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Nr. 30/31 tzH«HSAAS»AASSAG»SSAA»AAS Unsere

Schlucht oberhalb des Hofes Reith, wo wir aus Steinen Burgen bauten und uns im Geiste in das Mittelalter versetzt glaubten. Erinnerlich ist mir noch eine Geschichte, in welcher Heinz Reust die Hauptrolle spielte. Bei schon brüchigem Life hatten wir Pro- gymnasiasten uns noch auf den großen Weiher im Rlostergarten gewagt, und als das Eis dann brach, hatten wir außer Reuß das feste Ufer noch erreicht. Dieser aber war unmittelbar an der Weihermauer so eingesunken, daß es ihm unmöglich war, das Land zu erreichen. Der stärkste von uns, ich glaube es war Lichenberg, legte sich nun am Weiherrande, woReuß sich abmühte, auf den Leib, einige andre legten sich, um Lichenberg halt zu geben, über ihn hin, und nun wurde Reuß ruckweise, wobei sein Kopf unliebsame Bekanntschaft mit der Mauer machte, unter Bei­hilfe von noch andern emporgezogen. Obwohl trie­fend von eisigem Teichwasser, wagte es Heinz doch nicht, zum Umziehen nach Hause zu gehen, sondern ging, so wie er war, mit in den grade beginnenden Nachmittagsunterricht. Bm Interesse Heinzens glaubte ich dazu nicht schweigen zu können und meldete die Sache unserm Ordinarius. Heinz mußte sofort zum Umziehen nach- Hause gehen, hat dort wohl eine Lese oder noch mehr bekommen, kam aber bald wieder in trocknen Kleibern zurück und entging einer Erkäl­tung.

Die auf dem Beisbrunnen nach dem Kriege öfters gefeierten Feste allerlei Brt boten uns Bungen man­cherlei Freudiges. Welchen Stolz empfand ich, als mein Onkel Wilhelm Baist bei dem Weitzel'schen Feste, es war wohl 1873, zu den Erkorenen gehörte, die bei der Prämierung von Feldfrüchten und Tieren als Preisrichter amtierten, in einer Thatst zum Bcisbrun= neu fuhren und dort nach geschehener Preisverteilung mit dem Herrn Bürgermeister Hafner und andern an öffentlicher Tafel speisten.

Freudentage waren für die Schüler die Kram= Märkte und für uns Gbergässer auch noch die Vieh­märkte und die Tage, wo Schneeschmelze oder anhal­tendes Regenwetter den damals noch die Rrämergasse, die Wassergasse und die Untergasse durchfließenden Elmbach groß werden ließ. Bus den Krammärkten, die jährlich einige Mal in der Gbergasse abgehalten wurden, waren es natürlich vor allem die Leckereien, die Spielsachen und die sonstigen kleinen Herrlichkeiten, wie bunte Hosenträger, schöne Federhalter und der­gleichen, welche uns Bungen in die Bugen leuchteten. Ruch der wahre Jakob, der heute ja eine alltägliche Erscheinung auf Messen und Märkten ist, damals aber noch etwas neues war, zog uns sehr an. Wie standen die Bauersleute staunenden Angesichts vor dem einzigartigen Mann, wenn er, immer sich selbst abbietend, für ein Spottgeld, wie es schien, seine Schätze verkaufte, vor dem Kriege war es ein In­valide aus dem Krimkriege, ein Franzose, der, in Fulda wohnend, auf den Märkten als wahrer Jakob umherzog, und nach dem Kriege waren andre an seine Stelle getreten. Ruch die in den mit Wirtschaften versehenen Schlüchterner Metzgereien, besonders an Markttagen, von den Bauersleuten viel begehrten kleinen Würstchen, Rnobelinchen genannt, schienen mir sehr begehrenswert, und zuweilen, aber selten, wurde mir von meiner Tante das Geld für ein solches zugestanden. Von den Viehmärkten, welche auch in

Heimat 6€66€e€€66€e€6€e66€e€€6e Seite 243 der Gbergasse in der Spätwinterszeit stattfanden, wa­ren der erste und wohl auch noch der zweite so stark mit Vieh betrieben, daß es für uns Rinder, die in den anliegenden Häusern wohnten, unmöglich war, durch die Tiere hindurch zur Schule zu gehen. Bn den Morgen solcher Viehmärkte war unser Wohn­zimmer viel von Handelsleuten und Bauern aufge­sucht, welche mit Erlaubnis meines Onkels dort ihre Abrechnungen und Auszahlungen Vornahmen. Nach Räumung der Straße von Vieh war diese dann hoch mit Schmutz bedeckt. Großes Wasser erfreute uns deshalb so sehr, weil an solchen Tagen die auf der rechten Seite der Elmbach wohnenden Rinder, die Rinder aus der Gbergasse, der Schmiedsgasse, der Linsengasse, der Schloßgasse und der rechten Seite der Rrämergasse und der Untergasse das auf der andern Seite liegende Kloster nicht erreichen konnten.

Fast etwas Selbstverständliches war es auch, daß bei den Militäraushebungen, die jedes Jahr im Früh­jahre stattfanden, Schlägereien zwischen den Burschen der verschiedenen Ortschaften vorkamen. Bis die schlimmsten Rampfhähne galten die miteinander ver­feindeten Insassen der benachbarten Dörfer Wallroth und Hintersteinau. In respektvoller Entfernung sahen wir Jungen diesen oft schon in der Stadt beginnenden Rümpfen zu und horchten mit gespannter Aufmerk­samkeit auf die dabei geführten hom-rischen Streitge­spräche. Mit diesen Schlägereien wurde es erst anders, als die Rekruten nicht mehr nach ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Amtsgerichten des Kreises, sondern nach der alphabetischen Reihenfolge der Dörfer vor­geladen wurden, und so viele bisher feindliche Ort­schaften jetzt an zwei verschiedenen Tagen zu erschei­nen hatten. Mit regem Interesse suchten wir bei jedem einzelnen der uns ja sonst meistens unbekann­ten Burschen zu ermitteln, ob er brauchbar befunden worden sei oder nicht, welchem Truppenteil, wo­fern er brauchbar war, man ihn zugeteilt habe, ja welchen Brustumfang man bei ihm festgestellt habe, und die durch ihre Größe, durch schönen Körperbau, durch bedeutenden Brustumfang ihre Genossen über­ragenden Burschen waren unserer Bewunderung sicher. Doch genug hiervon.

Im letzten Jahre meiner Progymnasialzeit in Schlächtern hatte Rektor Dr. Wilh. Gstermann, der später Seminardirektor und Schulrat in Oldenburg und dann Oberschulrat in Berlin war und mit Dr. Wegener zusammen eine seinerzeit viel gebrauchte Pädagogik herausgab, die Leitung der Schule, an der auch Davin durch den Mittelschullehrer Baumgart abgelöst worden war. Das Jahr unter Dstermann war das schönste meiner Schlüchterner Schulzeit. Unser Rlassenzimmer nach Süden gelegen, von Weinranken umrahmt, war traut und freundlich. In ihm wurden 10 Schüler, so viel ich mich erinnere, 5 Untertertianer und 5 Quartaner, unterrichtet. Eine schöne, wohl 100 Bücher umfassende, gut ausgewählte Bibliothek, deren Verwaltung mir anvertraut war, in der Grimms Märchen, die deutschen Volkssagen, Horns und Glaub- rechts Erzählungen, Hofmann und Taspari nicht fehl­ten, stand uns als Lesestoff zur Verfügung. Sie hat mir für mein Leben viel genügt und den Geschmack für gute Volksliteratur in mir geweckt und geför­dert. Gstermann, der auch zugleich im Seminar einige Stunden Unterricht erteilte, war ein wissenschaftlich