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Allgemeiner Unssanischer Anzeiger & Hansfrennd.

â>. A. Wiesbaden, den 14. November 1830.

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Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Der Tollpatsch (Fortsetzung). Gemeinnütziges: Die Sciocn^ucht in besonderer Beziehung zum Herzogthume Nassau, ein Beitrag tur Minderung res Pro­letariats uno zur Hebung nationaler Industrie. (Fortsetzung.)

M a n ii i ch fa l t i g e s.

Anzeigen.

Erzählung und Geschichtliches.

Der Tollpatsch.

Eine würltemberg'schc Dorfgeschichte.

(Fortsetzung.)

Mutter Marei nahm einen großen Ballen Butter und einen Korb voll Eier und ging zu der Frau Doktorin; die Butter schmierte trotz des kalten Winters doch recht gut; Mutter Marei erhielt die Versickerung, daß ihr Aloys frei werden solle, "denn», sagte der gewissenhafte Arzt: »der Aloys ist ja ohnehin untaug­lich, er sieht ja nicht gut in die Ferne, und darum ist er ja manchmal so tappig »

Der Aloys aber kümmerte sich gar nicht um als diese Ge­schichten, er war ganz verändert, schwenkte sich und pfiff immer, wenn er das Dorf hinaufging.

Der Tag der Visitation kam, die Burschen gingen dießmal etwas stiller nach der Stadt.

Als Aloys in daS Visitationszimmer gerufen wurde, und er sich entkleiden mußte, da sagte er keck: "Kusperct mich nur suS, ihr werdet kein Unthâtele an mir finden; ich hab' keinen Fehler, ich kann Soldat sein. Er mußte sich unter das Maaß stellen, und als er cs vollauf hatte, wurde er als Soldat ein­getragen; der Arzt vergaß Kurzsichtigkeit, Butter und Eier bei der kecken Rede des Aloys.

Jetzt, als es Ernst geworden und er unwiderruflich Soldat war, jetzt wurde es dem Aloys plötzlick so bang, daß er hätte weinen mögen. Als er aber vom Oberamte herabkam, und seine Mutter sich weinend von den steinernen Stufen erhob, da richtete sich sein Stolz wieder auf und er sagte: »Mutter, das ist nicht reckt, Ihr müßt nicht greinen; bis in einem Jahr bin ich wieder da, und unser Laver kann schon einstweilen das Sach im Feld schaffen."

Nach der erlangten Gewißheit ihreS Soldatenstandes brach- t!n die Bursche mit Trinken, Singen und Johlen ein, was sie vorher zu wenig gethan zu haben glaubten.

Als der Aloys Heim kam, gab ihm das Maranncle weinend einen Rosmarinenstrauß mit rothen Bändern d'ran und nähte ihm denselben auf seine Mütze; Aloys aber zog seine Pfeife heraus, rauchte flott durch das ganze Dorf hinauf und zechte mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht. .

Nock ein dritter schmerzlicher Tag war zu überwinden; es war der Tag, wo die Rekruten nach Stuttgart einrücken mußten; Aloys ging früh in des Jakoben Haus, das Maranncle war im Stall; es mußte jetzt selber alle Arbeit verrichten; Aloys sagte: «Maranncle, geb mir deine Hand;" sie gab sie ihm und er sagte wieder:versprich mir, daß du nicht hèirathst, bis ich wieder komm."-Gewiß nicht", sagte sic; er sagte: «So, jetzt bin bin ich fertig, aber halt komm gib mir auch einen Kuß." Maranncle küßte ihn, und die Kühe und Ochsen sahen verwundert zu, als wüßten sie, was vorging.

Aloys klopste nun noch jeder Kuh und jedem Ochsen auf

den Bug, und nahm auch Abschied von ihnen, sie brummten vor sich hin.

Der Jörgli hatte seine Pferde an den Wagen gespannt, um die Rekruten einige Stunden weit zu führen, unv so fuhren sie nun singend durch das Dorf; des Bäckers Konrad, der di« Klarinette blies, saß mit auf dem Leiterwagen und akkompag- nirte die Lieder. Man fuhr im Schritt, und von allen Seiten drängten sich noch die Freunde herbei und reichten eine Hand oder auch einen Abschiedsdruck.

Das Maranncle schaute zum Fenster heraus und grüßte noch freundlich. Man näherte sich dem Ende des Dorfes, und nun wurde nochmals das »Gcsätz« gesungen.

'NauS, 'naus, 'naus, und 'nanS.

Zum Nort steiler Thörle 'naus ic.

Als man aber das Dorf verlassen hatte, wurde der Aloys plötzlich mâuschen stille, er schaute mit nassen Augen überall umher; hier neben auf der Haive,Hochbur" genannt, hatte das Maranncle das Tuch gebleicht, von deni er das Hemd an- hatte; es war ihm, als ob alle Fäden brennten, so heiß war es ihm, er sagte allen Bäumen an der Straße und allen Fel­dern wehmüthig Ave, drüben im Schießmauernfeld, dort liegt sein bester Acker, er hat ihn so oft «umgezackert", daß er jedes Steinchen kennt, dort neben hatte er noch vorigen Sommer mit dem Maranncle Gerste geschnitten, weiter unten im «Henncbühl- liegt sein Kleeacker, er hatte ihn gesäet, er sollte ihn nicht wachsen sehen; so schaute er lange umher, und als man die Steig« hinabfuhr, blickte Aloys vor sich hin und sprach kein Sterbens­wörtchen. Als man über die Brücke fuhr, blickte er hinab über den Fluß; wer weiß, ob er jetzt noch so keck seinen Glückskreu- zer Hinabgewvr en hätte?

Durch die Stadt ging das Singen und Johlen wieder von Neuem an, und erst als man jenseits auf der Spitze der Bil- Lechinger Steige angenommen war, da athmete Aloys wieder frei auf, vor ihm stand ja sein liebes Nortstetleii, man meinte, man könnte hinüberrufen, so gleichauf lag eS mit dem Berge, obgleich es fast eine Stunde fern war; er sah das gelb ange­strichene Haus des Schmieds Jakob mit den grünen Läven, und zwei Häuser davon wohnte das Maranncle, er schwenkte feint Mütze und begann nochmals:

'Naus, 'naus, 'naus und 'naus re.

Der Jörgli führte die Rekruten bis Herrenberg, von dort an gingen sie zu Fuß. Beim Abschied fragte Jörgli den Aloys, soll ich nichts auèrichteu an's Maranncle? Aloys schoß alles Blut in den Kopf, der Jörgli war ihm gerade der un­rechteste BoteNmann und doch hatte er eben den Mund geöffnet, um einen Gruß zu sagen, unwillkürlich aber brach er in die Worte aus: »du brauchst gar nichts mit ihm schwätzen, es kann dich auch für den Tod nicht ausstcheii." Der Jörgli fuhr lachend davon.

Unterwegs hatten die Rekruten noch ein bemerkcnswcrthes Abendteuer; sie zwangen nämlich im Löblinger Wald einen Holzbauern, sie den zwei Stunden langen Wald zu fahren; Aloys war der Aergste dabei, er hatte den Jörgli so oft von verwegenen Soldatenstreichen erzählen hören, und er wollte auch so seyn ; er war aber auch der erste, der am Ende des WaldeS seinen ledernen Beutel öffnete, und dem wieder umkehrenden Bauern etwas gab.

(Fortsetzung folgt.)