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Seite 263 ^^^^^^^-^^^>^^s Unsere fjeimnt -Nr. 12

Etwas vom Heimatkunde und feinem wollen.

(Aus dem Jahresbericht.)

Ungefähr 2000 Feldpostbriefe an mich und meine Lebensgemeinschaft, die wert sind, aufbewahrt zu werden, habe ich nun eingehestet. Sie alte zusammen geben einmal ein Kriegsbild gar eigener Art. Sie kamen von deutschen Männern aller Waf­fengattungen, von Offizieren und Mannschaften, von alten Landstürmern und jungen Rekruten, aus Ka­sernen der Heimat, von Etappen, Schützengräben

und Unterständen, von Brüssel, Lille, und aus den Vogesen, aus Warschau und Jerusalem, von Gefan­genen in Asien und Bordeaur, von Wilna und aus dem Hause des Sandwirts im Passeyertal, von U- Bootleuten und Reitern in Mazedonien. Sie ent­halten Berichte über das Neue, was deutsche Bauern­augen in der Fremde schauten mit dem daheim still­machenden Schluß:Es geht mir gut!" Es klin­gen aus diesen Briefen Klagen und Anklagen, Hof­fen und Trotzen, Heldenmut und Sorgensinn, Bit­ten und Dank, tiefster Ernst am hl. Abend und

gottgeschenkter Humor aus nächster Nähe des Todes. Sie geben Bilder von unvergleichlichem Auflammen seelischer Glut und allmählichem Müdewerden, von eisenharter Bauernausdauer und tiefgrabendem Sin­nen werdender Denker über die Rätsel des Lebens, die sich plötzlich zwischen den Massengräbern und Gräbermassen riesengroß vor deutschen Burschen auf- richteten; sie erzählen vom Wegwerfen ererbter Gei­stesgüter und heißem Verlangen nach Wegweisang für die Seele, die sich verlassen glaubt, weil sie im Toben des furchtbaren Tages, der ihr beschützen, die Glocken der Kindheit, die Klänge der Heimat nicht mehr hören kann. Ein Päcklein Briefe habe ich, das hege ich gesondert. Es hat mir am meisten zu schaf­fen gemacht. In ihm liegt ein Brief, der in er­schütternder Weise zum Ausdruck bringt, daß der Schreiber alles Glauben an das Gute in der Welt aufgegeben hat, in einem andern freut sich einer, daß er wohl daheim sein werde, wennmer Träube­ls schneidt"; aber der Brief ist am Tage vor oem Tode geschrieben. Sein Verfasser ist also noch schnel­ler heimgekommen, als er geglaubt. Die Seelen lei­der: auch draußen. Agricola hat recht. Wunder­lich, was alles einen aus solchen Briefen anspringt! Dieser Feldgraue wird halb verrückt durch Ungeziefer, an das er sich schließlich aber auch gewöhnt hat, teuer durch die Sorgen um daheim, denen er nun aber auch längst durch den Marsch ins Land jenseits des Grabes entnommen ist. Auf dem Fetzen Packpapier dort schreibt einer, der nun schon 3 Jahre lang (mit 4 mal 14 Tagen Unterbrechung nur!) durch Not und Tod stapft:Wir sind dieselben wie im

Anfang"'. Es ist aber gar micht wahr; er weiß es nur nicht, wieviel sich in ihm geändert hat, wird es erst fühlen, wenn er wieder dort sein wird, wohin er sich in jeder stillen Stunde da draußen sehnt. Der Inhalt der Feldbriefe, die einem so zufliegen, ist so mannigfaltig wie der Blumenschmuck der Frühlings­flur und das Denken der Menschen, und doch vereinen sie sich alle zu einem großen Zusammenklang in einem: in der Liebe zur Heimat. Wer sie in dem Lichte liest, dem quillt schließlich das Salzwasser aus den Augen. Wenn uns der Weltkrieg ein Gewisses bis jetzt gebracht hat außer Angst, Sorgen, bitterem Mühen und des Ewigen Barmherzigkeit, so ist es neues, herrliches Erwachen 'her Heimatliebe, des Be- wußtwerdens derselben; denn sie schlummert ja in jedem, der von einer deutschen Mutter geboren und nicht entartet ist. In gar vielen schien sie ja vor dem Kriege zu sterben, der Sucht nach der Großstadt zu erliegen. Hei! Was haben unsere Bauern in Polen und Galizien und Rußland für Augen gemachr, als sie sahen, was sie dem bedruckten Papier niemals geglaubt hätten. Ei, dagegen sind ja die Verhält­nisse in deutschen Dörfern das reinste Gold und denen im hochgelobten Frankreich in keiner Weise nachste­hend, wenn einem auch daheim die gebratenen Tauben selbst am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht in Den Mund flogen. In gar manchem ist der Wunsch er­wacht, daheim wieder Schollen zu treten und Fur­chen ziehen zu dürfen lebenslang! Und gar mancher der draußen von der daheim stellenweise hef­tig erörterten Ummodelung alles Bestehenden hört, fragt sich :Ja, war's denn daheim wirklich gar so schlimm vor dem Krieg?" Ich denke aber,