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Allgemeiner Nassanischer Anzeiger & Hausfreund.

WLcsbüdcn, den 3. Dktober

1880.

Inhalt:

Johannes Klör, eine Dorfgeschichte. (Forts) Der Aberglaube.

N at u rg csch ichtli ches : Der Haifisch.

Gemeinnütziges: Sicheres Mittel gegen die Rindviehscuche.

Münzen, Maaße und Gewichte.

A l! e r l e e Mittel für Haus ii n o Land wirthschaft.

Ver in t ch teo: Regeln für Dienende.

Man nichfaltig cs.

A n; e (g e »,

Johannes Klör.

(Fortsetzung.)

Klör ließ sie lacken unb ließ die Knaben zu sich kommen. Denen zeigte er, wie die Kerne gesäet, die Stämmchen verpflanzt werden müssen, denen lehrte er auch alle Arten der Veredlung Ler Bâume und den Schnitt, wie die Jahrszeiten nach und nach die Arbeiten herbeiführen.

Das kam den Nackbarn bedenklich vor. Sie zankten dar­über und meinten: die Knaben könnten etwas Besseres thun und brauchten nicht Dinge zu lernen, die sie auch nicht gewußt, und doch tüchtige Männer geworren wären.

Da Zanken half nickt. Klör fuhr fort zu Pflanzen und zu unterrietten. Die Knaben kamen gerne zu ihm. Nun sollte plötzlich die Hecke, die schon mehrere Jahre gestanden, im Ackern hindern. Klör wurde verklagt und verurtheilt, die Hecke auS- zuhauen. Die offenen Pflanzungen wurden "vom Vieh zertreten, von Menschen verdorben. Um Frieden zu haben kaufte Klör daS angrenzende Ackerstück, erweiterte seinen Judustriegarten, ver­mehrte seine Mühe und seine Wirksamkeit. Er sollte keinen Frieden haben. An der Mauer deS Gemeinst- Brauhauses, das an seinem Garten grenzte, hatte er seit 12 Jahren eine hohe Spalier des besten Obstes : diese Spalier schade der Mauer hieß cs. Klör wurde angeklagt und zu Recht erkannt: daß die Spalier ausgehauen werden müsse. Das that Klör mit Thränen in den Augen und pflanzte, nach Ausweis des Traüf- rechtS, drei Fuß von der Mauer ein neu s Spalier.

Aus diesem Garten wurden seit 40 Jahren viele Hundert veredelte Baumstämmchen in nahe und ferne Gärten verpflanzt und von diesem Spalier viele Hundert edle Reiser nach allen Gegenden versendet.

Was Klör in Thränen säete, ist für Andere in Freude emfgegaugen. Dies sollten wir alle uns merken: die Einen zum Trost, die Andern zur Ermunterung.

Leutershausensollte eine neue Kircke und ein neues Schul- hauS bekommen. Es fehlte der Gemeinde an Geld. Es wurde beschlossen, das Fehlende in der Nachbarschaft einzusammeln. Keiner hatte Lust oder Geschick zu dem beschwerlichen Geschäft. Klör hatte beides. Er erbot sich freiwillig, das Einsammeln «uh und fern zu besorgen, und wußte wohl, daß es keinem so gut wie ihm gelingen würde, weil er sich zu jedem Opfer be­reit fühlte, die Menschen besser kannte und freilich auch größe­res Vertrauen zu ihnen hatte, als seine übrigen Mitbürger.

Das Unternehmen gelang ihm unter Gottes Beistand, über alle Erwartung. Auch griff er das edle Werk mit gutem Muth, redlichem Willen und unwandelbarem Eiser an.

Sein Gewerbe als Handelsmann führte ihn durch nahe und ferne Städte 'imb Dörfer und verschaffte ihm in allen Häusern Eingang. Bald erwarb er sich als geschickter Baumgärtner, bald als Bienenvater, bald als verständiger und viel erfahrener Mann den Dank und das Wohlwollen der Familien; nun nahm er für geleistete Dienste in Baumgärten oder am Bienenstand,

für ertheilten Rath in häuslichen Angelegenheiten und am Web­stuhl nichts, forderte aber ;t unolieb uno bescheiden eine milde Beisteuer für den Kirchbau seiner Gemeinde.

Einer so begründeten und so eingeleiteten Bitte konnte Kei­ner so leicht widerstehen; einen so wohlwollenden, uneigenützigcn Mann Keiner ohne Gabe gehen lassen. Jeder entließ ihn reichlich beschenkt, mit Rührung und Segen.

Aus solche Weise brachte Klör in kurzer Zeit alles nöthig« Holz, Steine, Kalk, ohne Aufwand der Gemeinde auf den Bau­platz unb lieferte noch über zweitausend Gulden an baarem Gelde ab.

Durch dieses einzigen Mannes treue Sorgfalt wurde Sckul« und Kircke gebaut, mit nützlichen Schul- und Gesangbücher» u. s. w. reichlich versehen.

Er hatte nicht nur alles gesammelte Geld redlich verwendet unb für seine viele Mühe und versäumte Zeit keine Belohnung in Rechnung gebracht, sondern noch von seinem Eigenthum über Hundert Gulden dazu gelegt, damit es nur an nicht- fehle, Alles ein würdiges Ansehen gewinne und daS ganz« Werk würdig und tadellos bastele-

Das war den Gemeindsmännern und Vorstehern zu viel, za unerwartet, zu unerhört! Von einem solchen Opfer, von solcher Uneigennützigkeit halten sie bis dahin keine Vorstellung. De- guten Klörs Lohn war bitterer Hohn, Haß, Verleumdung. Im Dorfe mußte er Vorwürfe hören, daß e Gelder unterschla­gen, in seinem eignen Hause mußte er Vorwürfe hören, daß er durch seinen blinden, wohlthätigen Eifer seine Kinder um ihr Eigenthum gebracht habe.

So stand der Mann von Allen abgeschieden, aber getröstet durch tiefen Frieden in seinem Herzen und durch das freu­digste Bewußtsein.

Ein neues Gesangbuch würd« im Lande eingeführt. ES sollt« auch nach Leutershausen kommen. Klör, der an jedem Fort­schritt der Bildung eifrig Antheil nahm, wurde von dem dor­tigen Geistlichen beauftragt, den Ankauf für die Gemeinde zu besorgen. Er that dieß mit Freuden und ließ auch eine schwarz« Tafel verfertigen, zum Anschreiben der Lieder-Nummern, weil ihm die Störungen im Gesänge widrig waren, die aus dem Sueben in dem noch unbekannten Buche hervorgingen.

Diese unschuldige, wohlgemeinte Handlung gab daS Zeichen zum Ausbruch des bittern , lang verhaltenen Grolls seiner Mitbürger.

Er mürbe der Lauheit in seiner confessionellen Religion beschuldigt, als gefährlicher neuerungssüchtiger Mann verschrien und endlich bei dem Edelmann verklagt, dem die Hälfte des Dorfes gehörte, in welcher Klör wohnte. Ohne nähere Un­tersuchung wurde Klör 3 Tage cingesperrt, mußte körperliche Züchtigung erleiden und eine Geldbuße erlegen.

Klör duldete diese schwere Kränkung und beklagte sich nicht bei den höher» Landesgerickten, aus deren Schutz und Gerechtig­keit er hätte rechnen können.

Bald darauf wurde ihm für einen wesentlichen Dienst, d«n er einem Gartenfreund geleistet, ein ansehnliches Geschenk an Geld gemacht. Dieses gab er dem Ortsgeistlichen und bat, daß er dafür Gesangbücher kaufen, und unter die Acrinsten im Dorfe, jedoch in eines Andern Namen, vertheilen möge, denn er wisse wohl, daß Viele nur des Aufwandes wegen gegen die Einführung des neuen Gesangbuchs seien, daß sie aber noch weniger aus so verhaßten Händen, die [einigen , ein Ge­schenk würden nehmen wollen.