23, Jahrgang
Schlächtern, Oktoder/DeZeMder 1^31
Nr. 34/36
'^»ud) das Bürgertum redet heute nicht mit Unrecht von schweren oder bedroh- z lichen Zeiten. Aber täuschen wir uns nicht: Lazarus liegt vor unserer Türe, von dem aus gesehen unsere Lage wahrhaftig von ferne nicht schwer und bedrohlich ist, Lazarus, der noch so gern mit unseren bürgerlichen Sorgen tauschen würde, was wir doch wohl s umgekehrt im Ernst nicht sagen könnten, Lazarus, der uns zusieht, wie wir uns doch | immer noch recht viel weniger Notwendiges erlauben und leisten dürfen oder erlauben und $ leisten zu dürfen meinen, wo ihm Notwendigeres entgeht, — Lazarus, der unruhige, [ unzufriedene Proletarier von den Straften da | drüben, Lazarus, der Arbeitslose, dem es bei seiner Arbeitslosenversicherung nicht so wohl D geht, wie es von weitem gesehen diesem und H jenem erscheinen mag, Lazarus, der verschämt M und überall lästig bittend von Türe zu Türe schleicht, und Lazarus, der auch dazu zu stolz ist und um so größere Not leidet. G, jetzt nur keine Rechtfertigung und Anklagen! Gott
weiß, was auch gegen Lazarus mit Recht zu sagen ist. Aber es könnte noch zehnmal mehr gegen ihn zu sagen sein, das wüsche der Rhein nicht ab: er ist da, er liegt vor unserer Türe. Wir haben und er hat nicht. Lr ist bedürftig, wo uns Gott geholfen hat. Und jetzt nur nicht die Frage: Ja, was sollen wir denn für ihn tun? Diese Frage, mit der wir uns so oft und gern verteidigen, wenn wir entschlossen sind, nichts zu tun. Es geht hier nicht in erster Linie ums Tun, es geht in erster Linie ums Sehen, ums Wissen, ums Rufgerusensein, ums Wachsein. Siehst du, daß du es besser hast als tausend und tausend andere, und weißt du, daß eben damit jeder einzelne von diesen tausend und tausend anderen, sofern er dir begegnet und auf den Weg gestellt ist, der Mann ist, bei dem nicht weniger und niemand anderes als Gott mit allen seinen Gaben für dich zu finden ist oder du wirst ihn gar nicht finden? Siehst du das? Alles Tun mag dann aus diesem Sehen fließen.
Karl Barth