awM
B ^
Schlüchtern, Juni/Juli 1^31
23. Jahrgang
Nr. 30/3]
Das ^eich und die Kraft
s ist ein Sonntagmorgen im Juli 1931. Draußen lacht die Sonne. Friedevoll liegt das Land da. Eine gute Ernte reift. Rinder spielen. Jugend eilt zum Tanz. Aber viele Einsichtige und Missende gehen wie unter einer schweren Last durch ihre Tage- Volk in Not. Unser eigenes. Ein Hennen auf Banken und Rassen um Spargroschen hat eingesetzt- Diese sind verschlossen. Die großen Zeitungen reden von einem Ziehen des Reiches am Rbgrunb. . . . Wer am tiefsten leidet unter seines Volkes Unglück, braucht sich des Bangens vor Möglichkeiten angesichts solcher Lage nicht zu schämen, wenn auch1 die Leichtsinnigen, Oberflächlichen und „Gesicherten" sich gleichgültig gebärden. In allerlei Gedanken Bedrückter erklingt auf einmal die Stimme eines Predigers im Rundfunk: „Die Reichsregierung mahnt am Schlüsse eines Rufrufes, die Nerven nicht zu verlieren- Und wenn die Weltregierung euch heute morgen sagen läßt: „ RIs ich rief zu dir, hast du mir Mut verliehen: in mein Herz kam Kraft!", so sagt sie genau dasselbe." Nur mit dem Unterschied, daß die oberste Reichsleitung zum Unterschied vor allen ir= dischen Regierungen für alle, die noch auf sie hören, die Ouelle der Kraft angibt. Um Zeelenkraft handelt es sich. Und es ist gut, wenn man in solchen Zeitläuften diese Quelle weiß und im Rüge behält. Wer darauf verzichten kann, der mag’s lassen. Bei
nicht alltäglichem, übermächtigem Geschehen können, wie jener Rufruf ja selbst zugibt, die „Nerven verloren gehen". Darum der Ruf nach' Zeelenkraft, die wir übrigens alltäglich brauchen, um nicht schlechr zu werden und um gütig zu bleiben bei erfahrenem Undank, gelassen gegenüber der Bosheit, geduldig in körperlichen Leiden, vertrauend zwischen Rätseln der Ungerechtigkeit, wahrhaftig im gleißenden Gewölk der Lüge, still bei verkanntwerden und Rnfeinbung, getrost beim eigenen Vergehen. Eine Zeit hat es in der Geschichte unseres lieben Volkes und Vaterlandes gegeben, da riefen viele auch' nach dieser Kraft; denn die Not war riesengroß. Die Lieder Paul Gerhardts sind das Echo darauf. Wir wissen, daß diese Erfahrung vergangener Geschlechter von vielen in die Rumpelkammer zu veraltetem Hausrat geworfen wurde. Doch hat man auch schon in ganz armen Zeiten beiseite Gestelltes wieder hervorgeholt, abgestaubt, blank geputzt und in Gebrauch genommen. Und man hat's nicht bereut- Wir sind auch arm geworden. Es fehlt uns mehr, als bis jetzt gespürt wird. Wir haben keine Verheißung, daß die Lasten, die auf unsrem Leben liegen, ganz entfernt werden. Rber die Kraft zum Tragen ist versprochen. Wer verfügt über sie? In aller Mund ist noch das Wort: „Dein ist die Kraft." Tr schenkt gern.
G. Sig.