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Seite 250 ^c^c^c^i^c^c^c^G^c^>c^c^> Unsere fjeimat ^^^^^^ß^r^ß^ß^e^c^ Nr. 11

Er sucht die Heimat

K Bröger erzählt in der „Schwäbischen Tag­wacht" : In einem kleinen Kreise wurde eine

* Geschichte erzählt, der eine Schickung von wahrhaft tragischem Ernst zugrundeliegt.

„In den schrecklichen Anfangskämpfen bei Verdun warf es neben hundert anderen seines Bataillons auch den Sohn eines begüterten Bauern aus einem oberfränkischen Dorfe. Eine schwere Granate platzte dicht bei ihm, und als man den Mann nach Stunden zurücktrug, gab er kaum noch ein Lebenszeichen. Da- bei wies er keine äußere Verletzung auf.

Der bewußtlose Körper wurde in ein Heimatlaza- rett gefahren. Den Aerzten war der Mann ein Rät­sel. Stumm und teilnahmslos lag er in den Kissen, die Augen immer geschlossen, und nur selten durch eine Bewegung andeutend, daß noch Leben in ihm sei. Erst nach Verlauf einer Woche konnte der Arzt feststellen, daß der furchtbare Luftdruck der Granate dem Manne zwei Sinne zerstört hatte. Er war zugleich blind und taub geworden. Die anfängliche Befürchtung, auch die Sprache könnte verloren sein, wurde nach 10 Ta­gen als falsch erwiesen. Der Mann murmelte einige unverständliche Worte, tastete mit den Händen die Bettdecke entlang und fragte mit leiser, bewegter Stimme, wo er sei. Die Schwester streichelte seine Hände und sah hilfslos zum Doktor auf, der mit ge­furchter Stirn dabei stand.

Es gab keine Verständigung. Fast jede Stunde wie­derholte der Mann seine Frage, und immer lauschte er mit angestrengter Miene nach der Seite, von wo er den Hauch eines menschlichen Atems im Gesicht spürte. Dann sank er wieder in die Kissen zurück uno hielt das Gesicht starr zu der Zimmerdecke gerichtet.

Das ging zwei Monate lang einen Tag wie den andern. Das körperliche Befinden des Mannes war ausgezeichnet. Ein innerlich kerngesunder Mensch, aß und trank er, was ihm gereicht wurde, und dankte manchmal mit unbeholfenen Worten. Er war ein guter Patient, leicht zu behandeln; nur wenn er fragte, wo er sei und keine Antwort vernahm, schwol­len ihm die Stirnadern, und ein gereizter Ton schrillte in seiner Stimme.

Man überwies ihn zur Behandlung einer Univer - sitätsklinik. Der Lazarettarzt glaubte fest an eine ner­vöse Störung, die sich eines Tages plötzlich beheben würe. Vielleicht konnte dieser Tag durch Behandlung mit Spezialinstrumenten beschleunigt werden.

Die Reise in die neue Heilstätte vollzog sich glatt. Der blinde und taube Mann spürte wohl, daß er den Ort wechsle; aber alle Fragen, wo er denn sei, waren umsonst.

Der Fall erwies sich als hartnäckig. Nach orei Monaten Behandlung war noch keine Aenderung des Zustandes zu merken. Der Mann hörte nicht und sah nicht, er fragte nun auch nicht mehr, wo er sei. Dafür bat er jeden Tag : „Ich möcht' halt heim !" Stunden­lang sprach er diese Bitte vor sich hin, im Schlafe schrie er sie flehend hinaus, so daß der Professor eines Morgens beschloß, den Vater des Mannes kommen zu lassen. Vielleicht bewirkte die Freude der Begegnung, was die Instrumente der Wissenschaft nicht vermocht hatten.

Vier Tage später stand der Vater im Empfangs­raum der Klinik. Der Professor legte ihm in schonen­den Worten den Fall seines Sohnes klar, sprach u’.ch

von dem günstigen Einfluß, den er sich von oer Begegnung erhoffte, und ermähnte den Bauersmann, beherrscht zu bleiben. Nur ein leichtes Zucken lief über das harte Gesicht des Vaters, als er das erschüt­ternde Schicksal seines Sohnes vernommen hatte. Seine dunkelsten Ahnungen waren übertroffen.

Die Begegnung verlief ohne jedes Ergebnis. Der Sohn spürte wohl, daß jemand an seine Seite trat; aber keine Stimme der Natur sagte ihm, daß es der Vater sei. Er murmelte nur immer: „Ich möcht' halt heim! Heim möcht' ich halt!"

Der Professor nahm den Vater auf die Seite und fragte, ob er bereit sei, den Sohn heimzunehmen. Ein wortloses Kopfnicken war die Antwort. Der Va­ter müßte aber sofort telegraphieren, wenn sich auch nur ein leiser Schimmer des Gesichts oder des Gehörs melde. Wieder ein stummes Kopfnicken . . .

In später Nacht fuhr der Bauer mit seinem blinden und tauben Sohne nach der Heimat. Ein Pfleger be­gleitete sie. Sie saßen still nebeneinander, den Blin­den zwischen sich. Und auch da flehte der Sohn von Zeit zu Zeit: „Ich möcht' halt heim!"

Fünf Wochen ist der Mann schon im väterlichen Hause. Er weiß es noch nicht. Wer soll ihm auch sagen, wo er ist? Er sitzt zwischen Vater und Mutter, aber er sieht sie nicht und kann auch nicht hören, was sie sprechen. Wohl sind bei ihm Tast- und Geruchsinn schon wunderbar entwickelt. Daß er sich nicht mehr im Lazarett befindet, ist ihm aufgegangen. Daß er aber daheim ist, ahnt er nicht. Darum bittet er oft, wenn die Eltern seine Hände halten, flehentlich: „Ich möcht' halt heim! Heim möcht ich!"

Geht der Vater durch das Dorf, so ziehen alle tief den Hut, die ihm begegnen. Die einfachen Gemüter seiner Dorfgenossen empfinden ehrfürchtig die Schauer des außerordentlichen Schicksals, das feine hohe Ge­stalt umwittert. Man wagt nicht, ihm Trost zuzu- sprechen.

Die letzten Tage ist dem Vater ein Einfall gekom­men, wie er vielleicht doch dem blinden und tauben Buben die Heimat nahebringen kann, die er so sehn­süchtig sucht und die ihn doch schon besitzt. Er führt ihn durch das ganze Haus. In den Viehstall, in die Scheuern, auf die Wiesen und Felder hinaus, immer hoffend, ein jäher Blitz der Erkenntnis möchte in das Dunkel zünden. Nichts, nichts erinnert bisher oen Blinden an Erlebtes.

So geht in einem einsamen, weltverlorenen Dorf Oberfrankens ein junger Mensch durch die Welt, mit allen Fibern des Herzens die Heimat suchend, ein Mensch, der in der Heimat ist, es aber nicht weiß.."

Wie klein wird gegenüber solchem Los, was wir anderen an täglichen Sorgen und Leiden in dieser Zeit zu tragen haben !

Anmerkung des Schriftleiters von „Unsere Hei­mat" :

Soweit die „Geschichte". Wer sie bis zu Endn gelesen hat, ist sicher im innersten Herzen berührt von oem Los des Unglücklichen, das uns schlimmer erscheinen will als Umnachtung des Geistes oder der Tod. So ist es auch mir ergangen. Je länger ich aber über das Erzählte nachsann, desto unwahrscheinlicher erschien sie mir. Sollten durch den Verlust zweier Sinne wirk­lich auch die anderen Sinne, insbesondere das Gefühl (Tastsinn), derart ausgeschaltet werden, daß selbst die