Allgemeiner
Anzeiger & Hnnssrennd.
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Wiesbaden, den 21. November
1850.
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Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Der Tollpatsch (Fortsetzung). Gemeinnütziges: Die Scioenzucht in besonderer Beziehung zum Herzogthuinc Nassau, ein Beitrag ;ur Minderung des Proletariats und zur Hebung nationaler Industrie. (Fortsetzung.) Stävtischels: Theater in Wiesbaden. Anzeigen.
Erzählung und Geschichtliches.
Der Tollpatsch.
Eine wüntembcrg'sche Dorfgeschichte. (Fortsetzung.)
Vor dem Tübinger Thore wurden die Ankömmlinge von einem Feldivebel in Empfang genommen. Mehrere Norrstetter Soldaten waren ihren Landsleuleu entgegen gegangen, und der Aloys biß die Zähne übereinander, als sie Alle: »Grüß Gott, Tolpatsch!" sagten. Das Johlen und Singen hatte nun ein Ende, und still wie eine Heerde Schaafe wurden die Rekruten in die Legionskaserne geführt. Aloys sagte seinen Landsleuten, daß er als Freiwilliger zur Kavallerie gehen wolle (denn er wollte eS dem Jörgli nachmachen), als er aber hörte, daß er dann wieder nach Hause müsse, da daS Exercitium der Kavallerie erst im Herbste beginne, da darbte er: »Nein, das geht nicht, ich muß als ein ganz anderer Kerl heimkommen, dann soll mir noch einer Tolpatsch sagen, ich will Euch schon tolpatschen."
Aloys wurde nun in das fünfte Infanterieregiment eingereiht, und war gegen alle Erwartung anstellig und gelehrig. Leider hatte er auch hier ein Mißgeschick; denn er bekam einen Zigeuner als seinen »Schlaf», (Schlafkameraden). Der Zigeuner hatte einen absonderlichen Widerwillen gegen das Wasser, und Aloys mußte ihn auf Befehl des Rottcnmcisters leben Morgen an den Brunnen hinabführen und ihn tüchtig waschen. Anfangs machte das dem Aloys Spaß, nach und nach mürbe es ihm aber sehr zur Last, und er hätte lieber sechs Ochsen die Schwänze, als dem Zigeuner das Gesicht gewaschen.
In der Kompagnie unseres Aloys war auch ein verlorener Maler, er spürte bei 'Aloys manchen -Mutterpfennig, und nun begann er ihn zu malen, in ganzer Uniform mit Ober- und Untergewehr, und der Fahne neben ihm; das war aber auch Alles, was man erkennen konntet denn das Gesicht war eben ein Gesicht und weiser nichts; darunter stand aber mit schönen lateinischen Buchstaben: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterieregiment. Aloys ließ das Bild unter Glas und Rahmen bringen und schickte es mit dem Boten seiner Mutter; in dem Briefe, der dabei war, schrieb er: »Mutter, hänget das Bild in der Stube auf, zeiget eâ auch dem Marannele, hänget eS über dem Tische auf, aber nicht zu nah am Turteltauben käsig, und wenn das Marannele das Silo haben will, so schenket es ihm, und mein Kamerad, der es gemacht hat, sagte, Ihr solltet mir auch ein Bällele Butter und ein paar Ellen weißes Tuch (hänfenes Linnen) für meinem Feldwebel seine Frau, wir heißen sie nur die Feldwcbelinn , schicken. Ich hab' auch von meinem Kameraden tanzen gelernt, und gehe Sonntags zum erstenmal nach Hesloch zum Tanz; brauchst nicht maulen, Marannele, ich will mich nur probiren. Und das Marannele soll auch schreiben. Hat der Jakob seine Ochsen noch und hat die Bleßkuh noch nicht gekalbt? Es ist doch
kein recht Geschäft daâ Soldatenleben, man wird hundsracker- müd und hat doch nichts geschafft. -
Die Butter kam, und dießmal half sie besser. Der Zigeuner wurde einem Andern zugewiesen, bei der Bntter war aber auch ein Brief, den der Schullehrer geschrieben, und darin hieß es:
»Unser Mathes hat aus Amerika fünfzig Gulden geschickt, und hat auch geschrieben, wenn Du nicht Soldat wärst, könntest Du jetzt zu ihm, und er wollte Dir dreißig Morgen Ackers schenken; halt' Dich nur brav und laß Dich nicht verführen, der Mensch ist gar leicht verführt; das Marannele trutzt so halb und halb mit mir, ich weiß nicht warum; als eS Dein Bild gesehen hat, hat es gesagt, das wärst Du gar nicht.» Bei diesen Worten schmunzelte der Aloys; denn er dachte: „So ist's recht, ja ich bin auch jetzt ein ganz anderer Kerl; hab' ich Dir's nicht gesagt, Marannele? gelt Du?" — Monate waren vorüber, der Aloys wußte, daß nächsten Sonntag Kirchweih in Nordstcltcrn sei; er erhielt durch seinen Feldwebel auf vier Tage Urlaub, er durste in ganzer Uniform, mit Säbel und Tschako nach Haus.
(Fortsetzung folgt.)
Gemeinnütziges.
Die Seidenzilckt, in besonderer Beziehung jum Herzogthuinc Nassau, em Beitrag zur Minderung des Proletariats und zur Hebung nationaler Industrie.
(Fortsetzung.)
b. Oestreich. Der Seidenbau in der österreichischen Monarchie beschränkte sich noch vor 80 Jahren nur auf die damaligen italienischen Provinzen. Die Kaiserin Maria Theresia verpflanzte den Seidenbau nach Ungarn und Slavonien. Kaiser Joseph dehnte ihn 20 Jahre später mit großem Er- folge noch weiter aus. Eine Belehrungsschrift von Emanuel Hofmann wurde in 5 Sprachen in 16,000 Exemplaren unentgeldlich verbreitet. Nachdem seit 1827 die aus 15 Provinzial- und 18 Militärstationen Ungarns erzeugte Seide dem Handlungshause Hofmann und Söhne kontraktmäßig überlassen ist, schreitet dieser Kulturzweig immer weiter vorwärts. Das Jahr 1841 war ein vorzüglich glückliches Jahr für die ungarische Seidenzucht. Obiges Haus wies höheren Orts nach, daß es in 1841 auf 33 Nationen 360,402% Wiener Pfund Cocons eingelöst und mit 149,945 fl. 30 fr. bezahlt habe. Hierzu der Arbeitslohn zum Abspinnen mit 84,000 fl.', also zusammen 234,000 fl. Von Privaten wurden 495,670 Pfund Cocons für 200,000 fl. gekauft. Hierzu der Arbeitslohn von 75,000 fl., also zusammen 275,000 fl., so daß die Seidenbau- kultur diesem einen östreichischen Lande int Jahre 1841 ein Einkommen .von 508,905 fl. 30 fr. brachte. Der Kaiser Franz Joseph I. ertheilt den Söhnen unbemittelter steiermärkischer Bauern Stipendien, um an Handen derselben die Segnungen des Seidenbaus über ihr Vaterland zu verbreiten. In der neuesten Zeit hat die östreichische Regierung den Seidenbau auf's Neue empfohlen. Franz Ritters v. Heinel erhielt von der kaiserl. landwirthschaftlichen Gesellschaft nebst der Ehrenmedaille einen Preis von 50 Dukaten für eine Schrift über die Futtererzeugung.