Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Haussreuud.
2Vr. /. Wiesbaden, den 26. September 1850»
Der Allgemeine Nassauische Anzeiger und Hausfreund erscheint von jetzt an regelmäßig wöchentlich einmal (Donnerstag), und wird auch in seiner Erweiterung fernerhin als Gratis-Beilage dem Allgemeinen Nassauischen Schulblatt zugegeben.
Der Verleger eröffnet jedoch für den Allgemeinen Nassauischen Anzeiger und Hausfreund vom 1. Oktober an ein besonderes, aber st ußer st billiges Abonnement und bemerkt zunächst wegen des Inhalts unv der Haltung des Blattes Folgendes: Dem Titel entsprechend soll dasselbe ein wahres, Nutzen und Gutes wirkendes Nolksblart dem Geiste und Inhalte nach, sein. — Sein Weg in den Palast und herab bis in die Hütte des Landmanns ist ihm geebnet, in letzterer Bcziehitng besonders dann, wenn die Herren Lehrer und Pfarrherren unser Unternehmen freundlich unterstützen, indem sie unsre Dorfbewohner mit dem Blatte bekannt machen, da die Ausgabe dafür vierteljährlich so gering ist, daß die vermögenderen unter ihnen es gerne anschaffcn werden. — In seinem unterhaltenden und belehrenden Theil wird der Hausfreund gediegene Volkserzählungen moralischer Tendenz und unter den weiteren stehenden Rubriken: Naturgeschicht- lichcs, Gemeinnütziges, Allerlei Mittel für Haus- nnb Landwirtschaft, Mannichfaltiges und Vermischtes, dasjenige bringen, was die Redaktion gewissenhaft unb vorsichtig aus ihrem reich haltig e n Material aussichtct, — denn der Hausfreund soll allen Ständen nützlich werden. — Ausgeschloffen ist das Gebiet der Politik und Konfession.— Die Aufgabe eines gediegenen, tüchtigen Bolksblattes in wahrhaftigem Sinne, ist schwierig. — Die Redaktion hofft diese zu lösen und schon in der ersten Nummer den Weg, den sie gehen wird, als einen richtigen, klar vor den Augen der kompetenten Richter offen gelegt zu haben; um so mehr hofft sie aber auch auf die Unterstützung derjenigen, welche das Unternehmen fördern können, weil auf die größte allgemeine Theilnahme bei seiner Billigkeit gerechnet werden muß, wenn cs in seinem materiellen Theil -gesichert sein soll. — Der Hausfreund wird 2 bis 2'/, Seite aNfüll-n, der übrige Theil enthält Anzeigen nützlicher Bücher und Ankündigungen aller Art, z. V. Geschastsanzeigen, Dicnstgesuchc, Kaufs- und Verkaufsanzeigen, Verlobungs-, Heiraths- und Geburtoanzcigen, Bekanntmachen u. dergl. meyr, welche per Spaltzeile mit 2 kr. berechnet werden; außerdem aber werden dem Blatte literarische Beilagen gratis zugegeben.
So hoffen wir, daß unser „Allgemeiner Nassauischer Anzeiger und Hausfreund" der bereits in über 700 Dörfern und Städten unseres Landes verbreitet ist, zu einem wahren Hausfreund werde und wöchentlich in vielen Wohnungen der Städter und Dorfbewohner unseres Nassau willkommen cintreien wird.
Das Abonnement für den „Allgemeinen Nassauischen Anzeiger und Hausfreund" ist pränumcrando vom l. Oktober an in Wiesbaden bei der Expedition vierteljährlich nur — is hr., im ganzen Herzogthum bei allen Postanstalten vierteljährlich init Beftellg eld — 2« Kr. Wir bitten das Abonnement per Oktober bis Dezember gefälligst sogleich bei uns direkt oder beider zunächst gelegenen Postanstalt zu machen, damit man alle Nummern vom Beginn an erhält, was bei zu spätem Abonnement zweifelhaft ist. — Briefe und Gelder an die Unterzeichnete müssen franco eingesandt werden. NesaKtion und CrpeLitisn b s Nassavischkll Allgemeinen Jazzers & Hassfreuuds.
Wilhelm Friedrich, Marktplatz in Wiesbaden.
Inhalt.
Johannes Klör, eine Dorfgeschichte.
Naturgeschichtlichcü: Von den Fixsternen.
Gemeinnütziges: Das AMM der Blutegel. * Allerlei Mittel für Haus und Landwirthschaft.
Mannichfaltiges: Eine Bärentrcibergcschichte. — Musikalisches
Rindvieh. — Namen des Biers rc.
Vermischtes: Regeln für Dienende.
Anzeigen.
Johannes Klör.
In einem flachen Wieseuthale des Frankenlandes liegt, nicht weit von Neustadt an der Saale, ein ansehnliches Dorf, Leutershausen.
In diesem Dorfe wurde im April 1751 Johannes Klör geboren. Sein Vater war Leineweber und hütete im Sommer hindurch das Vieh der Gemeinde. Das Weben lernte der Sohn vom Vater und das Vieh half er ihm als Knabe hüten. Auch lernte er mit großem Geschick die Harfe spielen.
Das abgeschiedene Hirtenleben erweckte in dem Knaben mancherlei besondere Gedanken und erhielt in ihm einen tiefen, stillen unb frommen Sinn.
Schon früh ivar in ihm der Vorsatz reif geworden, daß er eS in der Weberei nicht bei dem Gewöhnlichen wolle bewenden lassen, sondern alle Zweige dieser nützlichen Kunst auf das Gründlichste zu erlernen trachten müsse, wozu er oft Gott flehentlich um Kräfte und Geschick gebeten hat.
Im Anfang der siebziger Jahre trat er mit mehreren guten Gesellen aus verschiedenen Zünften seine Wanderschaft an. Sie gingen durch den Spessart den Rheinlanden zu und hatten sich das kunstreiche Gent oder Antwerpen zum Ziel ihrer Reise ausersehen.
Es kam aber anders. Die damalige Theuerung brachte sie in Noth und Elend. Sie mußten bittern Hunger leiden. Darüber erkrankten einige, andere blieben ermattet auf der Straße liegen, und einer wurde von Seelenverkäufern aufgefangen.
Nach einem langen trüben Jahr kam der junge Klör mit einem einzigen Gefährten in das gewerbfleißige Elberfeld, Da
gab es viel zu verdienen und viel zu lernen. Klör dankte Gott für seine weise Führung und trat muthig die neue Arbeit an; sie mußte aber mit großer Anstrengung in feuchten, unterirdischen Gewölben verrichtet werden. Das zerstörte die Gesundheit und den heitern Sinn des ehemaligen Hirtenknaben. Er mußte fort, wie sehr es ihn auch kränkte, eine so gute Schule seiner Küirfl'zwMkässeifl
Abwechselnd arbeitete Klör als Webb? in den rbeinisebeu Städten, im Elsaß und Breisgau, im Odenwald und in.Franken , oder zog mit der Harfe durch das Land, wenn er keine Arbeit finden konnte und erfreute die Landleute mit heitern und ernsten Gesängen. So sinnig wandernd, bildete er sein frommes Gemüth immer weiter aus und bereicherte seinen Verstand mit den vielseitigsten Erfahrungen und Ansichten. — Seiner Aufmerksamkeit entging nicht leicht eine neue Erfindung in seiner Kunst, eine wohlthätige ' Gemeindeeinrichtung , ein erprobtes Hausmittel, eine gute Gärtnerregel u. dgl.
Acht Jahre lang hatte er diese Lebensweise geführt, viel Trübes und Liebes erfahren, viel Gutes und Böses gesehen. Er hatte viel erlernt und viel ertvandeK, und sehnte sich nun nach der lieben Heimath zurück, wo er in stiller Gewerbs- und bürgerlicher Thätigkeit sein Glück finden und aufbauen wollte.
In dieser Zeit wurde Johannes Klör Familienvater und Meister in der löblichen Weberzunft und diente als geschickter Baumgärtner und Bienenvater den Einwohnern seines Dorfes und der weitern Umgegend zum ermunternden Beispiele.
Johannes Klör fand in der Heimath das gehoffte Glück nur in sich, in seinem Bewußtsein: Recht zu thun; aber nicht in den äußeren Verhältnissen, nid t in bürgerlicher Thätigkeit.
Er arbeitete als Weber und Vlâtterbinder und machte am Einkaufs- und Verkaufswillen in jedem Jahre eine kleinere oder größere Wanderung durch nahe und ferne Gegenden. In dem Gewerbe unterrichtete er seine beiden Söhne und auf Reisen nahm er sie mit, weil sie, wie er, sich ausbilden und die Thefl» nähme an allen bürgerlichen Angelegenheiten in ihnen erweckt werden sollte.