Volks-Botin.
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Wöchentliche Pegleiterin des Nheingauer Volksboten.
M 6. Sonntag, den L. November 1849
Walten der Gerechtigkeit.
Line wahre Geschichte aus dem Volk.
Von Friedrich Nits-rt.
(Schluß.)
„Ich ließ mich binden wie ein Lamm. Man führte mich in's Gefängniß. Wie mir da war, — o, daö erlaßt mir zu sagen! — Es mochte um Mitternacht sein, als auf einmal der Ruf Feuer erscholl, für mich zum erstenmal nicht furchtbar. Die Glocken stürmten, das ganze Dorf kam in Aufruhr, die Husaren sprengten durch die Gassen. Gerade durch ihren Leichtsinn war das Feuer in einer Scheuer ausgebrochen, die auch alsbald in lichten Flammen aufloderte. —
Die erschreckten Wächter hatten mich verlassen; da, mitten im größten Tumulte, öffnete sich die Kerkerthüre — und mein alter Lehrer mit einer Laterne stand vor mir.
Welch' ein Wiedersehen für unS beide! — Nachum mir mein treuer Freund die Bande gelösct, sprach er: „Heinrich, die Gelegenheit |i[t günstig; daS Dunkel der Rache nimmt Dich in Schuh! Gott möge Dir und mir ein barmherziger Richter sein ! "
Stets war ich meinem Lehrer gefolgt, und immer hatte ich Ursache gehabt, seiner Führung dankbar zu sein. Ohne Ueberlegung folgte ich seiner Auf- foderung. Ich floh aus dem brennenden Dorse mit
einem Feuer im Gewissen, das nie erloschen ist. Manchmal wollte ich wieder umwenden und mich freiwillig der Obrigkeit auslieferns jedoch der Gedanke an schmachvollen Tod oder langes Gefängniß ließ mich wieder die Schritte vorwärts lenken. Ich wanderte meist zur Nachtzeit durch den Thüringerwald, nach dem Röhngebirge, durch den Spessart und Odenwald, und habe endlich hier den Ort gesunde», wo mir Vieles, aber nimmermehr die Ruhe der Seele zu Theil geworden. Jetzt wißt Ihr Alles, und betet mit mir zu Gott, daß er einem reumüthigen Sünder gnädig sein möge." — Der Pfarrer, ein frommer Mann, der auch Trost in die Seele zu sprechen verstand, erinnerte an das Wort des Heilandes: „Wahrlich, ich sage Dir, heute wirst Du mit mir im Paradieje sein!" und reichte alsdann unter den Thränen der Familie das Mahl, das dem wahrhaft Bußfertigen Vergebung seiner Sünden verheißt."
Mein Begleiter hielt, als er so weit gekommen, einige Minuten ein und ich verhielt mich ebenfalls stille, die Fortsetzung seiner Erzählung erwartend. Als letztere nicht erfolgte, sagte ich:
„Und hörte denn das Bluten forthin auf?"
„Bald hörte noch mehr auf, lieber Mann," antwortete wehmüthig mein Gefährte. „Eine ungemeine Schwäche folgte alsbald auf die furchtbare Aufregung und in der folgenden Nacht hat Meister Wilhelms Liebling, die älteste Tochter, dem Vater