Seite 200 ^^^^^^^^^Q->^^ Unsere Heimat ^L^^^^^^L^^^c^^ Nr. 5/6
schließen, daß Moligers nicht zu den öltest e n S i e de l u n g e n g e h ö r t, deren Namen aussagen von den Gegenden, in denen sich die Ansiedeler bewegten, oder von dem Boden, aus dem sie sich niederließen ,und der Oertlichkeit ,wo sie ihre Wohnungen, errichteten, sondern zu den Heimwesen, deren Namen Kunde geben von der Wirtschaft der alten Siedeler und der Art und Weise der Siedelung selbst, also zu den Wohnstätten mit Namen auf-Haus (-hausen), -Hof (-Höfen), -dorf pp. Diese Siede- lungen gehören aber vorwiegend der zweiten Sieve- lungsperiode zwischen 500 und 800 bezw. 900 n. Chr. an. Damals war die Siedelung gerade im Maingebiete und in unserer Heimat sehr rege 21). Ja die ganze Ostgrenze des Frankenreiches von der holsteinischen Ostseeküste bis zu den Alpen wird begleitet von einem kaum unterbrochenen, etwa 50 Km. breiten Streifen, auf dem die Namen mit - dorf sehr viel dichter gesät sind als in den westwärts gelegenen Gegenden. Namentlich im östlichen Thüringen und im benachbarten bayerischen Frankenlande häufen sich die - dorf -Namen auffallend. Es ist dies ein deutliches Zeichen einer planmäßigen Erenzbesiedelung, die gleiche nach 531 begonnen haben muß und sich dann über die folgenden Jahrhunderte hin erstreckte 22). Ich kann deshalb aud} der anderen „Vermutung»" des Herrn Pfarrer Ehringhaus 23) nicht zustimmen, daß das Dorf Mottgers auf ein sehr hohes Alter zurückblicke. Er glaubt dies aus oem dem Umstände schließen zu können, daß sich, wie er sagt, in „unmittelbarer Nähe des heutigen Dorfes aller Wahrscheinlichkeit nach eine alt-germanische Wohn-und Gerichtsstätte" befunden habe. Es mag dahingestellt bleiben, ob die vermeintliche „altgermanische Wohn- und Gerichtsstätte" wirklich vorhanden gewesen ist. Ich persönlich stehe der landläufigen Annahme von „altgermanischen" Eerichts- oder Malstätten bei den Ortschaften unserer Heimat sehr skeptisch gegenüber, weil bei uns, also südliche des Mitteldeutschen Hauptgebirgskammes oder wie ihn die Römer nannten, des Hercynischen Waldes (Hercynia silva), noch bis zu Cäsars Zeiten gar keine Urgermanen gewohnt haben, sondern erst später Ko- lonialgermanen eingewandert sind 24). Auch soll sich die Malstätte der dortigen Gegend nach Landau 25) nicht bei Mottgers, sondern etwa 5 Km. (in Luftlinie) nördlich davon aus der „Hohen First" befunden haben. Nach Wolff 26) lag sie ebenfalls „oberhalb Mottgers, nach Westen, Schwarzenfels gerave gegenüber . . auf der Steinfirst, dem südlichsten Ausläufer der Breiten First, der Wasserscheide zwischen Sinn (Saale) und Kinzig". Ferner haben in dem Weistume vom 6. August 145 3 27) die Schöffen „alle eyntrechtlichen vnd vngetzzweyet zcu Rechte uß- gesprochen vnd gewyset mit gemeinen erteile, das die grauen zcu hannawe . . . soliche geriete uff der Breydenfyrste halten, die da mytten In dem gerichte Swartzenselß gelegen vnd von alder auch daselbst gehalden wurden sye."
lexikon pp", Bd. II, S. 453/54.
21) Vergl. Hoops, a. a. O., Bd. I, S. 427.
22) Ebenda.
23) „Unsere Heimat", 1. Sonderausgabe 1911: „Bilder aus der Geschichte von Mottgers".
M) Vergl. Kauffmann, Fr., „Deutsche Altertumskunde", 1, München 1913, S. 283-292.
25) „Die hessischen Ritterburgen nnd ihre Besitzer", Cassel 1839, S. 298.
26) „Gericht Schwarzenfels pp", S. 75.
”) Ebenda, S. 103-105.
Bestärkt werden wir in der Annahme, daß Mottgers nicht zu den ältesten Siedelungen zu zählen ist, sodann noch durchs eine nähere Betrachtung des Bestimmungswortes. Dieses ist der ahd. Personenname 01 o k a r, der in verschiedener Form und Schreibung auftritt, so z. B. als Otakar, Otacar, Otachar, Ota- ker pp. und eine Kurzform von Audovacar bildet28). Auch dieser Name ist ein Compositum. Das Grundwort lautet - vakar und das Bestimmungswort a u d o -. Das Grundwort - vakar, ahd. wackar, wahhar, mhd. wacker, wacher - wach, munter, wacker (vigil, vigilis), ist eine alte Ableitung aus der germ. Wurzel w a k - rege, rührig fein29). Das Bestimmungswort audo -, auda-, altn. aud, aud- hr., alts. ob, ahd. öt bedeutet „Gut, Habe, Besitz, Reichtum 30). Audovacar, Otakar dürfte demnach der Kräftige, Regsame, Muntere, Wackere im Besitze oder kurz: der Reiche bedeuten und Otokares - dorf als „Dorf des Otokar" zu fassen sein.
Abgesehen von den beiden Trägern dieses Namens, die jedes Schulkind aus dem Geschichtsunterrichte kennt 31), ist der Name Otokar oder Otgar in Der fränkischen Zeit wiederholt bezeugt. So kommt er in d er altsächsischen Form Dbg er in einem H eb e - register der Abtei Werden a. d. Ruhr aus dem 9. Jahrhundert vor 32). Unter Ludwig dem Frommen lebte ein Erzbischof von Mainz namens Otgar oder Otocar bezw. Otacar 33). Um 850 wird ein Otacar in Preungesheim und ein ebensolcher in Clingen erwähnt 34). Zur Zeit Ludwigs des Deutschen kommt ein Bischof Otgar von Eichstädt vor 35). In dem Tauschvertrage,den Graf Stephan mit dem Stifte Fulda über die Mark Salza abschloß (Tribur 900), werden zwei Zeugen namens Otacar aufgeführt 36), Abt Haicho von Fulda (916—923) brächte das Gericht Wegfurt, das der Abtei abhanden gekommen war durchs Tausch! von seinem Inhaber Otgar, einem reichen Manne aus edlem Geschlechte ,wieder in fuldischen Besitz 37). Auch unter den Namen der Verwandten und Geschlechtsgenossen in den Urkunden des Klosters Fulda erscheint der Name Odagar, Oda- crus, Otger pp. wiederholt. 38).
2S) Förstemann, a. a. O., Spalte 201—203.
”) Ebenda, Spalte 1489. Kluge, a. a. O., S. 393.
30) Wackernagel, W., „Altdeutsches Handwörterbuch", 5. Aufl., Bafel 1878, S. 225. — Um Reichtum und Besitz zu bezeichnen, bedienten sich unsere Vorfahren eigentlich zweier nahverwandter Wörter: odal und ob. odal bezeinechte das angestammte Gut, das Erbgut, ob das Gut, den Besitz überhaupt, auch den Schatz, die Kraft. Im Angelsächsischen lautet odal-ethel und od-ed! ob und ed wurden zur Bildung von Personennamen verwandt. Die Namen Otto, Odo, Ot- fried, Odoaker, Ottilie, Eduard, Edmund, Edwin, Editha, ja Uhland-Uodollant (Erbland), Ullmann-Uodolmann (Lehnsmann), Ulrich-Uodalrich (Gutsherr) und die Kurzformen zu letzterem Ute, Uhle, Uz pp beruhen darauf.
31) 1. Odoaker (Odovakar), der germanische Führer der aus Herulern, Skiren, Alanen, Rugiern u. a. bestehenden Hülfstruppen des römischen Heeres, der im Jahre 476 n. Chr. den römischen Kaiser Romulus Augustulus stürzte und somit dem Weströmischen Reiche ein Ende bereitete.
2. Otto Kar II, König von Böhmen und Gegner Rudolfs von Habsburg, der in der Schlacht bei Dürnkrut nächst dem Marchfelde am 26. August 1278 Sieg und Leben verlor. —
M) Heyne, M., „Altniederdeutsche Eigennamen aus dem neunten bis elften Jahrhundert", Halle 1867, S. 21.
33) Reimer, a. a. O., I, 26. 34) Ebenda, I, 29.
35) Stein, Fr., „Geschichte Frankens", I. Bd., Schweinfurt 1885, S. 72/73.
36) Reimer, a. a. O., I, 35. 37) Dronke, E. F. I., „Codex diplomaticus Fuldensis". Cassel 1850, Nr. 669.
3S) Abee, V., „Die Namen der Verwandten und Geschlechtsgenossen in den Urkunden des Klosters Fulda",. Mitten 1890, S. 17, 20.