin aber hatte er sich entsetzlich betrogen. Er lief die Stadt auf und ab; allein Niemand mochte den schrecklich aussehenden Bettler aufnehmen. Der Tag verging. Bettelbrod stillte seinen Hunger, aber kein Obdach blieb ihm, als das Vordach einer Kirche. Der zweite , dritte und vierte Tag gingen ebenso hin und es gesellte sich noch der Mangel hinzu, denn Niemand gab ihm mehr etwas. Da lag er denn hungernd auf dem harten Steinboden des Vorplatzes der Kirche. Die Sterne standen in voller Pracht am Himmel, aber Niemand wollte sich seiner annehmen, Das Maaß seines Elendes war zum Ueberfließen voll. Jetzt packte ihn die Reue mit aller ihrer' schrecklichen Macht und Gewalt und rüttelte ihn auf aus seinem blinden Zustande. Er erkannte jetzt sein Unrecht; er beweinte seinen Trotz; er klagte sich als Urheber seines Jammers, des Jammers seiner vortrefflichen Mutter an, und zum ersten Male schlug er an seine Brust und betete: Herr, fei mir Sünder gnädig! Er raffte sich auf und fiel auf seine Kniee nieder und bekannte Gott seine Schuld. Er betete laut und wußte es nicht, so war sein Inneres erschüttert. Er betete mit einer Gluth und Inbrunst, wie er noch nie gebetet hatte.
Solch' ein Gebet höret Der, der den Reuigen wieder an- nimmt, und seine Hülfe ist zu solcher Stunde nahe.
An demselben Abende war ein reicher Kaufmann der Stadt bei einem Nachtessen im Hause eines Freundes gewesen, wo ihn die angenehme Gesellschaft länger zurückhielt, als cs sonst seine Gewohnheit war. Der Mann war sehr riich, aber der Mammon hatte seine Seele noch nicht so gefesselt und sein Herz noch nicht in dem Maaße verhärtet, daß er nicht noch Mitleid mit einem unglücklichen Menschen hätte fühlen sollen.
Er kam grade an der Kirche vorüber, als so innig und Alles um sich vergessend, der arme Leonhard mit Gott redete. Der Kaufmann blieb stehen. Er hörte Alles und verstand es, denn er war ein Deutscher aus Bremen, der schon lange auf der Insel wohnte. Je länger er aber die Worte des Betenden anhörte, desto tiefer drangen sie in sein Herz, und als endlich das Gebet Leonhard's in lautes Weinen überging und der Knie
ende mit seinen Händen sein Angesicht bedeckte, da trat der Kaufmann Stifter, so hieß der gute Mann, zu ihin, zog seine Hände sanft vom Angesichte des Unglücklichen und sagte mit sanfter, herzgewinnender Milde: Seid zufrieden, junger Mensch. Wenn das, was Ihr jetzt vor Gott bekannt und gelobt habet, Euer rechter Ernst ist, so will ich Euch in mein Haus auf. nehmen!
Wenn man im unbekannten, fremden Lande die liebe Mut- tersprache hört, so ist es Einem, als sei der, der sie redet, ein Engel Gottes. Wenn aber vollends ein liebevolles Wort in der Muttersprache in solcher Stunde, wie sie jetzt für Leonhard gekommen war, zu dem Herzen geredet wird, so ist der Redende erst recht ein Engel GotteS.
Leonhard starrte ihn an, alSseidaS ein Traum. Die Fackel, die Stifter'S Diener trug, beleuchtete diesen und Leonhard blickte in ein mildes, freundliches Angesicht. Ach Gott, seufzte er, wollt Ihr, den mir Gott gesendet, Euch eineS tarnen Verlassenen annehmen, der nahe am Hungertod ist, so wird seine Dankbarkeit nie enden. Alle meine Kräfte will ich Euch mit Freuden widmen, so lange mir sie Gott schenkt!
Das ließ sich der arme, hungernde Leonhard nicht zweimal sagen. Er begleitete Herrn Stifter heim und legte sich mit heißem Danke gegen Gott auf einem guten Lager zum erquickenden Schlafe nieder.
Herr Stifter war ein Mann, der die Welt kannte, und der oft angeführt und betrogen worden war. Er traute darum nicht blindlings, sondern prüfte erst durch mancherlei Aufträge und Aufgaben seinen neuen Schützling; aber bald gewann er die Ueberzeugung, daß er einen ebenso redlichen, als geschickten jungen Mann gewonnen hatte, an denen eben in Saint Eroir I sein Uebcrfluß war. Schon nach einem Vierteljahre konnte er mit voller Sicherheit Leonhard in sein Handelsgeschäft einweihen. Er fand, daß Leonhard wohl unterrichtet sei, daß er eine tüchtige Kaufmannslehre durchgemacht, daß er französisch und eng- listh sprach und daher, bei seiner Treue, gar nützlich werden konnte. Er zahlte ihm einen schönen Lohn für seine Dienste, der sich von Jahr zu Jahr erhöhte. Leonhard reifte für seinen Herrn auf die französischen Inseln, dann auch in die nordame- rikanischen Freistaaten und machte so vorzügliche Geschäfte, daß, als er aus Nordamerika zurückkani, Herr Stifter ihn mit Freuden und Dank zum Theilhaber an dem Handelsgeschäft anneh- men konnte. Leonhard hatte auch schon ein schönes Capital sich erspart, das er nun einschoß. Herr Stifter beschenkte ihn nämlich, außer seinem Gehalte, mit Allem, was er an Kleidungsstücken bedurfte. Da war's denn keine Kunst, daß er sein ganzes Gehalt sich zurücklegen konnte. Grade diese Sparsamkeit, dies sorgfältige Zurathehalten ohne Geiz, empfahl Leonhord ebenso sehr dem Herrn Stifter, als seine Ordnungsliebe, sein Fleiß, seine Treue und Redlichkeit und die große Einsicht, welche er in Handelsgeschäften besaß.
Leonhard nahm das Glück in Demuth als eine unverdiente Gnadengabe Gottes an. Er freute sich darüber, aber nur in der Rücksicht, daß er he im kehren könne, um sich die väterliche Verzeihung, den väterlichen Segen zu holen, ohne den er nicht hätte glücklich leben und ruhig sterben können.
Die Augen über sich selbst und über seine Verschuldung an seinem Vater hatte ihm der liebe Gott in der Schule des Uw