Seite 120 ^£^fti^^^^i|^^ Unsere Heimat e^^i^c^c^^m Nr. 12
durch diese politische Rede hindurch. Darum blieben wir bei dem Entschluß uns an den König zu wenden und die Schüler von Cornelius baten mich, die Adresse aufzusetzen. Ich tat es und brächte sie mit ins Kaffee- Haus Fink, wo wir zu Mittag aßen.....
Gestern wohnte ich wieder einmal einer Vorlesung Schellings bei. Schelling stand, ganz ruhig, las sein Manuskript, schnäuzte sich zuweilen, las trocken und langsam, diktierte und wiederholte zuweilen die letzten Worte, was ermüdete. Der Saal war voll, es waren auch solche zugegen, die gar nicht oder doch äußerst wenig deutsch verstehen. Etwa der vierte Teil schrieb nach, mehrere schliefen dabei ein. Als es aus war, war ich wie betäubt. Ich hatte mich angestrengt zu verstehen und die schweren Worte gingen mir wie ein Rad im Kopf herum. Bei Thiersch hatte ich Schelling schon kennen gelernt. Er war sehr artig zu mir gewesen. Als ich mich beim Souper seinem Tische näherte, lud er mich ein neben ihm Platz zu nehmen und er hatte sogar die Artigkeit mir einen Stuhl zu holen....
Heute habe ich endlich Heine gelesen, seine Reisebilder, Lieder, französische Zustände. In den ersteren möchte er für ein tolles Kind gelten, voll Humor mit der lachenden Träne im Wappen. Er ist es zuweilen, aber öfter ist er ein Junge, ein Bursch, hier und da ein Kerl. Was ich nicht an ihm liebe ist seine Un- natürlichkeit und Unwahrheit. In seiner Unterhaltung mit der Natur ist er affektiert. Seine Beschreibung von Trient ist abgeschmackt für jeden, der Italien kennt. Er hat mit einem Strich charakterisieren wollen und hat entstellt, verzerrt. Er ist mehr Deutscher als man sagt, in allem. Unter seinen Liedern sind manche, die äußerst originell sind. Er hebt den Leser in die Höhe und plumps läßt er ihn fallen, doch so, daß derselbe über seinen Fall lacht. Seine französischen Zustände sind gediegener. Mit allen seinen Fehlern und Gebrechen können wir uns dennoch Glück wünschen, einen solchen Schriftsteller zu besitzen. Schule und Umgang haben an ihm verdorben. Der Aufenthalt in Frankreich kann ihm sehr nützen. —
Forts, folgt.
Grabstein des Propstes v. Piesport in der Kirche zu Herolz.
Zeichnung von W. Praefent.
In den mehr als sorgenvollen Tagen haben manche Persönlichkeiten noch ihren besonderen Kummer. Zu diesen gehört der Direktor des Postzeitungsamtes in Berlin. In den Diensträumen des Amtes war folgender Ukas angeschlagen :
Aushang.
Kaiserliches Postzeitungsamt.
Berlin W 9, den 7. Oktober 1918. Obgleich jetzt schon nahezu ein Vierteljahr
vergangen ist, daß Se. Majestät mir den Charakter als Geh. Postrat verliehen hat, scheint dies bei vielen Beamten, namentlich aber bei den Unterbeamten und dem Aushilfspersonal noch nicht durchweg bekannt zu sein. Ich nehme daher hierdurch Veranlassung/die Herren Stellenvorsteher anzuweisen, dem gesamten Personal zu eröffnen, daß im dienstlichen Verkehr mit mir die Anrede: „Herr Geheimrat" zu lauten hat. Krüer.
Na, beide Teile werden sich hinfort gewiß Mühe geben, daß dem mehr als peinlichen Uebelstande abgeholfen wird. Jedenfalls gehört der Herr Geheimrat zu denjenigen Leuten, die den furchtbaren Ernst der Stunde „voll und ganz erfaßt" haben! ? — Daß ein deutscher Mann in einer Zeit, in der das Vaterland um seine Existenz schwer ringt, noch Sinn für Derartiges hat, muß jedem die Schamröte ins Ge ficht treiben.
Mainzer Bürger: Wenn die Franzose absolut des link^ Rheinufer nemme, ärgert mich nur des, daß die Frankforter dann für ihre lumpige 1,40 M. nach Frankreich fahre könne.