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Anzeiger & Hanssrennd.

Allgemeiner

Wiesbade«, den 7. MoveMber

1850.

Abonnements pro Oktober bis Dezember a 18 tr. bei der Eepevirion direkt und a 24 fr. mit Bestellgeld bei allen Poüanstalte» werden fortwährend angenommen und gebeten schleunigst dieselben zu machen. Inserate im Anzeiger kosten die cru'paüige Pelitzcile ü 2 fr. Briefe und Gelder werden franko erdeten.

Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Der Tollpatsch (Fortsetzung).

Der Kindesmörder aus Wahnsinn. Deutscher Aberglaube.

Böllker- und Länderkunde: Weibliches Elend. Gemeinnütziges: Die Seivemncht in besonderer Beziehung zum Herzogthnme Nassau, ein Beitrag zur Minderung des Pro­letariats und zur Hebung nationaler Industrie. Allerlei Mittel für Haus- und Landwirthschaft. Man nichfaltiges.

Städt isch es: Theater.

Erzählung und Geschichtliches.

Der Tollpatsch.

Eine württemberg'sche Dorfgeschichte.

(Fortsetzung.)

Des andern Morgens, als Marannele die Kühe melkte, sagte Aloys zu ihm :Guck ich könnt' den Jörgli grad' vergiften, und Du mußt ihn auch in Grundboden 'nein verfluchen, wenn Du brav sein willst." Das Marannele gab ihm Recht, suchte ihn aber auch zu überzeugen, daß er sich Mühe geben müsse, auch ein flinker Bursch zu werden, wie der Jörgli. Da stieg in Aloys ein großer Gedanke auf, er lachte vor sich hin, er warf den steifen alten Stallbesen fort, und steckte einen neuen bieg­samen an den Stiel, dann sagte er laut: ° Ja, ja, Du wirst Maul und Augen aufsperren, gib nau Acht!« Er mußte nun gar dem Marannele versprechen, »gut Freund" mit deni Jörgli zu bleiben, und er versprach es endlich nach langem Widerstreben", aber er mußte ja immer thun, was sie wollte.

Darum hatte Aloys heute dem Jörgli mit dem Schlitten geholfen, darum trieb ihm der Schnee das Wasser aus den Au­gen, als er den Wegrollenden nachsah.

Abends, sozwischen Licht", trieb der Aloys seine Kühe zur Tränke an den Jakoben Brunnen ; ein Rädchen junger Bursche, darunter auch der Jörgli und sein aller Freund , ein Jude, der mit dem Jörgli in gleichem Regimente stand, hatten sich dort zusammengesellt; das Marannele lugte zum Fenster heraus. Der Aloys machte den Gang des Jörgli nach; er ging ganz steif, wie wenn er einen Ladstock geschluckt hätte und hielt die Arme strack am Leibe herunter, wie wenn sie von Holz wären. »Tollpatsch«, sagte derJnde: »was krieg' ich Schmus- geld (Maklerlohn) wenn ich mach', daß Dich daS Marannele heirathet?»

Eine tüchtige Trachte! auf Dein Maul" , sagte der Aloys und trieb seine Kühe heim; das Marannele schob das Fenster zu, lind die Bursche lackten auS vollem Halse, die Stimme Jvrgli's tönte aus allen vor.

Aloys wischte sich mit dem AerMel den Schweiß von der Stirne, so viel Anstrengung hatte ihm die Aeußerung seines Unmuthes gekostet. Auf dem Futter trog in seinem Stalle saß er dann noch lange, und sein Plan reifte unwiderruflich in ihm.

Aloys war in das zwanzigste Jahr getreten und kam zur Rekrutirung; am Tage, als er mit den andern Burschen nach der Oberamtsstadt Horb gehen sollte, kam er in seinem Sonn­tagsstaate nochmals in MarannelesHaus und fragte, ob er nichts aus der Stadt mitbringen solle. Als er fortging, ging ihm

daS Marannele nach, und auf der Hausflur zog es ein blaues Papierchen ans der Brust, wickelte einen Kreuzer heraus und gab diesen dem Aloys; »da, nimm ihn-, sagte es:das ist ein Glückskreuzer, sieh es sind drei Kreuz' darauf; weißt Du, wenn als Nachts so Sternfunken vom Himmel fallen, da fällt allemal ein silbern Schussele auf den Boden, und aus denen Schüsselen hat man die Kreuzer gemackt, und wenn man so einen Kreuzer im Sack hat, hat man Glück; nimm ihn zu Dir und Du spielst Dich frei".

Aloys nahm den Kreuzer, als er aber über die Neckarbrücke ging/langte er in seine Tasche, drückte die Augen zu und warf den Kreuzer hinab in den Neckar : »Ich will nicht frei sein, ich will Soldat sein, wart' nur Jörgli!" so sagte er vor sich hin, seine Faust ballte sich und er warf sich keck in die Brust.

Im Wirthöhause zum Engel wartete der Schultheiß auf seine Ortskinder, und als sie alle beisammen waren, ging er mit ihnen nach dem Oberamt. Der Schultheiß war eben so dumm als anmaßend; er war früher Unteroffizier gewesen, und bildete sich große Stücke auf seine Charge ein; er behandelte gerne alle Bauern, ältere und jüngere, wie Rekruten / auf dem Wege sagte er zu Aloys:Tollpatsch, Du ziehst gewiß das größte Loos, und wenn Du auch Nro. 1 ziehst, Du brauchst nicht bange zu sein, Dich kann man nicht zum Soldaten brau­chen."

»«Wer weiß«», sagte Aloys keck:ich kann noch so gut Unteroffizier werden, wie Einer, ich kann so gut lesen und schrei» ben und rechnen wie Einer, und die alten Unteroffiziere haben auch nicht allen Verstand gefressen."»

Der Schultheiß sah ihn grimmig an. Als Aloys vor das Rad hinging, war seine Haltung fast herausfordernd keck, mehre Loose kamen ihm in die Hand, als er in das Rad griff; er drückte die Augen fest zu, gleich als wolle er nicht sehen, waS er nehme, und zog eines heraus; zitternd reichte er es hin, denn er fürchtete, daß es eine hohe Nummer sein könne, als er aber den AusruferNro. 17" rufen hörte, da johlte er so laut aus, daß man ihn zur Ruhe verweisen mußte.

Die Bursche kauften sich nun Sträuße aus g ein fickten Blu­men mit rothen Bändern daran, und nachdem sie noch einen tüchtigen Trunk genommen, zogen sie heimwärts; unser Aloys johlte und sang am lautesten.

Oben an der Steige harrten die Mütter und viele Mädchen der Ankömmlinge, auch Marannele war darunter. Aloys, mehr vom Lärmen als vom Weine betrunken, ging etwas unsicher Arm in Arm mit den Linkern; diese Zutraulichkeit war nie vorgekommen, aber heute waren sie Alle gleich. Als die Mut­ter hörte, welche Nummer ihr Aloys gezogen, da meinte sie und rief einmal über das anderemal:daß Gott erbarm, daß Gott erbarm!" Das Marannele fragte den Aloys bei Seite:Wo hast Du denn meinen Kreuzer?" »»Ich hab' ihn verloren""; sagte Aloys, aber trotz seiner halben Unbewußtheit schnitt ihm tiefe Lüge doch tief in die Seele.

Die Bursche zogen nun singend in das Dorf, und die Müt­ter und Mädchen der muthmaßlichGezogenen" gingen weinend hintendrein und trockneten sich mit den Schürzen ihre Thränen,

Es waren noch 6 Wochen bis zur Visitation, und darauf kam ja eigentlich AlleS an.

(Fortsetzung folgt.)