Volks-Botin.
Wöchentliche Begleiterin des Nheingauer Volksboten.
â 7. Sonntag, den 11. November 1849*
Die Stiftsdame von Günderode, gestorben in Winkel am 26. I uli 1806. (Einc' biographische Skizze, mitgetheilt von B. 28«sauer,)
Bettina von Arnim, geb. Brentano hatte als romantisches Genie mit ihrem reichen und hochflatternden Sinne für Natur und poetische Pfan- tafie einen Geliebten in Göthe gefunden, mit dem -fte, Joie bekannt, einen vieljâhrigen Briefwechsel unterhielt und dem ihre kindliche Begeisterung in ihrem Herzen Thron und Altar erbaute. Aber noch fehlte ihr ein Liebendes, das auch mit aufgeschlossenem Herzen entgegenkäme, das auch ihr darin etwas Thron - und Altarähnliches aufrichtete. Da nahte sich ihr am glücklichen Tage ein gac holdes weibliches Wesen, ein zarteS poetisches Gemüth, der Welt schon als Dichterin unter dem Namen T i a u bekannt, Karoline v o n G ü n b,ej ode, ebenfalls aus Frankfurt a. M. gebürtig.
Diese edle Stiftsdame, (geboren im Jahre 1780, lebte im Stifte auf dem Roßmarkt), von hohem Wuchs, aber von schwanker fließender Gestalt, von braunem Haar, aber blauen Augen, mit langen Wimpern bedeckt, dieses Wesen, sanft und weich in allen Zügen, das wie ein Geisterschein nicht geht, sondern wandelt, hat mit Bettinen, wenn sie getrennt waren, viele Briefe gewechselt, welche Letztere in zwei '’n, betittelt: „D i e G ü nd ero d e.^Briefe
aus den Jahren 1804 — 1806 " veröffentlicht hat und worin sie, sowie in Briefen an Göthe, die theure Freundin mit einer lobenswerthm Uneigennützigkeit schildert. —
Der Mittheiler dieser Skizze übergibt den Lesern seine auS obenbesagten Urkunden gesammelten Notizen und Bemerkungen mit dem Wunsche, daß diese in ihnen dasselbe Schmerzgefühl und Mitleiden errege, welches daö schauerliche Ende Karolinens, dieses des heitersten Lcbenö würdig scheineirden Wesenö, in dem Herzen und Andenken Bettinens hervorrief. —
Betina war 8 Jahre jünger als die Freundin, und das traute Verhältniß zu dieser war jener, die ihre Einsamkeit zu Offenbach, Frankfurt und im Rheingau unter ihren Geschwistern und Bekannten ost beklagte nicht anders als förderlich, indem dies Verhältniß nun durch heitere Abwechselung, von Besuch und Briefen auf das eifrigste u^töHalM ward. Sie lief fast alle Tage zur Günderode und lernte bei ihr die ersten Bücher mit Verstand lesen. Ihre Wohnung war ebener Erde im Stifte nach dem Garten; vor dem Fenster stand eine Silberpappel. Auf diese kletterte oft die immer muntere Bettina während dem Vorlesen unb laS von oben herunter; Karoline stand am Fenster, hörte zu und rief dann und wann: „Bettina, fall nicht!" So studierte das wißbegierige Mädchen bei Günderode Geschichte und Philosophie; diese las oft ihre Gedichte vor, und die weichen Verse wirkten auf Bettina wie der Wohl-