Allgemeiner Nassauischer Anzeiger & Hausfreund.
W. O.
Wiesbaden, den 31. Aktober
1850,
Abonnements pro Oktober bis Dezember ü — iS kr. bei ter Erpedition tireft und <i — 24 fr. mit Bestellgeld bei allen Postanstalten werden fortwährend angenommen und gebeten schleunigst dieselben zu machen. Inserate im Anzeiger kosten die krei'palt^ge Petitznlc ä 2 kr. Briefe und Gelder werden franko erbeten.
Inhalt:
Erzählung und Geschichtliches: Der Tollpatsch (Fortsetzung).
— Der Hühncrkasteu und ter Tod. — NaturgeschichtlichcS: Merkwürdige Naturerscheinungen.
Gemeinnütziges: Unmaßgebliche Gedanken über die Entstehung der Kaitoffelkrankheit.
Manuichfaltiges.
Anzeigen.
Erzählung und Geschichtliches.
Der Tollpatsch.
Eine württembcrg'sche Dorfgeschichte.
(Fortsetzung.)
Anfangs Winter that AloyS- den ersten muthigcn Schritt seiner Großjährigkeit. Das Marannele hatte eine neue mit Zinn eingelegte schöne Kunkel (Spinnrocken) bekommen; als es nun zum erstenmale damit in die Spinnstube kam und sich zulu Spinnen gesetzt hatte, trat Aloys vor, er faßte-die Kunkel oben und sagte den alten Spruch:
„Jungfer darf i eu bitte
pent i lasset) mi Euere Engele schüttle
Die kleine, wie die große
Auf dere Jungfere Schooße.
Jungfer, warum wind Ihr so stolz?
Eure Kunkel ifcht doch nau von Holz,
Wenn sie wär' mit Silber b'schlage
No wett (nachher wollt) i eu' was andres sage."
Mit einer ungewohnten Festigkeit,, wenn auch mitunter mit Zittern, hatte Aloys den Spruch'vorgebracht. DaS Marannele schlug zuerst die Blicke in den Schooß aus Scham und aus Angst, der Aloys möchte stecken bleiben , jetzt aber sah es ihn mit"glitzernden Augen an; nach alter Sitte ließ es drauf Spindel und Wirtel auf deu Boden fallen, der Älvys hob beide Gegenstände auf, und das Marannele mußte ihm für die Spindel cinKüöpfle (schwäbische Mehlspeise) und für den Wirtel (Spindelring) ein Fastnachtsküchle versprechen. Das Beßte aber kam zuletzt; Aloys gab die Kunkel frei, und als Ablösung gab ihm das Marannele einen rechtschaffenen Kuß, der AloyS schmatzte so laut, daß man ihn in der ganzen Stube hörte, und die andern Bursche ihn darum beneideten, er aber setzte sich wieder in eine Ecke, rieb sich die Hände und war mit sich und der Welt zufrieden. Das dauerte aber nicht lange, denn der Jörgli war sein Störefried.
Eines Abends bat der Jörgli das Marannele — das die erste Vorsängerin in der Kirche war — das Lied vom «schlvarz- braunen Mädichen» zu singen; es begann ohne alles Zaudern, und der Jörgli sang die zweite Stimme mit so kräftigem Wohllaute, daß alle Andern, die Anfangs mitgesungen hatten, nach einander stille wurden und den Beiden zuhörten, die so schön saugen. Marannele, das sich von den Gefährtinnen verlassen sah, sang Anfangs mit zitternder Stimme und stieß die andern neben an, doch mit weiter zu singen; als ihm aber Niemand folgte, sang es keck weiter als könne es gar nicht aufhören und «S war, als ob die Stimme Jörgli's.es frei und fest cmporhielte wie gewaltige Arme; sie saNgen:
Morgen früh müssen wir marschiren
Wohl zum obern Thörle ’naus;
O tu wunderschönea schwarzbraunS Mädichen,
Wohl zum obern Thörle ’naus.
Geh ich 'naus aus fremde Straßen,
Schönster Schatz, vergiß nicht mehr
Uno wenn tu trinkst ein Gläschen Weine
Zur Gesundheit m in und reine
Weil ich von dir scheiden- muß.
Jetzt lad ich meine zwei Pistolen
Thu vor Freuden einen Schuß,
Meinem Schätzelein zu Gefallen,
Weil es mich getiebet hat,
Vor allen meinen Feinden zum Verdruß.
Es sind zwei Sternlein am blauen Himmel,
Glänzen Heller als der Mond;
' Einer scheint auf's schwarzbraunS Mädichen,
Einer scheint auf grünen Grund.
Kauf ich ein Bändelcin an meinen Degen
Und ein Sträußelein auf meinen Hut,
Und ein Tüchelein in meine Laschen,
Meine Aeugelein abzuwalchen,
Weil ich von dir scheuen muß.
Gib ich meinem Pferd die Sporen,
Sielt ich zu dem Thor hinaus,
Gib ich Acht auf's schwarzbraunS Mädichen,
Weil ich von ihm scheiden muß.
AlS ein jedes der Mädchen feine vier bis fünf Spindeln voll gesponnen hatte, wurde der'Tisch in die Ecke gerückt und auf dem freien Raume von kaum drei bis vier Schritten, dm man dadurch gewann, begann nun eines nach dem andern zu tanzen ; die Sitzenden sangen den Andern dazu. Als der Jörgli mit dem Marannele tanzte, sang er selber einen Ländler und tanzte dabei wie eine Spindel, ja er brauchte fast nicht viel mehr Raum als eine Spindel, denn er behauptete: darin zeige sich ein ächter Tänzer, daß man sich auf einem Teller gewandt und stink drehen könne, als er nun endlich mit dem Marannele einhielt, und es dabei nochmals so heftig schwenkte, daß der faltige Rock hochaufwallte, da ließ ihn das Marannele schnell stehen, wie wenn eS sich vor ihm flüchtete, es sprang in die Ecke, wo der Aloys trübselig zuschaute und seine Hand fassend, sagte cs: «Komm Aloys, Du mußt auch tanzen». ««Laß mich, Du weißt ja, daß ich nicht tanzen kann, Du willst mich nur foppen»». «Du Toll—» sagte Marannele, es wollte Du Tollpatsch sagen, aber es hielt schnell inne, denn eS sah sein Gesicht, auf dem die Wehmuth ausgegossen war, daß ihm das Weinen näher stand als daS Lachen, es sagte daher freundlicher: -nein g'wiß nicht, ich will Dich nicht foppen, komm und wenn Du auch nicht tanzen kannst, so musst Dus lernen, und ich tanz' so gern mit Dir als mit Einem». Sie tanzte nun mit ihm herum, aber Aloys schlenkerte seine Füße, wie wenn er .Holzscknhe an hätte, so daß die Andern vor Lachen nicht mehr singen könn, ten. — «Ich lern Dir's ganz allein, Aloys», sagte Marannele, ihn beruhigend.
Die Mädchen zündeten nun ihre Laternen an und wanderten nach HauS. Aloys ließ es sich nicht nehmen, sie noch zu begleiten, er hätte um Alles in der Welt das Marannele nicht