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Seite 102 c^i^i^c^^c^t^i^Qjc^^c^ Unsere Heimat ^^^^^c^c^c^c^i^i^c^ Nr. 11

Abendläuten gerettet der Tod schon gerne dem, der es wert ist. Einerlei ob er einen Reichen aus seinem Palaste abruft oder einen armen, alten Türmer aus seinem Wächterstübchen; ob einer mild und lebens- satt ist, oder ob schon „ein Reif fiel in der Früh­lingsnacht." Zwar wird es zumeist leichter gehen mit dem Sterben, wenn einer nicht zuviel dahinten lassen muß. Und natürlich - wenn einer überhaupt dran gedacht hat, daß einmal alles hierbleibt, und keiner sein Geld und seinen schönen Hof, auch nicht die Kunst und Wissenschaft oder seinen stolzen Namen und was man „gute Tage" nennt, je hat durch das dunkle Pförtlein mitnehmen dürfen dann macht der Gedanke an die große Reise ins Ungewisse nicht zuviel Bangigkeit . Aber freilich - besser ist's wenn man es nicht auf eine Fahrt ins Ungewiße ankommen läßt. Lieber soll man sich vorher ein wenig einen Reiseplan machen und zusehen, daß man wisse ,wohin es geht. Das hat ja so ein Türmer leichter als andre Leute. Er ist von Amts- und Be­rufswegen schon immer ein Stück dem Himmel näher als die andern. Er braucht Licht so an der Erde zu kleben. Und wenn sein Auge im Abendsonnen­schein über die weiten Fluren und über die fernen Gebirge streift um die Feierabendstunde, dann geht's ihm des öfteren nach der Weise: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat." Bei solchem Sinnen hebt sich leise die Seele und füllt sich mit Himmels­sehnsucht, und der ganze Mensch nimmt dann immer aufs Neue eine Richtung nach oben. Kommt dann Freund Tod und läutet das Abendglöcklein, so braucht einer nur das Menschenkleid abzulegen, und die Seele ist fertig zur Reise in das Land, da sie schon immer gern hinwollte und für das sie geschaf­fen ist.

Es muß einer Sorge tragen, daß er es alle Tage

einmal so stille habe, wie der Türmer dort in seinem Stübchen. Da soll er nachdenken über sich und das Leben und die Menschen und über Gott. Und das Bibelbuch, das da auf dem Tische liegt, hilft weiter, wenn der Mensch nichts mehr zu sagen und zu denken weiß. Es nimmt dich sachte heraus aus dem Jammer und der Sünde der Welt. Es spricht auch von Dingen, die mehr sind als Arbeit und erlaubte Freuden. Es macht dich, kurz gesagt, reisefertig zu jeder Stunde, sodaß du froh bist, wenn Freund Tod Hereintritt, um dich zur Heimfahrt und zur Vollendung zurufen . Du mußt nur sorgen, daß du auf Erden getan hast, was du konntest, und je­derzeit mit deiner Sache fertig bist. Dann gilt es auf dem Schlachtfelde ebenso wie daheim auf dem

Bette:

Wohl dir, du Kind der Treue,

Du hast und trägst davon

Mit Ruhm und Dankgeschreie

Den Sieg und Ehrenkron.

Gott gibt dir selbst die Palmen

In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen

Dem, der dein Leid gewandt.

M. E.

Dies schöne, nachdenkliche Bild hat uns der Kunstwart- verlag (Georg D. W. Callwey) in München in sehr freund­licher Weise zur Verfügung gestellt. Man kann es groß für ein paar Groschen haben. In der Sammlung „Meister­bilder fürs deutsche Haus" kostet es ganze 30 Pfennige, und es gibt noch eine Erklärung dazu. In der Sammlung „Vorzugsdrucke des Kunstwarts" ist es in herrlicher Aus­führung für etwa 1 Mark zu haben! Ja, ihr lieben Leute, das wäre was für euch! Einen Rahmen drum, aber einen ganz, ganz einfachen ohne jede Verzierung — solch einen schönen und wertvollen Wandschmuck habt ihr selten ge­habt! Und ihr braucht natürlich keine Kriegsgewinnler zu sein, um ihn euch leisten zu können. Geht nuc mit diesem Blatt zu einem Buchhändler — er wird euch schon das gute Bild von München herbeischaffen.

Betrachtungen und Erinnerungen eines 82jährigen im Herbst 1?]8,

aben Frühling und Sommer Blumen und Früchte ge­bracht, so beginnt mit dem Herbst der Rückgang der Natur, das Laubgrün verschwindet, der Sonnenschein wird matter, die Tage nehmen ab, das Kranichvolk zieht nach Süden; die ganze Natur, Tier- und Pflanzenwelt spannt aus, sehnt sich nach Ruhe. So auch der Mensch, hat er des Lebens Frühlings- und Sommertage überschritten. Je mehr er der Jahre zählt, desto einsamer wird es um ihn; Generationen sind vor ihm dahingefahren, und es ist be­greiflich, wenn es ihn hinzieht, wo seine Lieben, feine Ange­hörigen, Freunde und Bekannten in Frieden ruhen, auf den Friedhof, den Gottesacker. Gerade die Herbsttage fordern mit ihren düsteren Nebeln zu einer Einkehr bei sich selbst und zu einem Gedenken an die Entschlafenen auf. Nicht mehr nach Wald und Flur zieht es den Greis, wenn auch die Abnahme der Kräfte kurze Touren noch gestattet, son­dern nach dem stillen Orte des Friedens, hinaus nach den langen Gräberreihen. Er wandert an den Gedenksteinen vorüber, alte Zeiten, alte Bilder, alte Personen tauchen vor ihm auf. Da ruhen Vater und Mutter, Bruder und Schwe­ster, Onkel und Tante und viele, viele Verwandte, Freunde und Bekannte; Hunderte von Namen lassen sich nennen, Leute, die man in Lebensfülle und strotzender Gesundheit ge­kannt hat. Hier schlafen sie bis zu dem Tage, der die Gräber sprengen und sie wach rufen wird. „Warte nur, warte nur, balde schläfst du auch!" Wie Viele schlafen doch schon, die ich gekannt und die euch fremd! Hier nur einige Namen: Pfarrer und Metropolitan Baist, Pfarrer Osius, Pfarrer Kreß, Kreistierarzt Lambert der ältere, Bür­germeister Rollmann, Kantor Jäkel, Rektor Kreß, Rent- meister Weitzel, Dr. Zinkhan, Graf Wittgenstein, Ludwig Vey, Johannes Denhard, Cantor Zinkhan, Dr. Bernstein,

Apotheker Zintgraf, Pfarrer Reuß, Postmeister Köhler, Amt­mann Hartert. Rentmeister Rabe, Heinrich Bolender, Direk­tor Stamm, Nikolaus Leipold, Bürgermeister Hafner, Dr. Spangenberg, Dr. Manns und noch viele andere. Aber wer gedenkt ihrer noch in unserer schnelllebigen Zeit? Die Grä­ber sind verwahrlost, die Gedenksteine zum großen Teil ver­fallen. Leider widmet man in Schlüchtern der Erhaltung und Schmückung der Gräber im Ganzen nicht die liebevolle Pflege wie anderwärts, namentlich in den Großstädten. Auch die Form der Gedenksteine läßt sehr zu wünschen übrtg. Den Christen ziert das Kreuz in seiner einfachsten Form, ohne alle Schnörkel und sonstiges Beiwerk. Die moderne Gräberschmückung hat einen wahrhast heidnischen Charakter, wie das christliche Element überhaupt unsern Friedhöfen täglich mehr entfremdet wird. Man merkt wenig von der pietätvollen Pflege der heiligen Stätte; sie ist vieler­orts, auch in Schlüchtern, arg verwahrlost, die Wege sind verwachsen, Unkraut überwuchert die Grabeinfassungen, viele Grabhügel sind vollständig verschwunden. Der Zustand des alten Friedhofs ist geradezu unbeschreiblich. Da findet sich leider keine Spur von Pietät, die man den Entschlafenen schuldet, und es ist, wenn auch keine gesetzliche, doch eine moralische Pflicht der Behörde, daß sie solchen, das Ansehen der Stadt schädigenden Unwürdigkeiten ein Ende macht. Das Klima in unserm schönen waldumkränzten Tale ist ein über­aus gesundes, und Epidemien konnten selten festen Fuß auf die Dauer fassen. Das letzte große Sterben brachten vor 105 Jahren die Freiheitskriege. Die Franzosen brachten 1812 den Flecktyphus mit aus Rußland. Er durchseuchte ganz Deutschland und wurde eine furchtbare Geißel für alle Gauen, welche die Kriegsfurie 1813 bis in den Sommer 1814 durchtobte. Räch der Schlacht bei Leipzig lagen die