Seite 256 ^t^^^r^^c^r^^^ß^^ Unsere Freimut r^e^i^t^^^^i^i^^^ Nr. it
Dr- Philipp Leonhard Marius Lotich, ein Vorarbeiter in unseren freimatbundhestrebungen, Von Pfarrer E. Freun d-Ramholz.
Fortsetzung.
ie Erziehertätigkeit ließ Lotich auch in Bologna genug Zeit zu seiner eigenen Weiterbildung. Und er scheint sehr fleißig und vielseitig allerlei Studien getrieben zu haben. Bei den Buchhändlern, den Antiquaren, in den Hörsälen der Universität, in den Gemäldegalerien, in den Kirchen mit ihren vielen Kunstschätzen, im Theater war er bald bekannt, aber auch in den vornehmen Gesellschaftskreisen der Stadt und bei ihren Veranstaltungen eine gern gesehene Persönlichkeit.
Seiner Gewohnheit, alles Besondere, was der Tag ihm brächte, schriftlich zu fixieren, oft summarisch, oft bis in's kleinste, blieb er auch hier treu. Leider sind die meisten seiner Aufzeichnungen über seine Erlebnisse beim Fürsten Baciocchi verloren gegangen, aber auch die Bruchstücke, die ich noch besitze, geben ein interessantes Bild. Verschieden wie die Tage und ihre Ereignisse ist der Inhalt der einzelnen Blätter. Wichtiges und Unwichtiges, Erhabenes und Lächerliches, Geschichtliches und Gesellschaftliches findet sich lose aneinander gereiht.
So beschreibt er auf derselben Seite die traurigen sozialen Zustände im damaligen Kirchenstaat, zu dem Bologna gehörte, dann sehr ausführlich, wie er mit seinem Zögling, um ihm einen Spatz zu machen, ein Marionettentheater besucht, und schlietzlich folgt die kurze Notiz, datz er am Abend Paganini, den grotzen Geiger, in einem Konzert im Kasino gehört. Und angeklebt findet sich die gedruckte Einladung : Le Marquis et la Marquise Sampieri prient Monsieur Lotich a lui faire Thonneur de passer la soiree de 24. 8br. chez eux, und auf der leeren Seite der Einladung die genaue Schilderung, wie der Abend bei Sampieri verlief. Fast alle damals lebenden italienischen Berühmtheiten, Künstler, Schauspieler, aber auch die hohen Verwandten des Fürsten, die verschiedenen Napoleoniden, lernte Lotich kennen, und er weitz sie höchst anschaulich zu schildern.
Freitig, den 12. Mai 1824. Gegen Abend fuhren wir der ehemaligen Königin von Holland, der weltberühmten reine Hortense, der Tochter Jo - sephine's, entgegen. Sie kam von Rom. Ihre Begleitung bestand aus ihrem jüngsten Sohn, dem Prinzen Louis Napoleon (dem nachmaligen Kaiser Napoleon III), dessen Hofmeister Herr Lebas, aus einer Gesellschaftsdame, ihrer Kammerfrau und einem bayrischen Kammerherrn. Sie stieg in dem Palaste ihres Bruders Eugene ab. Wir begleiteten sie dahin. Dort unterhielt sich der Fürst eine Zeitlang mit ihr, und da weinte sie fast beständig. Sie ist fast hätzlich. Doch so durfte ich eigentlich nicht sagen angesichts der ganzen Welt, die ihren Liebreiz nicht genug bewundern kann. Man kann aber auch, ohne grade Schönheit zu besitzen, liebenswürdig sein. Und Liebenswürdigkeit verleiht Schönheit, oder leiht sie sich doch nicht selten. Da sie bei ihren von Tränen unterbrochenen Er- gietzungen immer das Sacktuch im Gesicht anwandte, so weitz ich auch nicht zu sagen, ob sie das Weinen verschönte. Minerva, die doch gewitz eine der schön
sten Jungfrauen war, warf die Flöte weg, als sie sich sie blasen sah.
Samstag, den 13. Mai. Die Königin Hortense mit dem Prinzen, Herrn Lebas und dem deutschen Kammerherrn speisten bei uns. Da sie zwischen dem Fürsten und meinem Zögling, und ich neben diesem satz, so wurde ich mehrmals der Huld ihres Gesprächs gewürdigt. Sie war erstaunt, zu vernehmen, oatz ich ein Deutscher sei. „Ich hätte sie für einen Franzosen gehalten" sagte sie. „In jeder Beziehung" harte sie die hohe Gnade hinzuzufügen. Mein Gott! uno ich bilde mir doch immer soviel darauf ein, ein Deutscher zu sein! Nun freilich, einen Abstand mit oem deutschen Exemplar oder Lechantillon, das sie bei sich führte, mochte ich allerdings machen. Der Herr B a- ron schien ein trockener, steifer Geselle zu sein. Die Atmosphäre, die er um sich verbreitete, sei es aus Adelsstolz, sei es von wegen sonst einer Einbildung, war so kalt, datz die Magnetnadel ihre Schwingungen verlor und die Nähe des Eisbärs andeutete. Und da fühlte ich mich, statt angezogen, abgestotzen, und ich weitz nichts mehr über ihn zu sagen, als datz er einen ungeheuren Siegelring trug, auf welchem wahrscheinlich alle „Sechzehn" abgebildet waren.
Herr Lebas beschäftigt sich mit einer Ausgabe der Werke des Kaisers Julian. Sein Zögling, der auch nicht unter die schönen Gestalten gezählt werden kann, wird aber gewitz einmal unter die liebenswürdigen gezählt werden. In seinem Wesen liegt etwas Gewinnendes, das sich geltend macht oder hervorleuch- tet, obgleich er sehr bescheiden und stille ist. Sein Händedruck ist warm, und ein warmer Händedruck ist immer ein Zeichen von Herzlichkeit. Er verfolgt mit den Augen die Unterhaltung, ohne anders Anteil daran zu nehmen. Ob er dabei in seinem Inneren viel davon oder hinzu tut, wer will es wissen? Die Fürstensöhne sind Menschenkinder wie alle anderen, und man tut nicht wohl, sie gleich mit der Gigantenelle zu messen. Mit mir fing er gleich auf deutsch zu sprechen an, und ich habe ihn deshalb in Affektion genommen.
So beschreibt Lotich seine Begegnung mit dem Prinzen Louis Napoleon, dem späteren Kaiser Napoleon III. Die Züge, die den deutschen Erzieher an dem 16jährigen Prinzen so angenehm berührten, hat die Geschichte auch dem Kaiser Napoleon nicht ab- sprechen können.
„Es tut mir leid, datz Hortensia uns morgen schon wieder verlätzt. Wie sehr noch die Napoleon'sche Majestät solche Personen umleuchtet, das sehen wir an dem Wiederschein, der uns davon zu teil wird, in dem Nimbus, den wir davon zu erhalten wähnen.
Am 16. Die Königin Hortense verschwand, uno eine Nichte des Kaisers, eine Tochter seines Bruders Lucian erschien. Sie speiste heute bei uns mit ihrem Gemahl, dem Grafen Bosset und ihrem kleinen Adop- tivsohn. Sie begibt sich nach Rom. Sie hat rein nobles Aussehen, um nicht zu sagen ein gemeines. Der Kleine ist der Sohn eines römischen Bauern. Sie hat ihn adoptiert, weil sie die Hoffnung auf