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Wgemim Nassauischer Anztiger &

Wr. ^. Wiesbaden, den 17. Oktober I83V.

Aonnements pro Oktober bis Dezember ä 18 fr. bei der Expedition direkt und â 21 fr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten werden fortwährend angenommen und gebeten schleunigst dieselben zu machen. Inserate int Anzeiger kosten die dreispaltige ^etitjeile a 2 kr. Briefe und Gelder werden franko erbeten.

Inhalt:

Erzäblung und Geschichtliches: Der Tollpatsch. Die weich­gekochte Einquartierung. Deutscher Aberglaube.

Naturgeschichtliches: Die Condors. Gemeinnütziges: Die nährenden Eigenschaften des Brodes. Allerlei Mittel für Haus- und Landwirthschaft.

Vermischtes: Regeln für Dienende.

Mannichfaltiges.

Anzeigen.

Erzähln g und Geschichtliches.

Dec Tollpatsch.

Eine württemberg'schc Dorfgeschichte.

Ich sehe Dich vor mir, guter Tollpatsch, in Deiner leibhaf­tigen Gestalt, mit Deinen kurz geschorenen blonden Haaren, die nur im Nacken eine lange Schichte übrig hatten, Du siehst mich an mit Deinen! breiten Gesichte, mit Deinen großen blauen Glotzaugen und mit dem allweg halb offenem Munde. Damals als Du mir in der Hohlgüsse, wo jetzt die neuen Häuser stehen, einen Lindenzweig abschnmft, um mir eine Pfeife daraus zu machen; damals dachten wir nicht daran, daß ich einst der Welt etwas von Dir verpfeifen würde, wenn Wir so weit, weit aus­einander sein werden. Ich erinnere mich noch wohl deiner gan­zen Kleidung, freilich ist sie leicht zu behalten, denn Hemd, rother Hosenträger und für alle Gefahren schwarzgefärbte leinene Hosen war ja Alles; am Sonntag, ja da war eS anders, da hattest Du Deine Pndelkappe *), Dein blaues Wamms mit den brei­ten Knöpfen, die scharlachrothe Weste, die kurzen gelben Leder- Hosen, die weißen Strümpfe und die klapsenden Schuhe so gut wie ein Anderer, ja sogar meist noch eine frisch gepflückte Blut­nelke Hinterm Ohr stecken, aber es war Dir nie recht wohl in dieser Pracht, brum bleib ich bei Dir in Deinem Alltagskleide. Jetzt aber, nimm mir's nicht übel, lieber Tollpatsch, und mach' Dich wieder fort, ich kann Dir Deine Geschichte nicht so in's Gesicht hineinerzählen, sei ruhig, ich werde Dir nichts Böses nachsagen, wenn ich auch per »Er» von Dir spreche.

Der' Tollpatsch trägt ein ganzes Geschlechtsregister in seinem Namen, denn er heißt eigentlich »des Bartels Basches*Z Bua» und sein Tausname ist Aloys; wir thun ihm den Gefallen und bleiben bei seinem rechten Namen, das freut ihn, da außer sei­ner Mutter Marei und aus wenigen Andern ihn fast Niemand so nannte, jeder hatte die Frechheit Tollpatsch zu sagen; drum ging auch unser AloyS, obgleich er schon sicbenzchn Jahr alt war, am liebsten mit uns Kindern und an versteckten Orten spielte er Häufchens mit uns oder rannte mit uns int Felde umher, und wenn der Tollpatsch oder besser, der Aloys, bei uns war, waren wir geborgen gegen jeden Angriff der Kinder von der Leimgrube, denn die ganze Torfjngend war fast immer in zwei feindliche Partheien getheilt, die sich auf allen Wegen und Stegen attatirten.

Die Altersgenossen unseres Aloys begannen aber schon eine Rolle im Dorfe zu spielen, sie rotteten sich allabendlich zusam-

*) Pelzvcrprämte Mütze ohne Schild mit einer Troddel von Gold­draht in der Mitte.

*) Bartholomäus, Sebastian.

men tuiD zogen, gleich den großen Burschen, singend und pfei­fend durch das Dorf, oder standen schlickernd vor dem Wirrhs- Hause zum Adler an der großen Holzbeize und neckten die vor­übergehenden Märchen. Das vornehmste Kennzeichen eines groß gewordenen Burschen ist aber die Tabackspsei c; da standen sie dann mit ihren silbergeschlagenen und mit silbernen Kettchen behängten Ulmer Maserköpfen, sie . Hatten sie kalt im Munde, manchmal aber wagte es einer bei des Bäckers Magd in der Küche eine glühende Kohle zu holen und dann machten sie fröhliche Gesichter zu ihrem Rauchen, wenn ihnen auch noch so übel davon wurde. Auch unser Aloys hatte schon zu rauchen angefangen aber nur ganz im Verborgenen. Eines Sonntag Abends wagte er es, die Pfeifenspitze aus seiner Brusttasche herausgucken lassen und sich so zu seinen Altersgenossen zu ge­sellen; einer von ihnen zog ihm mit Halloh die Pfeife aus der Tasche;. Aloys forderte sie zurück, sie wanderte aber unter Jubel und Lachen von Hand zu Hand, und als sic Aloys mit immer größerem Ungestüm forderte, da war sie verschwunden, keiner wollte sie mehr haben. Aloys zerrte nun an Allen herum und forderte mit Weinen seine Pfeife, aber Alles lachte;-La paffte er die Mütze des ersten, der ihm die Pfeife genommen und rannte damit davon in des Schmied Jakoben Hans; der Mutzen- lose brachte nun die Pfeife, die in der Holzbeize versteckt war, zu Aloys hinauf.

Das Haus des Schmied Jakob Bomüller, das war der Auègang" des. Aloys, hier war er nämlich immer, wenn er nicht zu Haus war, und er blieb nie zu Haus, sobald er feine Arbeit darin fertig hatte; die Frau «8 Schmied Jakob war seine Base, und außer seiner Mutter und uns wenigen Kindern nannte ihn auch noch die Frau Applon (Appollonia) und ihre älteste Tochter Marannele bei seinem rechten äiamen Aloys. DeS Morgens stand der Aloys früh auf, und wenn er seine zwei Kühe und seine Kalbin gefüttert und getränkt hatte, ging er nach des Jakoben Haus, klopfte, bis ihm das Marannele auf­machte, und nach einem einfachen »guten Tag" ging er durch den S:all in die Scheune, die Thiere kannten ihn, sie brumm- ten jedesmal freundlich und wendeten die Köpfe nach ihm, er aber ließ sich dadurch nicht lange aufhalten, sondern -ging in die Scheune und steckte den beiden Ochsen und den beiden Kühen Futter auf; besonders freundlich stand Aloys mit der Bicßruh, er hatte sie vom, Kalb an auferzogen, und wenn er so bei ihr stand und ihrem Fressen mit Behagen zusah, dann leckte sie ihm oft die Hände, was seiner Morgentoilette zu gute kam. Wenn er dann die Thüre des Stalles öffnete, und die Sauberkeit dar­in wieder h-rstellte, pflog er manches trauliche Wort mit den Thieren, indem er sie bald rechts bald links stellte; kein Dünger im ganzen Dorfe war so breit und so schon viereckig geschichtet, wie der an des Schmied Jakoben Haus, denn das bildet eine Hauptperiode eines ächten Bauernhauses. Dann wusch und striegelte er die Ochsen und Kühe, daß man sich darein spiegeln konnte; drauf lief er hinaus an den Brunnen vor dem Hause und pumpte den Trog voll, er ließ dann die Thiere hinaus­springen und während sie draußen soffen, machte er ihnen frische Streue. Wenn nun das Marannele in den Stall kam, um die Kühe zu melken, war Alles sauber und aufgeräumt. Oft, wenn eine Kuh »streitig« war, d. h. ausschlug und sich nicht melken lassen wollte, stellte sich Aloys zu ihr und hielt seine Hand auf