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Seite 190 ^^^^r^r^i^£^^^ Unsere Heimat c^c^i^^^^c^c^^^i^i^ Nr. 5/6

erfuhr Madame Leblanc etwas davon. Herr Leblanc war seit unserer Rückkehr verschlossener, abstoßender als je. Ich! hielt es für Hypochondrie und bedauerte ihn. Am 30. November war es, wo die Situation sich endlich klärte. Er bat mich, ihm auf die Terrasse zu folgen. Da eröffnete er mir, daß der Fürst mich erwarte, daß ich 3600 Franken Gehalt bekommen würde, daß ich gewiß mit großer Freude die Nach!- richt entgegen nähme, da ich in ein solches Haus und zu einer Stelle käme, um die Tausende sich zu bewerben beeilen würden und zwar unter weniger glänzenden Bedingungen. Statt Freude drückte ich! Erstaunen aus über diesen Menschenhandel uno erklärte, daß ich. fdfon deshalb von dem Anerbieten keinen (Sebrau^ machen würde. „Ich habe das vorausgesehen", sagte Leblanc, „und daher die Brücke hinter mir abgebrochen". „Das heißt", fiel ich ihm empört in die Rede, „wenn ich nicht in das Haus bes Fürsten gehe, so kann ich auch! nicht in bem Ihri­gen bleiben?" „So ist es", sagte er. Und ich: „Da Sie so wollen, so sei es. Schreiben Sie dem Fürsten, daß ich nicht acceptiere, und haben Sie die Güte, mich! so lange in Ihrem Hause zu dulden, bis ich meine Habseligkeiten eingepackt habe." Darauf em= pfahl ich mich! und wollte mich auf mein Zimmer zu­rückziehen. Felir hatte unserem Gespräch gelauscht. Er fiel leichenblaß in meinen Arm. Auch die Mutter weinte, während der, der das Herzeleid verschuldet ^atte, düster den Schattengang des Gartens hinauf- ging.

Das Ereignis ward ruchbar. Sämtliche Franzosen unserer Bekanntschaft tarnen, zum Teil erpreß, dem Herrn Leblanc ihre Verwunderung auszudrücken, daß er aus Rücksicht für andere, die doch gewiß aud), ohne dies sich helfen könnten, bas eigene Interesse aus den Augen verliere. Und als sie inne wurden, daß ihre Vorstellungen bei ihm fruchtlos waren, kamen sie zu mir. Ich sollte mich fügen und nicht durch Uebereilung mein Glück verscherzen, dadurch meine Anhlänglichkeit an das Haus Leblanc beweisen, daß ich mich zu dem Opfer ^ergäbe, das Leblanc aus Dankbarkeit dem Fürsten bringen zu müssen glaube. Ich! hatte ganz das Aussehen eines trostlosen Jüng­lings. Ich verließ nicht mein Zimmer, und ba stand oder saß ich, die Brust durchkreuzt von sehr ver­schiedenartigen Gefühlen und wankend gemacht durch das, was mir so viele Personen unb alle, ich muß sagen, mit wahrer Herzlichkeit ans Herz und in die Vernunft legten. Auch muß ich! zu meiner Beschä­

mung gestehen, ^a^ mir das Wohltat und schmeichelte. Die Vernunft siegte. War mein Trachten nicht im­mer, mich mehr auszubilden und die Mittel zu er­langen, die dazu am meisten beizutragen vermochten? Und ist in dieser Beziehung die Stelle eines Prinzen­führers in einer Universitätsstadt wie Bologna sowie der damit verbundene höhere Gehalt nicht ein großer Fortschritt? —

Mein Abschied von Florenz wird wohl schmerzlich sein, wie brillant auch das Roß aufgeschirrt ist, das mich, auf dem Wege, den ich! in der Welt machte, wei­ter tragen soll. Lausanne mit dem See, mit den Alpen, mit den Reben, mit der französischen Sprache und Literatur, mit den Anklängen aus der weiten, hohen Welt war auf diesem Wege die erste Station. Florenz mit dem Schönsten, was Geschichte, Poesie, Kunst und Flur zu bieten imstande sind, war die zweite. Und nun schlage ich mein Zelt aus der drit­ten auf, auf den immer noch glanzvollen Ruinen des Kaiserreichs. Der Kaiser Napoleon ist mehrmals durch Schlüchtern gekommen. Er saß in seinem Reise­wagen und würdigte das Städtchen kaum eines Blicks. Wer mir da gesagt hätte, ich würde einst in seinem franse eine wichtige Stellung einnehmen, würde ge­wissermaßen Sitz und Stimme bekommen! Und er hat sich auch! nichts davon träumen lassen, der gute Onkel meines zukünftigen Zöglings! —

Besonders schwer ward für Lotich die Trennung von seinem Schüler Felir „Ich hatte schon gestern Abschied von meinem lieben Felir genommen. Diesen Morgen aber war er heimlich in aller Frühe auf­gestanden, um mich erst noch einmal vor meiner Ab­reise zu sehen. Es ist kein Wunder, wenn sein Va­ter eifersüchtig auf mich ist. Wenn ich der Liebe, die dieses Kind für mich hat, recht entspräche, so dürfte ich! jetzt an gar nichts Erheiterndes denken. Man weiß aber die tieferen Gefühle mit so viel Ge­genvorstellungen in die Ecke zu verweisen."

Rührend sind die deutschen Briefe, die Felir später seinem Lehrer noch viele Jahre schrieb. Lotich hat sie alle als liebe Erinnerungen aufbewahrt, von den ersten kindlichen bis zu den späteren, die der Jüng­ling schrieb in einem so tadellosen Deutsch, daß man hinter ihnen kaum einen Ausländer als Verfasser ver­mutet. Und fast kein Brief, in dem der Schreiber nicht dankt für das, was der Lehrer ihm einst war und gegeben hat.

Fortsetzung folgt.

«K»

Der dreißigjährige Krieg im Kreffenbacher Kirchenbuch, Von Georg Kahl in

m Juli 1914 hat Herr Rektor Maldfeld- Steinau eine längere Arbeit für den Schlüchterner Hei- matboten von 1915 geschrieben: „Von den 3 Zuchtruten, die im 30jährigen Krieg über unsere Heimat gegangen sind". Einer seiner Hauptge­währsmänner war der Pfarrer Martin Feilinger, von dem in verschiedenen Kirchenbüchern umfang - reiche Aufzeichnungen aus jener Zeit erhalten sind. Diese Quellen wurden bisher nur in beschränktem Maße mitgeteilt und sind doch jetzt wieder für uns von erhöhtem Interesse, besonders auch die Aus­zeichnungen im Kressenbacher Kirchenbuch. Was Erb

Frankfurt a. M.

da findet, stellt natürlich nicht eine lückenlose, fort­laufende Chronik der Ereignisse in Kressenbach! wäh­rend bes langen, furchtbaren Krieges bar. Es sind eben in der Hauptsache Eintragungen unter den Rub­riken: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und dazwi­schen verstreut Bemerkungen und kurze Mit­teilungen persönlicher Art über das Zeitgeschehen, das jedoch mit den allgemein bekannten großen Er­eignissen kaum hineinspielt. Wir erfahren vieles nicht, was wir gerade gern wissen möchten und wieoer manches, was uns kaum interessiert. Aber wir haben in unsern eigenen Erlebnissen während der Kriegs-