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nr. 54/36 ^a»»»^»^»»^»-^ Unsere Ueimat eeeeeeee sse-eeeeeeeeeeeee Seite 275

vor) und damit auch die dadurch entstehende Arbeit. Regelmäßige Runden mit Raus- oder Mietverträgen waren zwei 3 üben, namens Nußbaum, die, wenn ich nicht irre, aus Schlüchtern waren. In Steinau gab es damals keine 3üben. Aber an jedem Morgen kamen israelitische Geschäftsleute aus der Umgegend hergewandert und machten in Steinau ihre Geschäfte, um am Abenb wieder zu verschwinden. Eine besondere Eigentümlichkeit des Steinauer Amtes war die Der= stempelung der Uebergabsverträge. Wennder 3o gemacht", d. h. das Verlöbnis endgültig abgeschlos­sen wurde und der Vater oder Schwiegervater sich bereit erklärte, das Gut zu übergeben und sich auf das Altenteil zu setzen, wurde, meist vorn Schullehrer des Grts, der Uebergabsvertrag aufgesetzt, in dem nicht nur festgesetzt wurde, was den alten Leuten im Auszug an barem Geld (meist sehr wenig ober gar nichts), an Lebensmitteln und sonstigen Bezügen (meist auch im Winter ein $i^ am warmen Ofen in der Wohnstube) zu leisten war, sondern auch die Leistun­gen, die das junge Ehepaar den Schwestern bei der heirat, den Brüdern während des Militärdien­stes zu gewähren hatte. Um derartige Verträge richtig verstempeln zu können, mußte der Beamte eine nicht geringe Kenntnis des geltenden Rechtes besitzen, das noch dazu verschieden war: im althanauischen Teil des Amtsbezirk (Steinau, Lchlüchtern, Schwarzenfels usw.) galt Solmser Landrecht, aber in einer für die Grafschaft Hanau besonders redigierten Fassung, für den altfuldischen Teil (Salmünfter, Ulmbach usw.) galt Fuldaer Recht.

Während meines Steinauer Aufenthaltes began­nen auch die Vorarbeiten für eine steuerliche Einrich­tung, die später ins Leben trat und außer in Steinau nur noch an einem anderen Orte" im Deutschen Reiche vorkam. Iustizrat Scheuch begann nämlich auf seiner Besitzung in Ahl Wermutkraut zu ziehen. Die­ses wurde getrocknet, auf einer besonderen Mühle unter amtlicher Aussicht gemahlen, sodann unter die­ser Aufsicht in Lücke gefüllt und diese amtlich ver­schlossen (mit Bleien). Diese Lücke gingen dann mit besonderen, vom Steueramte in Steinau ausgefer­tigtenBegleitscheinen" in die einzelnen Lalinenorte, wo das Wermutkraut zur Venaturierung des Vieh­salzes verwendet wurde, das dadurch salzsteuerfrei wurde. Zur Vermeidung von Unterschleifen fand die erwähnte amtliche Ueberwachung statt.

Am 1. April mußte ich mit dem Amte in das Schloß, denFürstenbau", umziehen. Früher hatte der Gberkontrolleur im Schlosse Dienstwohnung ge­habt. Altergott gefiel aber die Wohnung, die gar nicht so übel und mit schönen hanauischen Wappen geziert war, aus verschiedenen Gründen nicht, und deshalb setzte er durch, daß sie zur Dienstwohnung des Einnehmers bestimmt wurde. Da letzterer das Amts= lokal gegen eine Entschädigung stellte, mußte ich also auch mit dem Amte umziehen. Bei den wenigen Uten- silien des Amtes war das bald gemacht,' das schwie­rigste war das Anbringen des den preußischen Abler tragenden Amtsschildes an dem Treppenturm-

Einmal während meiner Steinauer Diensttätigkeit hatte ich hohen Besuch. Der Leiter des Hauptsteuer- amts hanau, Steuerrat Winter, kam zur Geschäfts­revision. Er fand natürlich alles in bester Ordnung und lud mich zum Abendessen ein, und zwar zu

Pfannkuchen, die, wie er behauptete, von Frau Zorn in ganz besonderer Güte hergestellt wurden. Ich fand dann diese Behauptung als richtig bestätigt. Der alte Herr erzählte mir dabei sehr interessant aus seiner Jugendzeit als Beamter- Er hatte 3ura studiert, war aber durch einen Gnkel, den Kur- hessischen Finanzminister Meisterlin, veranlaßt wor­den, in die Zollverwaltung einzutreten- Er hatte mehrfach die großen Zollvereinskonferenzen mitge­macht und wußte aus der Gründungszeit des Zollver­eins manches zu berichten, was mir wissenswert war. Mit Wehmut erzählte er auch von dem sog.Rhön- röschen" in Abtsroba, für das er als Iüngling ge­schwärmt hatte. Sie lebte damals noch als alte Frau, hatte ihre Bezeichnung aber schon an eine Iüngere in Rleinsassen abgeben müssen-

In Steinau war damals eine rege Geselligkeit- Die verhältnismäßig zahlreichen Beamten, von denen einige ihren Amtssitz eigentlich in Schlüchtern hatten, aber aus persönlichen Gründen in Steinauwohnten, und die wohlhabenderen Kaufleute vereinigten sich im Rasino, das bei Zorn seine Zusammenkünfte hielt,. Ich war dazu eingeladen, machte aber wenig Ge­brauch davon, weil ich an den Abenben fleißig für meine bevorstehende Prüfung arbeitete. Immerhin bin ich einige Male bei Tanzvergnügungen gewesen- Es gab damals in Steinau eine ganze Anzahl sehr hübscher Mädchen, die schon erwähnte Tochter des Rentmeisters Wagner, die Töchter des Dr. med. Bar- tholmai und verschiedene andere- Die Schönste war jedenfalls die Tochter des Besitzers einer vor der Stadt gelegenen Schneidemühle (der Name ist mir leider entfallen). Sehr nett war das Zusammen­halten "ber Rasinomitglieder, namentlich auch in dem Bestreben, die Töchter zu versorgen. Es zeigte sich allgemein das wohl nicht absichtliche, aber doch un­willkürliche Bestreben, zunächst die älteste heirats­fähige Tochter des Kasinos unter die Haube zu brin­gen, dann erst folgten die jüngeren. Aber es kam manchmal doch ganz anders- Römisch war folgen­der Fall: Es waren in Steinau 2 LauaUfseher. Der eine führte den Titel Oberbauaufseher und war auf diesen Titel hin Mitglied des Kasinos, was seinem Kollegen versagt blieb- Er war aber gar nicht Gber- Bauausseher, sondern Oberbau-Aufseher, und stand in demselben Rang, wie sein Kollege, der Wegebau- Aufseher.

Sehr angenehm in der Erinnerung ist mir die Feier von Raisers Geburtstag (22- 3. 1879). Es fand bei Zorn ein Festessen statt, an dem, wie ich damals mei­nem Vater mitteilte6), 19 Personen teilnahmen, da­runter 15 Beamte. Es war ein buntes Bild, Uni­formen vom dunkelsten bis zum hellsten Blau, da­zwischen die grünen Röcke der Forstbeamten, des Gberkontrolleurs und meiner Person. Der Postver­walter Weinhold zeigte zum erstenmale seine damals neueingeführte, stark an die Marine-Uniform er­innernde Dienstkleidung, die nach wenigen Iahren als unpraktisch wieder abgeschafft wurde. Die Spei­senfolge, die uns Frau Zorn vorsetzte, (ich habe sie damals als Merkwürdigkeit meinem Vater nach Kassel mitgeteilt) war geradezu großartig: Suppe, Rindfleisch mit mehreren Saucen, hecht mit Kar=

6) Der Brief ist noch vorhanden.