Seite 276 SSSSSSSSSAASSKAASAAAMAAA Unsere Heimat €66e666€66€e€€6666€e6€€€ Nr. 34/36
toffeln, Zunge und Zervelatwurst mit Kohl, Plum- pudding, Wildschweinsbraten und Roastbeef mit Lalat, Butter und Käse, Torte. Alle diese Herrlichkeiten kosteten — 3 Mark. Die Weine waren recht gut, und es herrschte bald eine sehr vergnügte Stimmung. Den Kaisertoast krachte Baurat Spangenberg aus. Bei dieser Festlichkeit erschien auch ausnahmsweise der Amtsrichter von Hagen. Einst ein flotter Marburger Student, der auch als Dichter sich hervorgetan hatte, lebte dieser Herr jetzt sehr eingezogen,' im Sommer wanderte er fast jeden Abend mit seiner Frau zum Bahnhof hinauf und setzte sich dort in eine dicht zugewachsene Laube. Doch ich kehre zu dem Festessen zurück: Gegen Abend erschienen die Frauen und Töchter der Festteilnehmer bei Zorn, alsbald zog man in das erste Stockwerk in den großen Saal, und die Feier endete, wohl etwas bei Kaiser-Geburtstagsfeiern sonst nicht Uebliches, mit einem Tanzvergnügen.
Uebrigens fand an demselben Tage in einer anderen Wirtschaft (Roßbach) noch ein zweites Festessen, an dem die „nicht kasinofähigen" Bürger und Beamten teilnahmen, statt.
Rn dem Festessen bei Zorn erschienen allein 5 Forstbeamte. Die Forstleute spielten damals eine große Rolle in Steinau. Die Wälder der Forstbezirke Steinau und Salmünster wurden in jener Zeit neu vermessen, und es waren deshalb zahlreiche Forst- assessoren dorthin kommandiert.
Einmal fand während meines Dortseins ein Kasinoausflug statt- Es war bekannt geworden, daß in Salmünster im „Löwen" ein Faß Kulmbacher Bockbier angekommen sei. Daraufhin fuhren 5 Stei= nauer Herren, denen ich mich anschließen durfte, mit dem Mittagszug nach Salmünster- Zunächst wurde dort ein neu ausgestelltes „Kauwerk" besichtigt, das die Basaltsteine für den Straßenbau zerkleinerte. Dann ging’s in den „Löwen". 35 L. Bockbier wurden vorgefunden. Zu deren Bewältigung wurden die Lalmünsterer Forstleute noch hinzugerufen, und bei gutem warmen Essen wurde das Fäß-
chen bewältigt- Die Stimmung war sehr lustig, und wir erreichten kaum noch den Abendzug nach Steinau.
Für mich allein machte ich an den Sonntagen, soweit die anfangs recht winterliche Witterung es zuließ, Ausflüge in die nähere und weitere Umgegend. Ich wanderte über Ahl nach Salmünster, Soden und auf den Ltolzenberg, über Herolz und vollmerz auf den Steckelberg und über Ramholz und Sannerz zurück, zum Acisbrunnen, über die Schmittmühle nach Ulmbach, über Marborn, Tckiardroth nach Romsthal usw. Oft begleitete ich auch den Gberkontrolleur auf seinen Dienstfahrten nach Lchlüchtern- Das war immer eine gefährliche Lache- Seine beiden Pferde scheuten nämlich sehr leicht und gingen dann durch. Nun lag zwischen Uiederzell und Lchlüchtern ein Schubkarren eines Wegewärters im Straßengraben. Lobald wir uns dem näherten, saßen wir beide rechts und links mit einem Fuß auf dem Trittbrett, um rechtzeitig abzuspringen. Denn vor diesem Schubkarren, den sie für ein sehr gefährliches Ding halten mußten, gingen die Pferde jedesmal durch. Glücklicherweise gelang es dem Kutscher immer, sie wieder in die Hand zu bekommen.
Am 1. 6. 1879 war mein Kommijforium in Stei= nau zu Ende. Ich wurde abgelöst von meinem Kollegen Martini, dem es binnen kurzem gelang, sich in Steinau sehr unbeliebt zu machen. Beim Haupt- steueramte Marburg, zu dem ich zurückkehrte, war wieder meines Bleibens nicht lange. Schon nach 3 Wochen wurde ich zur Gberzolldirektion7) in Kassel zur Prüfung eingezogen, die ich mit dem Prädikate gut bestand. Das verdankte ich zum großen Teil meiner Arbeit in Steinau. Ist mir deshalb schon Steinau in lieber Erinnerung, so ist das noch mehr der Fall im Angedenken an die landschaftliche Schönheit der Umgebung und an die Liebenswürdigkeit, mit der man mir während meines Steinauer Aufenthaltes entgegenkam.
A Damals hieß sie noch Provinzialsteuerdirektion und heute ist es Abteilung 11 der Landesfinanzamts.
Das Dlaufarbenwerk SchwarZenfels von Dr. jur. u. phil. Apel
10. Volkswirtschaftliche Beurteilung.
icht ganz einfach ist es, ein Urteil über die B e - deutung der Schwarzenfelser Vlaufarben- fabrik für die Volkswirtschaft abzu- geben. Man könnte sich ja die Sache damit erleich
tern, daß man die Fabrik lediglich als ein privatwirtschaftliches Unternehmen eines absoluten Fürsten, für seine Rechnung und zu seinem Nutzen, noch dazu unter Mißbrauch des Untertanenverhältnisses betrieben, ausgäbe, für ein Unternehmen, dem somit jeder volkswirtschaftliche Wert abzusprechen sei. Allein das wäre eine recht einseitige Beurteilung der Sache. Einem Unternehmen ist doch nicht aus dem Grunde die volkswirtschaftliche Bedeutung abzusprechen, weil es von einer Privatperson ausgeht, mag diese Person ein Fürst oder ein Handwerker sein. Außerdem war dieser Fürst, der Statthalter und spätere Landgraf Wilhelm IV., ein durchaus wohlwollender Mann, dem nicht nur die Füllung der eignen Tasche, sondern
f Marburg a. d. L. (Fortsetzung)
auch das Wohl seiner Untertanen und die Förderung seines Landes, und wäre es auch nur um des Prestige? willen, am herzen lag. Und wenn er auch zunächst als Statthalter seines Bruders, des Königs von Schweden und regierenden Landgrafen von Hessen, das Schwarzenfelser Werk begründet, gebaut und betrieben hat, so war er doch der demnächstige Landesherr, dessen Vorteil in gewissen Grenzen immer auch dem Lande zugute kam. Waren doch die fürstlichen Privatkassen und die Landeskassen in jenen Tagen des Absolutismus längst nicht so scharf getrennt als in späterer Zeit. vor allem aber ist das Werk von Anfang an, und nicht nur in technischer Beziehung, den Behörden des Landes unterstellt, für alle technischen Fragen der Gberbergdirektion, für die Verwaltung und Finanz der Gberamtkammer. Hat auch gewiß der Fürst für seine Privatschatulle von der auf seine Initiative und auf sein Risiko errichtete Farbenfabrik einen Vorteil gehabt, so ist doch nicht zu