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Volks-Botin.
Wöchentliche Begleiterin des Nhemgauer Volksboten.
15 z. Sonntag, den 28. October 180.
Walten der Gerechtigkeit.
Sine wahre Geschichte aus dem Volk.
Von Friedrich Nilsert.
(Fortsetzung.)
Am folgenden Tage verließ ich schweren Herzens die Heimath. Es ist jetzt keine Zeit von meinem Wanderleben zu erzählen. Zuletzt stand ich in Dresden in Arbeit und hatte von da aus in die Heimath geschrieben. Vierzehn Tage darauf erhielt ich von meinem ehemaligen Lehrer einen Brief, der mir den Tod des Schulzen und die Entfernung meiner Schwester aus dem pflegelterlichen Hause meldete. Sie hatte sich als Magd verdingt, woran sie recht gethan ; denn in Rudolfs Haus hätte doch ihres Bleibens nicht sein können. Es wäre gerathen, wenn ich, meiner Vermögrnsvcrhältnisse wegen, nach Hause käme, wo ich das Weitere erfahren sollte.
Nun brannte mir der Boden unter den Füßen. Eine furchtbare Ahnung stieg in mir auf. Die Sorge um die Schwester ließ mich nicht rasten. Ich lief an einem Tage 16 Stunden, zum Glück unaufgehalten, obgleich die Heerstraßen von französischen Truppen wimmelten. In einem aufgeregten Zustande, wie ich ihn nie gekannt, kam ich in meiner Heimath an. Das ganze Dorf lag voll französischer Reiterei. Ich kehrte im ersten Wirthshause ein; denn in Rudolfs Haus zu gehen, war mir unmöglig.^ Die Wirthsleute freuten sich meiner Ankunft; aber in
ihre Freude mischte sich bald der Ausdruck des Mitleides. Das fiel mir nicht auf; denn meine Ahnung war mir, je näher ich dem Dorfe gekommen, zur schrecklichen Gewißheit geworden. — In wenigen Minuten hatte ich erfahren, daß Marie und ich auch keinen Heller Vermögen mehr besäßen; daß der alte Schulze eine lange, lange Rechnung hinterlass.» hätte, worin das kleinste Geschenk ausgeschrieben, daß der übrige Theil des Erbes durch eint nicht gehörig verclausulirte Schuldverschreibung verloren gegangen, und Marie durch Rudolfs Betragen genöthigt worden wäre, das Haus zu verlassen.
Arme Marie! Unglückliche, liebe Schwester! nur dich, nicht mich beklagte ich! — Ich dachte mir ihr Unglück riesengroß, und die Treulosigkeit und Schlechtigkeit Rudolfs schienen mir sonnenklar. Das Blut kochte in meinen Adern; die Stimme erzi.terte; ich mußte mich setzen. Zu meinem alten Lehrer wollte ich gehen, und mit ihm das besprechen, was zu thun am Geeignetsten erscheine. Eine Flasche Wein sollte aber vorher noch die heiße Brust kühlen, die lechzende Zunge erfrischen. Ich trank in raschen Zügen. Wehe, der Wein erquickte mich nicht nur, er trieb auch die in mir lodernden Flammen zu mächtigerer Höhe! Da ging die Thüre auf, und — Rudolf trat herein." —
Der Kranke war bei diesen Worten, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, in die Höhe gefahren und dann wieder aufs Kissen niedergespn.