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Nr. 7/8
Franzosen und deren süddeutschen Verbündeten heimgesucht. Von dem Leben und Treiben, wie es da mals in unserm Städtchen herrschte, ist uns noch ein anschauliches Bild erhalten geblieben in den Gedich - ten von J. H. Hadermann. Er war Rektor am Gymnasium zu Schlüchtern. Seine lateinischen Elegien und seine Rede, die er anläßlich des Frieoens- schlusses am 29. März 1763 in der Aula gehalten hat, wurden nebst einigen lateinischen Gedichten seines Sohnes J. Leonhardt nach seinem Tode von seinen Kindern herausgegeben. (Hanau a. M. 1789). Aus diesem Buche erfahren wir über jene Zeit folgendes :
Im Sommer 1757 bekommt Schlüchtern die ersten Franzosen zu sehen. Nach der Besetzung von Hanau marschiert eine französische Armee auf der großen Heeresstraße nach Thüringen, dem Preußenkönig entge - gen. Soldatenlieder und Spottverse auf diesen singend, ziehen die Truppen durch unsere Stadt. Siegesbewußt und stolz auf ihre Erfolge, machen sie sich lustig über die verängsteten Schlüchterner Bürger, die vor ihren Türen stehen und mit verhal - tenem Grimm das gut ausgerüstete Heer der Feinde bewundern. Mit Sorgen sehen die Leute der Zukunft entgegen. Ihre Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Krieges ist gering. Der Landgraf flüchtet sich vor den Franzosen nach Hamburg, und so ist das Land recht- und wehrlos den Händen der Feinde ausgeliefert. Die Franzosen requirieren große Mengen Getreide und speichern es im Kloster auf. Doch zum Glück ist die Ernte gut ausgefallen, und trotz des Krieges und der Requisitionen ist das Brot noch billiger als im letzten Friedensjahre, in dem der Getreidepreis infolge von Mißernten ungeheuer gestie - gen war. Besonders günstig kommt der milde Spätherbst. Roch bis in die letzten Novembertage wird das Vieh auf die Weide getrieben. Da trifft in Schlüchtern eine frohe Nachricht ein. Man erzählt, der alte Fritz habe bei Roßbach eine große Schlacht gewonnen. Und wirklich, am 25. November kommen die Franzosen zurück. Es ist ein trüber Spätherbst- tag ; es regnet ununterbrochen. Mißmutig und still schleichen die geschlagenen Regimenter durch die Stadt. Die Pferde sind matt, und oft bleiben die Wagen in den aufgeweichten Wegen stecken. Nur noch wenige Geschütze führen die Franzosen mit sich, und mancher Soldat hat kein Gewehr und keinen Tornister mehr. Mit heimlicher Freude beobachten die Bürger den Rückzug des Feindes, und groß ist der Jubel, als endlich der letzte Franzose aus der Stadt verschwunden ist und Recht und Ordnung wiederkehren.
Von den beiden folgenden Jahren, 1758 und 1759, berichtet uns der Verfasser der Gedichte nur wenig. Er erzählt nur, daß die Franzosen bald wieder in Schlüchtern einrücken, und die Stadt schwer unter den ständigen Kontributionen und Requisitionen zu leiden hat. Den ganzen Winter 1758—1759 über bleiben die Franzosen in der Stadt, und im Frühjahr 1759 sieht Schlüchtern zum ersten Male befreundete Truppen in seinen Mauern. Es sind schwarze Hu- aren als Vorhut, denen Ferdinand von Braun - chweig mit dem Gros folgt. Doch nach dem Gefecht bei Bergen muß diese Armee bis an die Weser zurück- weichen, und Schlüchtern kommt wieder in die H ind der Feinde, dieses Mal der Württemberger.
Eingehender berichtet uns der Verfasser der Gedichte über die Ereignisse im Jahre 1760. Am 6.
Januar dieses Jahres rückt ein französisches Regi - ment, 3000 Mann stark, in die Stadt ein und bezieht Quartier im Kloster. Hadermann geht zum Kommandanten und bittet ihn, die Schule zu schonen und die Truppen über die ganze Stadt zu verteilen. Doch er erreicht nichts. Der französische Offizier erklärt ihm, der Sicherheit halber müsse das Regiment zusammen - bleiben. Rasch richten sich die Franzosen ein. Holz wird gefällt, Schanzen werden errichtet. An oen Stadttoren stehen Tag und Nacht Posten. Aus dem Refektorium des Klosters bereiten sich die Soldaten ein behagliches Quartier. Sie schlagen Nägel in die Wand und hängen daran, schön ausgerichtet, chre Waffen. An der einen Seite bereiten sie aus Stroh ihr Lager . Dann wird Alkohol in jeder Form herbeigeholt, und es beginnt eine wüste Zecherei. Die einen singen zotige Lieder, die andern tanzen. Einer verkleidet sich, besteigt das Katheder und macht unflätige Witze. Seine Kameraden umdrängen ihn, und schallendes Gelächter belohnt den Redner. Bis tief in die Nacht hinein wird gezecht. Da geraten die Soldaten unter sich in Zänkereien, und das Gelage nimmt ein blutiges Ende. Es ist überhaupt vorbei mit der früheren Stille. Im Klosterhof sitzen die Franzosen um ihre Lagerfeuer und kochen ab. Meldereiter kommen und reiten wieder. Trom- petensignale ertönen in dem stillen Kinzigtale. Doch nicht lange bleiben die Franzosen im Kloster. Bald werden sie auf die ganze Stadt verteilt. Zwischen den Bürgern und den einquartierten Feinden bildet sich allmählich ein ganz gutes Verhältnis. Der Kommandant freundet sich mit dem Rektor an und besucht ihn allabendlich in seinem Heim.
Da stirbt am 1. Februar 1760 der Landgraf von Hessen, Wilhelm 8. Aber Schlüchtern wagt nicht, öffentlich den Tod des Landesherrn zu betrauern. Man fürchtet, es mit den einquartierten Feinden zu verderben und spricht deshalb nur heimlich über das Unglück des Landes, das noch größer wird durch, ein erneutes Vordringen der Franzosen. Doch bald tritt ein Umschwung ein. Am 15. März eilt ein französischer Trompeter durch die Straßen Schlüchterns und bläst Alarm. Die Soldaten treten an und erhalten den Befehl: „Sämtliche Leiter- und Kastenwagen aus Schlüchtern und den benachbarten Dörfern sind sofort zu requirieren und in Schlüchtern bereitzustellen !" Die Bürger glauben, der Feind wolle ab- ziehen, vorher aber die Stadt plündern und oie Schätze auf den Wagen mit fortführen. Darüber große Bestürzung und Angst unter den Einwohnern, und hastig vergraben und verbergen die Leute ihr Wertvollstes. Doch bei Sonnenuntergang besucht der Kommandant, ganz wie er es sonst zu tun pflegte, den Rektor. Auf die Frage, was wohl das Requirieren der Wagen und überhaupt die ganze Unruhe zu bedeuten habe, erzählt er ganz offenherzig: „Der Feind ist im Anmarsch. Eine starke Abteilung rückt von Norden her in Franken ein, und ein schwächeres Detachement Hessen kommt aus dem Vogelsberg und ist nicht mehr weit von hier. 3000 Mann sind ihnen entgegengerückt, aber zu schwach, um sich längere Zeit zu halten, und werden sich hierher zurückziehen." Noch lange unterhält er sich mit dem Rektor und betont, wie ungern er Schlüchtern, das schöne Quartier, verlasse, wo er und seine Soldaten sich so hübsch eingelebt hätten. Die Franzosen liegen die Nach: über in höchster Alarmbereitschaft. Doch auch tue