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Nr. 3/4

ß^ll^ß^ß^ß?^ Unsere Heimat ^'ß^^ß^^ß^ß^ßä^ Leite 35

großer leerer Raum. Amtmann, jetzt Amtsrichter, war der Amtmann Kleinhans. Damals gabs noch Prügel bei Gericht, und der Gerichtsdiener Romeiser hatte stets ein Bündel nußheckene Stecken als Vor­rat. Karl Kleinhans war mein Schulfreund, und vom Schreiberzimmer konnten wir immer zusehrn, wenn der alte Romeiser einen Sträfling auf der Bank ab- fertigte. Der Aktuar in Kurhessen ein Jurist Stockhardt war ein kleiner Mann; der Amtmann ging durch den Aktuar. Die Sekretäre hießen damals Schreiber, waren vom Aktuar angenommen und wur­den von diesem bezahlt. Im Ausschußzimmer hielt auch die Musik für die Bürgergarde ihre Proben unter dem alten Zinkhan ab. Er hatte mich gern, und ich durfte dabei sein. Das war wonnig; blies einer falsch, so schimpfte Zinkhan, nannte aber jenen bei seinem Unnamen: Bonäs usw. Keiner muckte dagegen auf. Landrat war ein Herr von Specht, ein bildschöner, schlanker, eleganter Mann, Jungge­selle. Der Kreissekretär, die Vorstufe zum Landrat, war ein Herr von Gehren; er ist vor einigen Jah­ren als Landrat vom Kreis Homberg gestorben. Der Landrat Herr von Specht und der Amtmann Klein- hans waren sich spinnfeind. Eines Tages kam der Amtmann zu meinem Vater:Herr L., ich sage Ihnen Lebewohl, ich bin versetzt. Das ist das Werk meines Freundes, des Herrn von Specht. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, er bleibt auch nicht mehr lange." Und so war es; der Landrat wurde bald darauf auch versetzt. An der Spitze des Forstwesens stand der Oberförster Ellenberger, im Range einem jet­zigen Forstmeister gleich. Die Förster hießen da­mals Forstlauser; die heutigen Oberförster hießen Förster. Außerdem gab es einen Forstjunker, Herrn von Eschwege, ein feiner, junger Mann. Kreisphysikus war Dr. Zinkhan; er war als freiwilliger Jäger mit in Frankreich gewesen und hatte sich gelobt, wenn er glücklich Heimkehre, alle seine Patienten unetgelt- lich zu behandeln, und er hielt Wort. Er war auch ein tüchtiger Tier- namentlich Pferdemaler. Sein Bruder war der frühere Apotheker, spätere Staot- rentmeister Zinkhan. Tierarzt war der alte Lambert, der Vater des verstorbenen Doktor Hermann Lam­bert. Sein Nachfolger war der Tierazt Dr. Schmidt- kunz. Seminardirektor war der ehemalige Pfarrer Stamm, den an Körperlänge weit und breit nie­mand gleich kam; er war ein Schlüchterner Kind. Die Seminarlehrer waren mit Ausnahme des Musik- lehrers Theologen; auch Kantor Zinkhan gab Musik­unterricht. Das Progymnasium unterstand einem Dr. Dietrich, dem Schnäpper; er wurde später Gym­nasiallehrer in Hersfeld. Außerdem unterrichtete Rektor Kreß und einige städtische Lehrer. Die Stadt­schule stand unter dem Seminardirektor; erster Leh­rer war Dr.. Bernstein, ein Original. Von den 4 aufsteigenden Klassen waren in den beiden oberen Klassen die Geschlechter getrennt. Die Stadt hatte, wenn ich nicht irre, 5 Jahrmärkte, von denen der sogenannte Kalte Mark der bedeutendste war. Diese Märkte, denen sich zahlreiche, stark besuchte Viehmärkte anschlossen, glichen kleinen Messen. Aus weiter Ferne kamen Händler und Künstler aller Art mit Dreh­orgeln und Mordgeschichten zum Besuch der Märkte. Die Metzger bereiteten einebesonde-s wohlschmeckende, saftige Wurst, die Knobeline; in vielen Wirtshäu­sern war nachmittags und abends Tanz; oft überall reges Leben. Die Frankfurt-Leipziger Straße brächte

außer dem außerordentlichen lebhaften Treiben häu­fig auch die Durchreise hoher Potentaten. Bei man­chen derselben wurden als ganz besondere Auszeich­nung Ehrenpforten gebaut; sie überquerten die Straße da, wo jetzt das Kaiser Wilhelm-Denkmal steht. Beim Empfang besonders hervorragenoer Persönlichkeiten waren sie inwendig mit Musik be­setzt ; auch wurde mit allen Glocken geläutet. Häufig habe ich den damaligen Kurprinzen von Hessen ge­sehen, außerdem die Thüringer Herzöge und Fürsten, den König Ludwig I. von Bayern, Friedrich Wil­helm IV. von Preußen, Kaiser Nikolaus I. von Ruß­land. Der Kurprinz von Hessen in Uniform mit seinem kurzgeschnittenen Schnurrbart würdigte keinen der alle in großer Gala erschienenen Honoratioren eines Blickes. Kam so ein hoher Herr, so ritt ihm Postmeister Köhler, ein ausgezeichneter Reiter, in großer Uniform bis Neuhof entgegen, meldete sich und setzte sich an die Spitze der Vorreiter. Am Kauz stand auf flinkem Roß ein Beobachtungsposten. Sobald das Viergespann mit dem fürstlichen Gast in Sicht kam, wandte er und sprengte im schnellsten Galopp nach Schlüchtern. Die Glocken fingen an zu läuten; die Herren in Uniform nahmen Stellung, und die Musik spielte die Nationalhymne. Ich habe nie gesehen, daß einer der Herren auch nur ein Wort sprach. ^Einmal ritt der Kreistierarzt Lambert auf seinem Schimmel an den Schlag, machte Honneurs: Hoheit, soll ich vorreiten? Keine Antwort. Aber­mals dieselbe Frage. Keine Antwort. Da wanote Lambert sein Pferd, ritt an die Seite des Post­meisters und dahin sausten nunmehr die 4 Vorreiter. Der König Ludwig I. von Bayern in Zivil hatte nichts Militärisches; er machte einen blasierten Ein­druck. Friedrich Wilhelm IV. trug wie sein Schwager Nikolaus von Rußland die weiße Kürassiermütze. Er war ein beleibter freundlicher Herr mit kurzem Bak- kenbart. Er machte den Eindruck eines wohlhaben­den Privatmannes. Ein schneidiger Herr mit statt­lichem Schnurrbart war Kaiser Nikolaus von Ruß­land, der Urgroßvater des enttronten Zaren. Das Gesicht wie in Stein gemeißelt, würdigte er nie­mand eines Blickes, obwohl alle Glocken läuteten und die anwesenden Herren sich alle tief verbeugten. Auch eine hohe Standesperson wohnte in Schlüchtern, in dem Hause, wo jetzt die Apotheke ist, der Graf von Wittgenstein. Er war in den Freiheitkriegen russischer General gewesen, von seiner Tapferkeit zeugten seine 7 Wunden. Nach dem Kriege nahm er seinen Ab­schied, verheiratete sich mit einer Tochter des Grafen von Degenfeld zu Ramholz und wohnte in Schlüch­tern. Etwas über Mittelgröße, ging er stets in einem hechtgrauen Gehrock mit einem Krückstock. Er hatte 2 Kinder, eine Tochter, die sich früh verheiratete, und einen Sohn, Friedrich, der nach seiner Konfir­mation zu seinem Onkel, dem österreichischen Kriegs­minister Gras Degenfeld ging,' demselben Degenfelo, der 1866 den Frieden mit Preußen abschloß. Graf Wittgenstein trat in voller Uniform bei der Durchreise des Kaisers Nikolaus an den Wagenschlag und ver­neigte sich tief. Der Zar würdigte ihn keines Blicks. Orden und Ehrentitel gab es in Kurhessen nicht. Das Amt machte den Mann und gab den Titel, der mit dem Amte wieder aufhörte. In Schlüchtern war nicht ein einziger Herr, der einen Orden besaß.

So war Schlüchtern vor 70 Jahren. Manches ist seit der Zeit anders geworden; viele der alten, hoch-