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Nr. 30/31 »»aa^aaaaaaBsaaaaa»»» Unsere

kseimat eeeeeeeeeeeeceeee^^^^^^^ Seite 241

Schmiedsgassenecke gelegenen, auf der linken Hinter­backe durch Rufdrückung eines glühend gemachten Eisenstempels gezeichnet und dann sofort zusammenge­koppelt zum verladen und Weitertransport zum Bahnhöfe geschafft oder auch auf dem Marschwege weiter befördert.

Unter Gendarmeriebegleitung wurde in diesen ersten Kriegstagen auch eine große Zigeunerbande, die Bären mit sich führte, wohl um sie von dem Sage nach dem Kriegsschauplätze abzuhalten und die Straßen für marschierende Truppen und durchziehende Bagagewa­gen frei zu machen, durch die Schmiedsgasse und dir KrämergaHe nach der bayerischen Grenze hin abge- schoben. Nach Beendigung des Krieges kam dann dieselbe Bande, wir Jungen erinnerten uns ganz genau einzelner Glieder derselben, wieder von Steinau her durch Schlüchtern gezogen. Die Hände der Leute waren reichlich mit Ringen bedeckt, und wir Jungen waren der Rnsicht, daß diese Ringe auf den Schlacht­feldern geraubt oder sonst im Kriegsgebiet von ihnen gestohlen worden seien.

Sehr bald kam auch das in Fulda liegende Infan­teriebataillon in Kriegsstärke angezogen und ver­brachte eine Nacht in Schlüchtern. Eine Reihe Kriegs­freiwilliger, die zum Teil noch nicht in Uniform wa­ren, vielleicht waren es Leute, die sich zum Sanitäts­dienst gemeldet hatten, waren bei der Truppe oder schlössen sich ihr an. Aus Schlüchtern gingen, wenn ich mich nicht irre, auch ein Sohn unsers Metropoli- tans Reuß und ein Bruder unseres Ordinarius Davin, der auch, wie fein Bruder als Seminarlehrer später früh starb, mit. Unsre beiden Ordinarien Wendel und hrch. Davin waren nicht unter den Kriegsteilneh­mern. Sie waren wohl als unabkömmlich für die Schule erklärt oder als Theologen nicht eingezogen worden. vielleicht waren sie auch — Wendel war sehr kurzsichtig — unbrauchbar zum Militärdienste.

Gar bald kamen die Nachrichten von den ersten Zusammenstößen unserer deutschen Truppen mit dem Feinde. Eine Siegesnachricht reihte sich an die andre. Schulfreie Nachmittage, Umzüge der Jugend brachten die Freude über die Erfolge unseres Heeres zum RusbruA. „Die Wacht am Rhein", „Deutschland, Deutschland über alles", „Sie sollen ihn nicht haben den freien deutschen Rhein", „Hurra, du schönes stol­zes Weib, Hurra, Germania" und andere, vaterlän­dische Lieder waren in aller Mund. vor allem das letztgenannte Lied wurde von den Seminaristen in einer von ihrem Musiklehrer Davin stammenden Ton­setzung bei ihrem täglichen Spaziermarsch durch die Stadt fast regelmäßig gesungen. Scharen von Kindern, Lehrjungen und Burschen durchzogen bis in den Win­ter hinein, vor allem abends, die Lieder bis zum Ueberdruß singend, die Straßen der Stadt. Im herbst und Winter kamen dann, wenn eine freudige Nach­richt einlief, noch Umzüge mit Papierlaternen und Beleuchtung der Häuser mit Kerzen und Dellämp- chen hinzu. Bald nach den ersten Siegesbotschaften durchfuhren auch Züge mit Kriegsgefangenen, leider auch solche mit verwundeten, die Eisenbahnstation Schlüchtern. Selbstverständlich war es da für uns Jungen, daß wir bei solcher Gelegenheit am Bahn­höfe nicht fehlen durften. Da man aber nie genau wußte, an welchem Tage ein solcher Zug ankam, so wurde, um ja nichts zu versäumen, schließlich an

jedem Tage zum Bahnhöfe gelaufen. Nicht selten kam es vor, daß die Rnkunft eines Zugs von der Fama als ganz sicher für den Mittag oder frühen Nachmittag gemeldet war, und er dann um 8 oder 9 Uhr abends noch nicht eingetroffen war, und daß wir infolgedessen den ganzen Nachmittag bis in die Nacht hinein wartend auf dem Bahnhöfe zubrach- ten. Mit einem gewissen Gruseln sahen wir die seit den Kämpfen um Weißenburg als Wilde in Deutsch­land verschrieenen braunen Wüstensöhne, die Turkos, aus den Wagen als Gefangene herausstarren. Gegen Hergabe einer Zigarre oder einer andern Kleinigkeit an die französischen Gefangenen erwarben wir von diesen Käppis, Uniformknöpfe, Rchfeliressen und an­deres, wodurch es uns ermöglicht wurde, bei unsern in dieser Kriegszeit sehr beliebten Soldatenspielen die Uniform des Gegners in etwas darzustellen. Im herbste 1870 kamen dann auch hin und wieder Trupps von Gefangenen, die, von wenigen Land­wehrleuten begleitet, vom Bahnhöfe Schlüchtern ins Rmt Schwarzenfels und weiter als Arbeiter an der gerade im Bau begriffenen Elm-Gemündener Eisen­bahn gebracht wurden. Ruch hier gaben wir Jungen das Geleite, so weit es nur ging. Die Befürchtung, daß diese Gefangenen, die ihrer Wachtmannschaft an Zahl meistens wohl um mehr als das zehnfache über­legen waren, bei diesen Märschen, die nicht selten durch Wald führten, ihre Wächter überwältigen und wohl gar ermorden könnten, wurde von uns oft ausgesprochen, zumal, nachdem eines Tages das Ge­rücht die Stadt durchlief, von einem Zuge mit Ge­fangenen habe ein Wagen auf der Station abgehängt und zum Rücktransport nach Mainz verschlossen wer­den müssen, weil die in ihm befindlichen Gefange­nen einen deutschen Wachtmann auf der Fahrt ermor­det hätten.

Daß bei solcher Ablenkung der Schüler, zumal da auch die Lehrer in bezug auf ihre Vorbereitung und innere Sammlung sicher von den Verhältnissen nicht unbeeinflußt blieben, sich die Leistungen der Schule nicht auf der gewünschten Höhe erhielten, kann nicht Wunder nehmen, viele Tage kamen wir, weil wir zu lange am Bahnhöfe gewesen waren oder sonst­wohin gelaufen waren, gar nicht oder nur mangel­haft vorbereitet, vollständig zerfahren und zerstreut zur Schule. So war es auch wohl bei mir am Morgen des 3. September. Jedenfalls wurde mir, wir waren in der letzten Stunde des Morgenunterrichts, von Herrn Davin eine Strafarbeit zuerkannt, und eine körperliche Strafe sollte mir sofort zuteil werden. Da tat sich die Türe auf. Der Seminardirektor Stamm trat ein und brächte die Nachricht von dem großen Siege bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons und einer 100 000 Mann starken französischen Rrmee. Die Strafe wurde infolgedessen bei mir nicht vollzogen, und die Strafarbeit wurde mir erlassen. Daß auch dieser Tag von Sedan mit einem großen Festzuge von dem Seminar und den Schulen, wie auch mit Böllerschüssen und mit einer Festrede gefeiert wurde, ist selbstverständlich.

, Unvergeßlich ist mir auch, wie gespannt man auf die Einnahme des seit dem 19. Septbr. eingeschlossenen Paris wartete. Seminardirektor Stamm hatte be­schlossen, das Ereignis der Uebergabe von Paris, wenn es eintreten würde, mit einem Kaffee trinken