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Beruf. „Sie müssen es so und so machen" sagte man mir hier.
Ich habe schon viel über Erziehung gelesen. Allein ich habe noch immer gefunden, daß mit einer vorgefaßten Methode wenig getan ist. Regeln muß man sich ja wohl machen, gleichwie der Staatsminister dem Gesandten seines Hofs Verhaltungsbefehle mit- teilt. Wie jedoch dieser nur sein (Berieten nach den Ergebnissen, nach den Vorfällen einzurichten hat, so muß der Erzieher immer aus der Art und Weise, wie sein Zögling sich anläßt, die Art und Weise, ihn zu dressieren, schöpfen. Es ist gleichsam ein Zwiegespräch, und da läßt sich weder die Frage noch die Antwort im voraus formulieren.
Der Palast, darin wir in Bologna wohnen, wird bald unter die Sehenswürdigkeiten nicht nur Bolognas, sondern Italiens gezählt werden können. Noch täglich wird an seiner Ausschmückung gearbeitet. Imponierend ist das Ceremoniell der fürstlichen Tafel. Der Koch, der in den untersten Räumen waltet, ist Koch bei dem Kaiser Napoleon gewesen, und was er zu Tisch befördert, sieht auch danach aus und schmeckt danach. Drei Tische werden gehalten. Am ersten sitzt der Fürst, zu seiner Rechten Prinz Fritz, neben diesem ich. Zur Linken Herr Lebon, Madame Gade- lia und der maestro di musica Calandrelli. Gegenüber die Prinzessin Napoleons mit dem Neffen des Fürsten, ihrer Hofdame Mademoiselle Laure, dem Zeichenmeister Hofer aus Graz und dem Hauspriester Don Pedrini. Hinter dem Fürsten steht als Servierender der Haushofmeister und der Kammerdiener im schwarzen Frack, hinter Herr Lebon dessen Kammerdiener, hinter dem Prinzen und mir und hinter der Prinzessin ebenfalls je ein Diener in Livree (grüner Rock, rote Weste). Die Speisengänge werden erst aufgetragen, wie sie aus der Küche kommen, dann auf einen Nebentisch gebracht, wo der Kammerdiener sie in Portionen zerlegt. Zweimal in der Woche ist großes Diner, zu dem die angesehensten Personen Bolognas als Gäste erscheinen. Der Kardinallegat, der Kardinal-Erzbischof, der Garnison- Kommandant, die Markesen Conti, Pepoli, Graf Ramponi, Bianchetti sind sehr häufig Gäste des Fürsten. Die Kollazione, in Kaffee mit Milch und Weißbrot bestehend, nehmen wir jeder auf seinem Zimmer. Gegen Mittag dejeuner ä la fourchette: gwei Fleischspeisen, Trauben, Obst mit gewöhnlichem Tischwein. Das Diner findet um 4 oder 6 Uhr, je nach der Jahreszeit statt. Bei jedem Couvert steht eine Karaffe mit Wasser und eine mit Wein. Die feinen Weine werden in kleinen Gläsern gereicht. Auch das gewöhnliche Service ist aus gediegenem Silber. Die Argen- terie ist ein Hauptstück des Inventars und repräsentiert ein großes Kapital.
Wenige Wochen nach dem Eintritt Lotichs bei Ba- ciocchi wurde im fürstlichen Hause eine große Hochzeit gefeiert. „Die Schwester meines Zöglings, Princessin Napoleone, wird sich verheiraten. Ihr Bräutigam ist der Graf Filippo Camerata. Er ward bisher bei den patres erzogen und tritt in die Welt ein, um gleich einer ihm ziemlich Unbekannten die Hand zu reichen, mit welcher er sich auf immer verbinden soll. Die Großen sind übereingekommen, sich das Leben so sauer wie möglich zu machen. Napoleons spricht von ihrer Verehelichung noch nicht einmal wie von einem neuen Wagen, den sie sich machen lassen würde. Da ist kein Lenz, wo Amor und Amoretten herumflie
gen, wo Nachtigallen girren, und jenes züchtige, ah - nugsvolle Erröten auftritt, und Seufzer der Lust und des Wehs sich heimlich losringen. Da steht Hymen in der Tür wie ein sonderbarer Bursch mit einem Kranz auf, woran die Blumen keine neugepflückten, duftenden sind, sondern künstlich gebackene, die schon tausendmal bei ähnlichen Gelegenheiten gebraucht worden sind. Sie freut sich, aus dem väterlichen Hause zu kommen, wo sie eine untergeordnete Rolle spielte, und ihr oft durch den Sinn gefahren wurde. Und der Fürst beeilt sich, sie los zu werden. Darum hat er auch nicht lange gewählt und überlegt. Er hatte mit ihr zu kämpfen, um sie in Schranken zu halten. Ihr Trotz, ihr Ungestüm, ihre Launen genierten, wie sehr man sie auch daran gewöhnt hatte, Ordre zu parieren. Wie sie eigentlich im Grunde ist, ist schwer zu sagen. Ihre Schrift enthält mitunter schöne Striche, erfreuliche Züge unter vielen Schnörkeln und Verstößen, aber auf einmal macht sie Klere darunter. Herr Lebon hat gar keine gute Meinung von ihr. Und wenn einmal etwas Gutes an ihr hervortritt, dann hält er es für Berechnung, Verstellung, für die zurückgezogenen Krallen an den Schmeichelpsoten einer falschen Katze. Er unterließ nicht, mich vor ihr zu warnen. Und wenn ich ihm eine Aeußerung oder Handlung von ihr anzuführen Gelegenheit hatte, die seiner Charakteristik widersprach, so unterließ er nie, solche in ein anderes Licht zü stellen, und wenn ich dann Zweifel aussprach, mir durch ein Belegchen, wobei er meine Persönlichkeit ins Spiel zog und meine Empfindlichkeit zu reizen suchte, sein Urteil zutreffender zu machen. „Sie halten sie für so und so", pflegte er dann zu sagen, „da sind Sie aber auf dem Irrweg, damit steht ganz im Widerspruch, was sie hinter Ihnen her zu sagen sich befleißigt." Obgleich ich nun den Macchiaoell durchschaute, so erreichte er dennoch in mancher Beziehung seinen Zweck, denn ich berührte die Princeß immer nur wie mit der Feuerzange, wie man eine glühende Kohle anfaßt. Ohne Herrn Lebon wäre mein Verhältnis zu ihr vielleicht ein viel freundlicheres gewesen. Sie unterhielt sich gern mit mir, pe nahm an unseren Ausfahrten teil, sie ließ sich von mir im Neugriechischen unterrichten, sie suchte immer wieder Beleidigungen, Heftigkeiten u. dergl. gutzumachen. Sie hielt auch etwas aus mein Urteil. Und, wie gesagt, wären die Ausleger nicht gewesen, die 70 Interpreten, so würde ich es für reinen Wein gehalten haben. Dem mag nun sein wie ihm will, da jedermann im Hause froh darüber ist, daß sie geht, so bin ich es auch. Sie würde schön sein, wenn sie nicht so dick und mastig wäre und mehr Tournüre und einigen Liebreiz hätte. Sie hat sehr schöne Augen und von dem Napoleonischen Gesichte das, was dieses Schönes hat. Sie hat vielerlei gelernt und lernen müssen. Sie spricht geläufig französisch, italienisch, englisch und deutsch. Sie spielt Klavier, zeichnet, allein mechanisch, ohne Gefühl und Verständnis. Ihr Lieblingsstudium ist die Geschichte des Kaisers, ihres Oheims, und ihr Lieblingsbuch der Moniteur. Wäre sie eine Bauerndirne, man würde auch dann noch an ihren Manieren, ihrem Ton aus- zusetzen haben.
Gestern (24. November 1824) war der Braut zu Ehren glänzender Ball. Unser Palast war wahrhaft magisch erleuchtet. Vorgestern großes Diner. Heute früh fuhren wir in den erzbischöflichen Palast, wo die