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Nr. 3/4 ^^^^^^r^^^r^^c^ Unsere Heimat ^^i^^^^/^^r^^^^ Seite 173

und bann von Wien aus in die Nachbarschaft, unb dann muß es natürlich au^ wieder zurück gehen. Da lernt man wieder einen andern Durchmesser der Al­pen und wieder eine andere Linie von Italien ken­nen."

Elf Tage dauerte die Reise nach Wien. Mit Extrapost ging es über Bologna, Padua, Venedig, Campo Formio, Friaul, Udine, am Tagliamento hin­auf, über Ponteba, Villach, Leoben. Besonders Ve­nedig entzückte Lotich.

Venedig! Was springt alles aus diesem Wört- chen heraus! Jahrhunderte, vierzehn an der Zahl, voll der eigentümlichsten, die Phantasie aufs leb­hafteste ergreifenden Erscheinungen ! Und unser Weg dahin, welch' eine Reihe von Gaukelgebilden, von denen jedes einzelne entzückt, und die zusammen eine Musik abgeben, der schönsten Ouvertüre vergleich'- bar.

In aller Frühe war ich in Padua aufgestanden, um von dieser berühmten Stadt und namentlich von ihrem Universitätsgebäude, von welchem Ulrich von Hütten und Petrus Lotichius Secundus so oft ge­sprochen, wenigstens einen flüchtigen Eindruck zu be­kommen. In einer Postgondel durchsuhren wir von Maestre aus die schwarzen Gewässer des Kanals. Das Wasser wurde allmählig Heller und breiter, die Luft frischer und Venezia erschien, aber noch nicht in ihrem romantischen, unvergleichlichen Kleide. Erst als wir in den Canalezze einbogen, und als sich rechts und links die wunderbaren Paläste und Tempel auf- stellten, da hätte ich weinen mögen vor Lust unb Wonne. Ich glaube, daß ich ganz blaß aussah, und daß meine Lippen gestammelt hätten, wenn ich hätte sprechen sollen. Das Anlegen unserer Gondel an der Treppe des Gasthofs und die Stimmen der herbei- geeilten Diener gaben meinen Gefühlen und Ge­danken eine andere Wendung. Nachdem wir zu Mittag gegessen, bestiegen wir wieder die Gondel, die uns von einem merkwürdigen Orte zum anderen bringen sollte. Seiten würde ich füllen, wenn ich alles schreiben wollte, was ich zu sehen bekam, was ich empfand und phantasierte. Am Palazze Ducale stiegen wir aus, sahen den Platz, die Markuskirche. Von dort begaben wir uns zur Academie der schönen Wissenschaften, wo wir die Himmelfahrt Marias von Tizian und verschiedene Tintorettos bewunderten. Als die Sonne unterging, waren wir wieder in der Gondel. Ein prächtiges Schauspiel! Die vielen Gon­deln, mehrere Fregatten mit verschiedenen Flaggen, das Dampfschiff, welches zweimal in der Woche nach Triest fährt. Nachher Promenade in den Säulen- gängen von St. Marco, die schönen Magazine, Kaf­feehäuser mit Sängern und Sängerinnen. Und dann am Abend die Fahrt in's Theater Benedetto. Tiefe Stille, nur der Ruderschlag des Gondeliers.

In Ponteba erreichten die Reisenden deutsches Sprachgebiet, und höher schlug das deutsche Herz.

Ponteba ist ein merkwürdiger Ort. Da sitzen Germania und Italia, eine jede schon in ihren At­tributen erkennbar, einander gegenüber, getrennt von einem Bach. Es sind keine Standbilder von Stein oder von Holz. Daher können sie zuweilen sich er­heben und einander in die Haare fallen. Ich habe ihnen nicht recht ins Gesicht sehen können und weist daher nicht, mit welcher Miene sie sich einander an sehen, wird so erbaulich grade nicht sein. Welche Verschiedenheit diesseits und jenseits der Brücke. Ge­

blüt, Gemüt, Geist, Gesinnung, Sprache, Aussehen, Anstand, Tracht, Haus und Hof, Garten und Felö, alles verschieden, sogar das Vieh. Und sie waschen in demselben Wasser, baden in derselben Luft, blik- ken auf zu demselben Himmel. Wir stiegen diesseits des Flusses ab, und ich must gestehen, in der Freude, die ich- empfand, wurde ich' gegen Italien ungerecht. Die schön gedielten Zimmer, das reinliche Gerät, und Geschirr, das verschämte Auftreten unserer hüb­schen Aufwärterin, das sanfte Sprechen, der Wohl­klang der deutschen Sprache im schönen, frischen Munde, das Duftende, Ansprechende dessen, was wir genossen, so manches, um nicht zu sagen alles, tat mir außerordentlich wohl. Und ich triumphierte or­dentlich, als ich' merkte, daß es auch' meinen Gefähr­ten wohltat; und als sie es laut aussprachen, da lauschte ich', wie eine Verliebte lauscht, wenn ihr ein Ständchen gebraut wird. Mein Mund triefte, was freilich seine lächerliche Seite hat, von Muttermilch. Wie gesagt, auch draußen sieht es anders aus. Da gibt es Grasgärten beim hölzernen Hause mit Zwet- schen-, Birnen- und Apfelbäumen. Da sieht man Wiesen, die Berge sind mit Wäldern bestanden. Auf den Feldern steht der Klee in Büscheln auf hohen Pfählen. Manns- und Weibsleute mit großen, run­den Filzhüten, mächtige, glänzend genährte Pferde."

Drei Wochen blieben sie in Wien. In vollen Zü­gen wurde genossen, was die Kaiserstadt und ihre Umgebung den verwöhnten Reisenden bot: Die Gärten der Fürsten Lichtenstein und Schwarzenberg, der Prater, die Kapuzinerkirche mit der Kaisergruft, St. Stephan, Burgtheater, das Schlachtfeld von As- pern. Interessant weiß Lotich zu schildern, was er da sah und erlebte.

Was wir für ein Geld ausgeben, geht in's Fabel­hafte. Wir hatten für die Dauer unseres Aufent­haltes von unserem Gasthalter einen eleganten Wa­gen gemietet. Der Kutscher in Livree war ein stiller, zuverlässiger Mensch, der seine Rosse zu lenken wußte. Meinem Prinzipal, der sich nur zu vergessen scheint, wenn er einmal mit mir sich gehen läßt und gemütlich wird, muß ich die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er als Franzose und noch dazu als Pariser nie odiöse und wegwerfende Vergleiche anstellte. Im Gegenteil, nicht selten fiel der Vergleich zu Gunsten Wien's aus. So meinte er, das Gewühl und Ge­dränge und die Lustbarkeit sei in Paris kaum so wie hier. Auch die Equipagen, Gärten und manches an­dere sei hier glänzender. An manchen Dingen ftrich er sogar das Geschmackvolle heraus. Ich möchte sagen, mit Liebenswürdigkeit lauschte er den Lauten der deutschen Zunge und im Theater folgte er ihr mit Anteil selbst bis in den Schlund und in die Gur­gel. Und daß das ungekünstelt war, sah man ihm deutlich an. Aus Compliment hätte er es nicht ge­tan, weil er da, wo er nicht an der Person hinauf- zuschauen braucht, grade nicht complimentös ist. In Schönbrunn, auf dem Felde von Wagram ließ er nicht die französische Uniform spielen wie einen glän­zenden Gegenstand in der Sonne. Und bei Aspern, wo die Austria sich hinsetzt, wenn sie sich trösten will, dachte er wahrscheinlich, das war ein Klecks, der gleich wieder radiert worden ist, und gönnte der Austria ihren Trost."

In der Gattin eines Herrn von Rosenthal lernte Lotich in Wien eine Landsmänin kennen, eine Frank- furterin. An diese Bekanntschaft knüpft er die Be-