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Allgemeiner

Anzeiger & Hausfreund.

â. L.

Wiesbaden, den 2^. Oktober

1830.

Abonnements pro Oktober bis Dezember â 18 fr. bei der Expedition direkt und â 24 fr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten werden fortwährend angenommen und gebeten schleunigst dieselbe» zu machen. Inserate im Anzeiger kosten die dreispaltige Pelitzelle a 2 ft. Briefe und Gelder werden franko erbeten.

Inhalt:

Erzählung und Geschichtliches: Der Tollpatsch (Fortsetzung). Eine Stunde in Todesangst, Die schönsten deutschen Sprich­wörter.

Völker- und Länderkunde: Körperkraft und Behendigkeit ter Neger. Das Staubgold an der Goldküste.

Gemeinnütziges: Die nährenden Eigenschaften des Brodes. Die Kartoffelnoth. Münzen, Maaße und Gewichte. Allerlei Mittel für Haus- und Landwirthschaft.

Vermischtes: Der Gerichtsverwaltcr. Regeln für Dienende. Mannichfaltiges.

Anzeigen.

Erzählung und Geschichtliches.

Der Tollpatsch.

Eine wllrttemberg'schc Dorfgeschichte. (Fortsetzung.)

So lebte unser Aloys bis in sein neunzehntes Jahr, und als ihm zu Neujahr das Marannele ein Hemd schenkte, zu dem es den Hanf selber gebrochen, das es selber gesponnen, ge­bleicht und genäht hatte, da war er ganz selig, es that ihm wehe, daß er nichtHemdärmelich" über die Straße gehen konnte, es hätte ihn trotz der grimmen Kälte gewiß nicht ge­froren, aber die Leute hätten ihn ausgelacht, und Aloys wurde immer empfindlicher gegen den Spott der Leute.

Daran war besonders des alten Schultheißen Knecht schuld, der seit der Erndte in das Dorf gekommen war; es war ein schöner schlanker Bursch mit einem trotzigen Gesichte, das durch den röthlichen Schnurrbart noch eine besondere Auszeichnung hatte. Jörgli, so hieß der Knecht, war Kavallerist, und trug fast immer seine Soldatenmütze. Wenn er Sonntags in seiner geraden kecken Haltung, die Füße auswärts setzend, und die Sporen klingen lassend, die Soldatenmütze auf dem Kopfe, mit den lederbesetzten Reithosen angethan, das Dorf hinaufging, da sagte sein ganzes Wesen:ich weiß, daß alle Mädle sich in mich vergucken"; oder wenn er seine Pferde zur Tränke an den Jakoben Brunnen ritt, da wollt dem guten Aloys fast das Herz springen, wenn er sah, daß das Marannele jedesmal zum Fen­ster herauslugte, er wünschte, daß es gar keine Milch und But­ler auf der Welt gebe, damit er auch Pferdsbauer wäre.

So unerfahren auch unser Aloys war, so waren ihm doch die Unterschiede der drei Stände wohl bekannt; da standen zu­erst die Kühbauern, dann kamen die Ochsenbauern, deren Zug­thiere man doch noch mästen und schlachten kann; zuoberst aber standen die Pferdsbauern, deren Zugthicre weder Milch noch Fleisch geben und die doch das beßte Futter fressen und oft am meisten gelten.

Ich glaube nicht, daß Aloys hiebei (an den Nâhr-, Lehr­und Wehrstand dachte.

Heute am Neujahrstage zeigte sich ein Vorsprung, den der Jörgli als PferdSbauer hatte. Er führte nach der Morgenkirche deS Schultheißen Tochter und ihr »Gespiel», das Marannele, im Schlitten nach Empfingen spazieren, und so sehr auch unserm Aloys das Herz im Leibe zitterte, so folgte er doch dem Wunsche des Jörgli und half ihm die Pferde einstweilen im Schlitten «inprobiren; er fuhr mit ihm int Dorfe umher und dachte nicht daran, welch eine schlechte Figur' er neben dem stattlichen Sol­

daten ausniachte. Als die Mädcken eingestiegen waren, führte Aloys die Pferde noch einige Schritte bis sie recht angezogen hatten und rannte so neben den Pferden her, er ließ sie dann los, und als darauf der Jörgli unter Peitschenknallen und Rol- lcngeklingel und dem Zuschauen der halben Gemeinde mit den beiden Mädchen dahinfuhr, da schaute ihnen Aloys noch lange nach als man sie längst nicht mehr sehen konnte, er schalt dann den dummen Schnee, der ihm das Wasser aus den Augen trieb und ging traurig nach Hause; es war ihm, als ob das ganze Dorf ausgestorben wäre, da das Marannele den ganzen Tag darin nicht zu finden sein sollte.

Ueberhaupt war Aloys schon seit dem Beginne dieses Win­ters oft sehr betrübt. Im Hause seiner Mutter kamen die Mäd­chen oft in die Karz, oder wie man es hier nennt zu »Licht". Die Mädchen wählen zu diesen abendlichen Zusammenkünften immer am liebsten eine jung verheirathete Gespielin oder eine freundliche Wittwe, die älteren Hausherrn stören das harmlose Treiben doch zu sehr. So kamen die Mädchen auch oft zur Mutter Marei und die Bauernbursche kamen wie immer un­eingeladen dazu. Früher hatte sich Aloys gar nicht daran ge­kehrt, wenn man sich nicht um ihn kümmerte, er saß in einer Ecke und that gar nichts; jetzt sagte er sich immer in Ge­danken: «Aloys ! beim Teufel, Du bist doch jetzt neunzehn Jahre vorbei, Du mußt Dich jetzt auch vornhin stellen», und dann sagte er wieder: «wenn nur der Teufel den Jörgli leihweise holen thät». Der Jörgli war das Endziel seines Unmuthes, denn er hatte bald, ohncrachtet er ein Knecht tvar (wie daS überhaupt hier wenig Unterschied macht) die Oberhand über alle Bursche des ganzen Dorfes gewonnen, und sie mußten alle nach seiner Pfeife tanzen, und wie prächtig konnte er ihnen pfeifen und singen und jodeln und Geschichtcken erzählen wie ein Hexenmeister; er lehrte die Bursche und Mädchen neue Lie­der und besonders das Reiterlied;M o r g e n r o t h ic,»

Als er zum erstenmal den Vers sang:

Thuhst Du stolz mit Deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen", da stand der Aloys plötzlich hoch auf, er schien größer wie sonst, er ballte die beiden Fäuste und biß die Zähne vor innerer Frende knarrend aufeinander, eS war als ob das Marannele mit seinen Blicken ihn an sich zöge, alS ob er sie erst jetzt recht sehe, denn grade so wie es im Liede stand, sah sie ja aus.

Die Mädchen saßen im Kreise, ein Jedes hatte seine Kunkel (Spinnrocken) mit dem Goldschaum bedeckten Knaufe vor sich stehen, an der der Hanf mit einem farbigen Bande befestigr war; sie netzten den Faden auS ihrem Munde und spannen mit der Spindel, die sich lustig auf dem Boden drehte. Es war dem Aloys immer wohl, wenn er »etwas zum Annetzcn," eine Schüssel voll Aepfel oder Birnen für die Mädchen auf den Tisch stellen konnte, und er stellte die Schüssel immer nahe zu Marannele, damit sie auch tapfer zugreifen konnte.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Stunde in Todesangst. Eine wahre Geschichte.

W. im Oktober 1850.

Im März 1816 wanderte ich durch den Schloßgarten uit» serer Residenz; zwei Tage vorher war der alte Fürst des Lan­des gestorben, und eine Menge Menschen drängte sich in das